Umstrittener Lieferdienst Gorillas will in Berlin Franchise-Modell einführen

Das Liefer-Start-up Gorillas versucht seit Längerem, den Aufbau eines Betriebsrats zu verhindern. Nun soll aus jedem Berliner Warenlager ein eigenes Unternehmen werden. Kritiker vermuten einen Zusammenhang.
Gorillas-Fahrer bei der Arbeit: Ohne Betriebsrat auf dem Fahrrad

Gorillas-Fahrer bei der Arbeit: Ohne Betriebsrat auf dem Fahrrad

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Seit Monaten tobt in einem der am schnellsten wachsenden Start-ups Deutschlands ein Arbeitskampf. Der Lieferdienst Gorillas verspricht Lebensmittel innerhalb von zehn Minuten, Tausende Fahrradkuriere liefern deshalb allein in Berlin rund um die Uhr frisches Obst und Gemüse aus. Doch ausgerechnet in der Hauptstadt klagen viele Fahrer seit Monaten über schlechte Arbeitsbedingungen und unpünktliche Gehälter – was sich unter anderem durch die Wahl eines Betriebsrats ändern sollte.

Nun hat das Start-up jedoch eine weitreichende Umstrukturierung seines Unternehmens angekündigt. Man werde in Berlin in Kürze »ein Franchise-Modell testen«, schreibt ein Sprecher. Die sogenannten Warehouses, wie der Lieferdienst seine innerstädtischen Lagerhallen nennt, sollen ab dem 16. November »in eigenständige Unternehmenseinheiten« eingeteilt werden. Alle klassischen Aufgaben einer Firma sollen dann durch Franchisenehmer erfüllt werden, darunter die Schicht- und Stellenplanung. »Für die Unternehmenseinheit sind Warehouse Manager verantwortlich«, schreibt Gorillas.

Unterläuft Gorillas die Betriebsratswahl?

Kritiker vermuten hinter der spontanen Aktion einen weiteren Versuch, die für Ende November angekündigte Einsetzung eines Betriebsrats zu verhindern. Wie der SPIEGEL berichtete , plante das Unternehmen bereits, auf juristischem Weg einen sofortigen Abbruch der Wahl durchzusetzen. In einem Antrag auf einstweilige Verfügung schrieben die Gorillas-Anwälte, dass selbst ein »korrigierender Eingriff in die Wahl« aufgrund zahlreicher Formfehler gar nicht mehr möglich sei. Der Hauptgrund: »Es ist völlig unklar, für welchen Betrieb denn nun ein Betriebsrat gegründet werden soll.«

Tatsächlich hatte Gorillas selbst eine kurzfristige Neustrukturierung des Unternehmens durchgesetzt, die Anfang Oktober in Kraft trat. Seitdem beschäftigt eine zweite Firma alle Kuriere und die Mitarbeiter in den Lagerhäusern. Schon damals lag die Vermutung nahe, dass sich der Schritt in erster Linie gegen die Arbeitnehmervertreter richtete. Nun folgt, nur wenige Wochen später, die nächste Umstrukturierung.

Am Tag vor dem Gerichtstermin

Für Martin Bechert, der zahlreiche Fahrradkuriere vor Gericht vertritt, zeigt der Schritt ein »Union Busting wie aus dem Drehbuch«. Man zerstückle sein Unternehmen so stark, dass die Interessensvertretung der einzelnen Kuriere keine Chance auf Organisation habe. »Es ist eine systematische Vereinzelung der Arbeitnehmer«, sagt Bechert.

So sei auch der gewählte Termin kein Zufall. Nur einen Tag, nachdem das Unternehmen sein »Franchise-Modell« einführen will, am 17. November, entscheidet das Arbeitsgericht Berlin, ob der einstweiligen Verfügung gegen die Betriebsratswahl stattgegeben wird. Ein Prozess, der nun auf wackeligen Füßen steht – zu einer Wahl dürfte es dank der Bemühungen des Start-ups wohl nicht mehr kommen, glaubt Anwalt Bechert.

Gorillas sucht bereits nach Managern

Währenddessen sucht der Express-Lieferdienst bereits nach Franchisenehmern. Um die Pilotphase zu starten, schreibt Gorillas in seiner Mitteilung, suche man »nach Menschen mit unternehmerischem Geist, mit denen das Unternehmen diese spannende neue Möglichkeit ergreifen und gemeinsam gestalten kann«.

Und wie sieht es mit der Interessensvertretung in den neuen Mini-Unternehmen aus? Auch die sei weiterhin möglich, Mitarbeiter könnten sich immerhin durch »direkte Gespräche, interne Feedback-Kanäle und weitere Formate, die in ihrem Lager zur Verfügung stehen, Gehör verschaffen«, schreibt Gorillas. Daneben bestehe auch die Möglichkeit, eine formelle Arbeitnehmervertretung einzuführen – vorausgesetzt, dass sich bis dahin nicht wieder die Strukturen ändern. Über seine Mitteilung hinaus wollte Gorillas keine weiteren Fragen beantworten.

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