Gorillas-Chef vor wütenden Mitarbeitern »Im Herzen bin ich Rider«

Der Zehn-Minuten-Lieferdienst Gorillas will das Lebensmittelgeschäft revolutionieren. Doch nach einem Jahr hat Firmenchef Kağan Sümer Ärger mit der Belegschaft. Da hilft selbst ein Tattoo nicht mehr.
Gorillas-Chef Sümer (links) stellt sich seinen Fahrradkurieren: »Es gibt einen Plan«

Gorillas-Chef Sümer (links) stellt sich seinen Fahrradkurieren: »Es gibt einen Plan«

Foto: Anton Rainer / DER SPIEGEL

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Es gibt viele Möglichkeiten, wie ein Firmenchef auf eine streikende Belegschaft reagieren kann. Mit harter Hand oder Mitgefühl, mit höheren Gehältern oder kürzeren Arbeitszeiten. Kağan Sümer, Chef des Liefer-Startups Gorillas, hat seine eigene Antwort gefunden: eine sommerliche Fahrradtour.

Ab dem 28. Juni, so hatte er es angekündigt, wolle er auf seinem Rad durch ganz Deutschland düsen, von Lager zu Lager, um mit seinen Angestellten ins Gespräch zu kommen. In jeder einzelnen Stadt, in der Gorillas präsent ist, wolle er vorbeischauen, sagte Sümer. Die Aktion läuft intern unter dem Hashtag #MyNextBigTrip – und soll womöglich mehr zum freundlichen Image des Gorillas-Chefs beitragen als zur Arbeitssituation seiner Kuriere.

Kündigungen in der Probezeit

Sümer kann die Aufmerksamkeit jedenfalls gut gebrauchen, denn es läuft derzeit nicht gerade rund zwischen dem Liefer-Start-up und seinen Angestellten. Bereits im vergangenen Winter stiegen die Mitarbeiter auf die Barrikaden, weil sie trotz eisigem Wetter über die Berliner Straßen rutschen mussten. Lebensmittel, geliefert in zehn Minuten, verspricht das Start-up. Eine Zielmarke, die auch bei Schnee und Regen erreicht werden muss.

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor der Gorillas-Zentrale in Berlin

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor der Gorillas-Zentrale in Berlin

Foto: Anton Rainer / DER SPIEGEL

Vor rund drei Wochen war es schließlich die Kündigung eines Kollegen in der Probezeit, die die Streikenden mobilisierte. Mit Pappschildern und Sprechchören blockierten sie aus Solidarität mit »Santiago« mehrere Berliner Lagerhäuser. Das Unternehmen, das mittlerweile über eine Milliarde Dollar wert ist, rechtfertigte die Entlassung mit »verhaltensbedingten« Gründen – und verweigerte darüber hinaus jeden Kommentar.

Gorillas will keine »politics company« sein

Am 11. Juni, die Streiks hatten damals gerade ihren Höhepunkt erreicht, wandte sich Firmengründer Sümer stattdessen per Videobotschaft an seine Kuriere. Gorillas sei eine »riders company«, keine »politics company«, sagte er. All die Diskussionen um Gewerkschaften, Betriebsräte, Arbeitsbedingungen und Kündigungen seien durch externe Akteure »eskaliert« – die meisten Kuriere seien mit ihrem Job hochzufrieden. Viele Dinge könne man an Gorillas kritisieren, sagte Sümer, das Geschäftsmodell oder die Profitabilität, »aber wir behandeln unsere Fahrer nicht schlecht«.

Es gibt gute Gründe, an dieser Darstellung zu zweifeln. In einschlägigen Telegram- und WhatsApp-Gruppen, in denen sich Fahrer austauschen, ist von verspäteten Gehaltszahlungen die Rede, von überlangen Probezeiten und gefährlich schweren Rucksäcken. Einzelne Kuriere klagen über verspätete Lohnzahlungen und Arbeitszeiten, die zuletzt erhöht wurden. Seit Kurzem operiert Gorillas von 7 Uhr morgens bis Mitternacht. Kurzum: Es gäbe viel zu besprechen zwischen dem CEO und seinen Fahrern.

Eine SMS am späten Morgen

Doch an diesem Montag fehlt von dem umtriebigen Chef zunächst jede Spur. Niemand weiß, ob die angekündigte Tour durch Berlin tatsächlich stattfindet, ein Sprecher will nicht verraten, wann und wo sich der Boss blicken lässt.

An einem Lagerhaus in der Muskauer Straße in Berlin-Kreuzberg sitzt ein junger Italiener, der für Gorillas arbeitet. Von einer Fahrradtour, sagt er, habe er nichts gehört, den Firmenchef schon lange nicht mehr gesehen. Auch am Prenzlauer Berg sei Sümer nicht aufgetaucht. Und vor der Firmenzentrale in der Schönhauser Allee stehen mehr als ein Dutzend Fahrer und rufen erneut zum Streik auf.

Nachricht vom Chef: »See you soon! <3«

Nachricht vom Chef: »See you soon! <3«

Foto: Anton Rainer / DER SPIEGEL

»Get off your bike and pay us!«, steht auf einem Plakat, das sie mitgebracht haben. Eine Sprecherin fordert das Unternehmen mit lauter Stimme zur Lösung seiner vielen Probleme auf – und zu einem »Ende der Unterdrückung«. Eine Fahrerin zeigt auf ihrem zersplitterten Handydisplay eine automatisierte Nachricht, die sie am späten Morgen bekommen hat, sie stammt von Sümer höchstpersönlich. »It’s Kağan«, schreibt der Firmenchef. Er komme bald mal vorbei und werde ein paar Schichten übernehmen. »See you soon! <3« Und tatsächlich: Wenige Minuten später taucht Sümer auf: zu Fuß, ohne Fahrrad.

Ein Tattoo als Treueschwur

Er sei hier, um zuzuhören, sagt Sümer vor den Protestierenden, aber auch um Änderungen anzukündigen: »Es gibt einen Plan  und es gibt einen QR-Code, mit dem man ihn nachlesen kann.« Auch um die ausbleibenden Gehälter werde man sich kümmern, 130 von 300 beanstandeten Lohnzetteln habe man schon bearbeitet. Sümer schwitzt, was vielleicht nicht nur an den hohen Temperaturen liegt. Der Chef werde gerade »geröstet«, schreibt ein Gewerkschaftsvertreter bei Twitter.

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Er habe einen Unfall gehabt, ruft ein Fahrer, weil er in seinem Rucksack mehr als zehn Kilo Lebensmittel tragen musste. Ein anderer klagt über Geld – eine Zahlung, die er eigentlich im Mai erhalten sollte, sei ihm nun erst für Ende Juli versprochen worden. Irgendwann zeigt Sümer verzweifelt auf ein Tattoo. »Im Herzen bin ich Rider«, sagt er. Seinen Arm ziert ein Fahrrad.

Seine eigene Radtour will Sümer weiterhin antreten, nun aber mit einem Tag Verspätung. Dann möchte der Gründer 40 Lager in allen deutschen Städten besuchen und dort jeweils dreistündige Schichten übernehmen. Dort werde er auch Fragen beantworten, ausführlich, etwa darüber, was man in den vergangenen Monaten schon geschafft habe. »Vieles von dem, was wie ein Traum wirkte, ist jetzt Realität«, sagt Sümer. »Das sind keine Träume, das sind unsere Rechte«, ruft ein Fahrer zurück. Die Reaktion des Chefs geht in Sprechchören unter.

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