Griechen-Referendum Papandreou pokert - Europas Börsen stürzen ab

Premier Papandreou nennt es einen "demokratischen Schritt", Finanzexperten sprechen von "Selbstmord": Die Griechen sollen über das Rettungspaket der Euro-Länder abstimmen. Anleger fürchten ein Nein - und damit die Pleite der Regierung in Athen. Der Dax bricht um sechs Prozent ein.
Börsenhändler in Frankfurt: Entsetzen über Volksabstimmung

Börsenhändler in Frankfurt: Entsetzen über Volksabstimmung

Foto: dapd

Hamburg - Die Schuldenkrise in Europa hat sich am Dienstag erneut verschlimmert, die Finanz- und Anleihenmärkte befinden sich teils im Schockzustand. Nachdem Griechenlands Regierungschef Georgios Papandreou verkündet hat, er wolle das Volk über die Hilfs- und Sparmaßnahmen abstimmen lassen, die die Retter aus dem restlichen Europa für sein Land beschlossen haben, herrscht an den Börsen große Verunsicherung.

Der deutsche Leitindex Dax   rutscht immer tiefer ins Minus. Pendelte er zum Handelsauftakt noch bei minus drei Prozent, verbuchte er am frühen Nachmittag zwischenzeitlich Verluste von fast sechs Prozent. Der EuroStoxx  , der die 50 wichtigsten europäischen europäischen Aktienwerte abbildet, lag am Mittag rund 4,5 Prozent im Minus. Der französische Cac 40 verlor mehr als vier Prozent, der Londoner FTSE 100   gab gut drei Prozent nach.

Vor allem die Werte von Banken und Versicherungen brachen ein. Aktien der Commerzbank  und der Allianz   pendelten am Mittag mehr als sieben Prozent im Minus, Aktien der Deutschen Bank   verloren gar mehr als acht Prozent. Die Institute halten zum Teil griechische Staatsanleihen in Milliardenhöhe, und viele Anleger fürchten nun große Verluste. Denn sollten die Griechen bei dem angekündigten Referendum gegen die EU-Rettungsmaßnahmen stimmen, würden die EU-Partnerländer wohl ihre Hilfen stoppen, und das Land wäre pleite.

Schon warnt die Rating-Agentur Fitch vor den Folgen für die Finanzstabilität Griechenlands und der gesamten Euro-Zone. Eine Ablehnung würde das Risiko für einen erzwungenen und ungeordneten Kreditausfall erhöhen, schreibt die Agentur in einem Kommentar. Auch ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion werde wahrscheinlicher.

Risikoaufschläge von italienischen Anleihen auf Rekord-Hoch

Damit überträgt sich die Unruhe auch auf andere, ebenfalls angeschlagene Euro-Länder. Anleger fürchten, dass die neue Griechenland-Krise Auswirkungen auf Staaten wie Italien oder Spanien haben könnte. Auch Fitch mahnt, die Absicherung anderer Euro-Ländern sei jetzt noch dringender geworden. Der Euro-Rettungsschirm müsse schnell schlagkräftiger gemacht werden und die Europäische Zentralbank (EZB) zu weiteren Käufen italienischer und spanischer Staatsanleihen bereit sein.

Die Zinsen, die diese Länder für ihre Staatsanleihen zahlen müssen, sind am Dienstag teils deutlich gestiegen. Gut erkennbar ist dies an den Risikoaufschlägen, die solche Staaten im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen zahlen müssen. Deutsche Staatsanleihen gelten als äußerst solide Anlage, die deutsche Regierung zahlt deshalb sehr geringe Zinsen. Je größer die Differenz zwischen den deutschen Zinsen und den Zinsen eines anderen Landes ist, desto größer ist das Misstrauen der Anleger.

Die Aufschläge für zehnjährige Staatsanleihen Italiens stiegen am Dienstag auf den höchsten Wert seit der Einführung des Euro. Sie lagen 4,36 Prozentpunkte über dem Zinssatz, den die Deutschen zahlen müssen. Insgesamt lagen die Zinsen für Italien bei 6,26 Prozent - und damit nur knapp unter jenen sieben Prozent, die als kritische Grenze gelten, ab der sich ein Land nur noch mit Mühe aus eigener Kraft finanzieren kann.

Belgiens Risikoaufschläge lagen bei 2,51 Prozentpunkten, die von Spanien bei 3,76 Prozentpunkten und die von Frankreich bei 1,17 Prozentpunkten. Den französischen Banken drohen besonders hohe Verluste, weil sie viele Staatsanleihen aus Krisenländern halten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert nach Aussagen von Händlern bereits auf die steigenden Zinsen für Staatsanleihen. Die Notenbank erwerbe vor allem italienische Anleihen mit acht- und zehnjähriger Laufzeit, hieß es am Dienstag. Sie erhöht mit den Käufen künstlich die Nachfrage nach diesen Anleihen und drückt so die Zinsen. Seit Ausbruch der Euro-Krise hat die EZB bereits Staatsanleihen im Wert von fast 170 Milliarden Euro gekauft - obwohl dies eigentlich nicht zu ihren Aufgaben gehört.

ssu/dpa/Reuters
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