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28. April 2010, 09:06 Uhr

Goldman-Verhör im US-Senat

Senat quält die Wunderjungs der Wall Street

Von , New York

Elf Stunden dauerte das Kreuzverhör: Vor dem US-Senat mussten sich sieben Goldman-Sachs-Manager für ihre vertrackten Finanzprodukte rechtfertigen - und immer neue Verbal-Attacken aushalten. Doch statt Einsicht zeigten die Banker nur mühsam verhohlen ihre Verachtung für die Politiker.

Das ist er also, der "fabelhafte Fab". Nach zehn Tagen wilder Gerüchte zeigt er sein Gesicht, der Mann im Mittelpunkt des Goldman-Sachs-Skandals. Nach zehn Tagen Gerede über seine kompromittierenden E-Mails, seinen rasanten Lebenslauf, seine "lauten Partys". Nach zehn Tagen, in denen seine Person trotz allem so unscharf geblieben ist wie sein Facebook-Foto: Endlich meldet er sich persönlich zu Wort.

Wenn auch wider Willen. Dass Fabrice Tourre nur deshalb vor dem US-Senat erscheint, weil er erscheinen muss, ist ihm deutlich anzumerken. Zwar gibt er sich betont höflich, sagt "danke" und "bitte" und spricht den Ausschussvorsitzenden mit "Mr. Chairman" an. Doch bei jeder Frage kräuseln sich seine Mundwinkel, und ab und zu entschlüpft ihm ein Seufzer, als wolle er am liebsten wegrennen.

Zu spät. Als die US-Börsenaufsicht SEC Goldman Sachs wegen Betrugs anklagte, klagte sie als einzigen Goldman-Mitarbeiter auch deren Vizepräsidenten Tourre mit an, da er für den inkriminierten Deal verantwortlich zeichnete: Tourre habe seinen Klienten, darunter der deutschen Mittelstansbank IKB, wissentlich ein faules Finanzprodukt angedreht.

Der 31-jährige Franzose war am Dienstag einer von insgesamt sieben Zeugen, die der Untersuchungsausschuss des Senats schon Monate vor dem SEC-Querschlag vorgeladen hatte, um Goldmans Rolle in der Finanzkrise zu klären. Auch Bankchef Lloyd Blankfein war mit dabei. Dank der Klage richteten sich nun aber alle Augen nur auf einen: Fabrice Tourre.

Die Zeugen wurden zu Angeklagten

Nicht zuletzt deshalb wurde die gesamte Anhörung auch schnell zum Schauprozess, der die tiefe Wut auf die Wall Street offenbarte - und die Zeugen wurden zu Angeklagten. Vor allem die Demokraten witterten eine Chance, ein Exempel zu statuieren, um ihre geplante Finanzmarktreform voranzutreiben, die gerade im Senat klemmt.

Der demokratische Ausschussvorsitzende Carl Levin warf den Bankern schon zur Begrüßung "zügellose Gier" vor. Dann wiederholte er ein Dutzend Mal, wie die Goldman-Trader eines ihrer faulen Kreditprodukte genannt hätten, obwohl es für die Verkaufsabteilung "Top-Priorität" gehabt habe: "Beschissener Deal".

"Ich finde nicht, dass wir etwas falsch gemacht haben", erwiderte Dan Sparks unterkühlt, der damalige Vorgesetzte Tourres bei Goldman.

Da kollidierten zwei Weltanschauungen. Auf der einen Seite: Die Wall Street, vertreten durch die Banker, die auf stur schalteten wie "bockige Schuljungen" ("New York Times"). Auf der anderen Seite: Die "Main Street", vertreten durch die populistisch schäumenden Politiker, die den Zeugen immer wieder ins Wort fielen.

Die Banker fühlen sich verfolgt. Das Volk, wie die Politiker, fühlt sich verraten und verkauft.

"So viel Negativität"

So oder so, die fast elfstündige Marathon-Inquisition offenbarte die Vertrauens- und Imagekrise der Wall Street: Ihr größtes Talent ist plötzlich zu ihrem größten PR-Problem geworden - die Kunst, so viel Geld wie möglich zu scheffeln, mit welchen Mitteln auch immer.

Früher wurden die Finanzhaie dafür gepriesen. Heute gilt es als Wurzel allen Übels. "Sie spielen am Markt und besudeln ihn", rief die Demokratin Claire McCaskill, die die Wall Street mit den Casinos von Las Vegas verglich. Woran sich nur ihr republikanischer Kollege John Ensign aus Nevada stieß: In Las Vegas werde das Spiel wenigstens nicht manipuliert.

"So viel Negativität", seufzte Blankfein, der sich und seine Branche trotzig verteidigte, bis es dunkel wurde. Doch selbst der Republikaner John McCain blieb hart: Demonstrativ fragte er Blankfein nach seinem Bonus für 2009 - "neun Millionen Dollar", gab der stotternd zu. Viele Amerikaner darbten weiter, grunzte McCain da nur, "aber ihnen geht's wohl wieder ganz gut".

Es war jedoch nicht Blankfein, sondern Tourre, der die Konflikte der Branche an diesem langen Tag am krassesten personifizierte: Ein hochbezahltes Wunderkind, das über Nacht zum Symbol all dessen wurde, was die Leute hassen an der Wall Street. "Französischer Party-Boy", titulierte ihn die "New York Post".

Tourre streitet jeden Vorwurf ab

Dabei ist Tourre gar kein "Master of the Universe", wie sich sein literarisches Pendant in Tom Wolfes "Fegefeuer der Eitelkeiten" einst rühmte. Der Mann, der sich da vor den Senatsanklägern wand, war klein, schmächtig und schmal. Er hatte ein Milchgesicht, schielte leicht und sprach scheu, mit schwerem französischem Akzent. Seine helle Stimme passte gar nicht zu dem Finanz-Kauderwelsch, hinter dem er sich versteckte.

"Wir haben keine Pflicht, die Investoren zu beraten", sagte Tourre spitz. Seine Klienten - darunter eben auch die IKB - seien allesamt "hochaufgeklärte Investoren" gewesen. Will heißen: Sie wussten, was sie taten. "Für eine Durchschnittsperson", fügte Tourre mit einem Seitenblick auf die Senatoren hinzu, "mag der Nutzen dieser Produkte nicht ersichtlich sein."

Sonst sagte er wenig, abgesehen von seiner Unschuldsbeteuerung: "Ich streite die Vorwürfe der SEC kategorisch ab." Hinter ihm wachte eine Riege Goldman-Anwälte über jedes Wort.

Dies war derselbe Mann, der 2007 in einer E-Mail über den kommenden Crash jubelte: "Das ganze Gebäude kann jetzt jeden Moment zusammenbrechen. Einziger potentieller Überlebender, der fabelhafte Fab… der inmitten dieser komplexen, fremdfinanzierten, exotischen Trades steht, die er erfunden hat."

Peinliche Prahlerei

Diese Prahlerei ist ihm heute peinlich, zumindest versuchte er, diesen Eindruck zu vermitteln. "Ich bedauere diese E-Mails zutiefst", murmelte Tourre. "Sie werfen ein schlechtes Licht auf die Firma und mich. Ich wünschte, ich hätte sie nicht gesendet."

Doch er hat sie gesendet, und die Senatoren hauten sie ihm nun um die Ohren, als Indizien für die Verworfenheit der ganzen Wall Street.

Etwa die E-Mail, in der er sich über seinen Job amüsierte: Dessen "nobles und ethisches Motiv" sei nichts anderes, als "effizientere Wege für die Verbraucher zu finden, sich zu verschulden". Oder die, in der er seine Finanzprodukte als "Frankenstein"-Investments und "intellektuelle Masturbation" verlachte.

Die E-Mails sind Bestandteil eines massiven Beweiskatalogs, den der Ausschuss gegen Goldman Sachs zusammengetragen hat: 901 Seiten, 173 Einzelposten - E-Mails, Memos, Statistiken, Spreadsheets, sie lagen als fette, kiloschwere Ordner vor den Politikern und ihren Zeugen. Die Hälfte der Zeit verbrachten sie damit, in dem Wust laut raschelnd nach bestimmten Stellen und Zitaten zu suchen.

Elf Stunden ohne Verständigung

Allein dieses Schauspiel zeigte, wie unüberschaubar das Problem ist, trotz der relativ einfachen Kernfrage: Wem dient die Wall Street - sich selbst oder den Investoren? Ist sie Marktmacher - oder Marktmanipulator?

Der von der SEC beanstandete Fall, bei dem es um das Finanzprodukt "Abacus 2007-AC1" geht, ist da nur ein Beispiel von vielen. "Goldman verdiente viel Geld, indem es gegen den Hypothekenmarkt wettete", wütete Levin und hielt eine E-Mail hoch, in der Blankfein selbst zugab: "Wir verloren Geld, und dann verdienten wir mehr, als wir verloren hatten."

Außer Blankfein, Tourre und Sparks mussten sich Finanzchef David Viniar, Risikomanager Craig Broderick, Top-Trader Michael Swenson und sein Ex-Kollege Josh Birnbaum vor dem Ausschuss verantworten. Alle ließen die Vorwürfe an sich abprallen, konnten sich "nicht erinnern", verstanden die Frage nicht, spielten auf Zeit, blätterten betont langsam in den Akten. "Wir werden so lange bleiben, wie es dauert, Antworten zu kriegen", drohte Levin.

"Als ich fortging, war ich stolz", sagte Sparks, der Goldman im April 2008 abrupt verließ. "Und das bin ich heute noch." Ob er sich nicht unwohl fühle, Klienten schlechte Produkte verkauft zu haben, wollte Levin wissen. "Wie gewöhnt ihr Kerle euch daran?" Sparks war überfordert: "Ich verstehe die Frage nicht."

Es war ein typischer Wortwechsel. Fast elf Stunden lang redeten sie aufeinander ein - und aneinander vorbei. "Es ist", resümierte der Demokrat John Tester am Ende erschöpft, "als sprächen wir zwei verschiedene Sprachen."

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