Griechenland-Abstufung Westerwelle fordert europäische Rating-Agentur

Nach der Herabstufung der Kreditwürdigkeit Griechenlands auf Ramsch-Status und den folgenden Schockwellen an den Börsen geraten nun die Rating-Agenturen unter Beschuss. Außenminister Westerwelle sprach sich für eine unabhängige europäische Bewertungs-Einrichtung aus.

Außenminister Westerwelle: "Es muss eine Lehre gezogen werden"
dpa

Außenminister Westerwelle: "Es muss eine Lehre gezogen werden"


Frankfurt am Main - Die drastische Herabstufung Griechenlands schickte ein Beben durch die weltweite Börsenlandschaft - nun mehrt sich die Kritik am Vorgehen der Rating- Agenturen.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) plädierte für die rasche Einrichtung einer unabhängigen europäischen Bewertungs-Agentur. Aus der Finanz- und Wirtschaftskrise müsse schnellstens die Lehre gezogen werden, dass die Europäische Union "der Tätigkeit von Rating-Agenturen eigene Bemühungen entgegensetzt", sagte Westerwelle den Zeitungen der WAZ-Mediengruppe (Donnerstagausgaben). Er hoffe daher darauf, dass so schnell wie möglich eine unabhängige europäische Rating-Agentur entwickelt werde, so Westerwelle.

Vor allem der Zeitpunkt der Herabstufung überraschte viele Kritiker. "Es ist durchaus fragwürdig, ob das Timing glücklich gewählt ist. Standard & Poor's hätte gut daran getan zu warten, bis alle Fakten auf dem Tisch liegen", sagt der Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus und Burkhardt, Stefan Schilbe. Nur wenn klar sei, welche Sparmaßnahmen Griechenland zur Bereitstellung der Milliardenhilfen leiste, könne die Bonität des hochverschuldeten Landes richtig beurteilt werden, moniert der Ökonom.

So könne sich das Problem für Griechenland noch verschärfen, weil bei einer starken Herabstufung institutionelle Investoren wie Versicherer oder Pensionskassen Anleihen des Landes nicht mehr in ihren Depots halten dürfen. "S&P muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in einem illiquiden Markt diese Prozesse noch verschärft zu haben", sagt Schilbe. Eine Rettungsaktion könne dadurch noch teurer werden. Die Hellenen sollen vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und den Euro-Ländern Hilfen von bis zu 45 Milliarden Euro bekommen.

EU-Kommissare mahnen die Agenturen

Auch die EU-Kommission ist sauer auf die Rating-Agenturen. Kommissionssprecherin Chantal Hughes ermahnte sie, ihre Arbeit "verantwortungsvoll zu erledigen". Die Agentur solle für ihre Einstufung mehr die "Realitäten" berücksichtigen, sagte Kommissionssprecher Amadeu Altafaj Tardio. Er verwies auf die Verhandlungen von Kommission, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) in Athen, die kurz vor dem Abschluss stünden.

Kommissionspräsident José Manuel Barroso schaltete sich von einem Besuch aus Tokio ein: Er betonte, die EU habe bereits eine bessere Regulierung der Agenturen auf den Weg gebracht. Der Verhaltenskodex, der Interessenkonflikte ausschließen soll, tritt aber erst im Dezember in Kraft. "Wir werden das Verhalten des Finanzmarktes genau beobachten", sagte Barroso.

Scharfe Kritik an der Herabstufung kommt auch vom Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Schon seit längerem müsse jedem Beobachter klar sein, dass die Sanierung der griechischen Staatsfinanzen "keine Kurzgeschichte" sei, sagt er im "Handelsblatt". "Das Handeln der Rating-Agenturen überzeugt hier ebenso wenig wie in der Finanzkrise 2008 und 2009."

Bei Risikoeinschätzung versagt

Damals war den führenden Agenturen - Standard & Poor's (S&P), Fitch und Moody's - vorgeworfen worden, sie hätten bei der Risikoeinschätzung von komplexen Wertpapieren versagt und Investoren in falscher Sicherheit gewiegt. Dadurch habe sich die weltweite Finanzkrise noch verschlimmert.

S&P hatte am Dienstag überraschend die Note für Griechenland um drei Stufen auf "BB+/B" zurückgenommen. Die Analysten haben Zweifel, dass das hochverschuldete Land die zur Sanierung notwendigen Reformen durchsetzen kann. Auch Portugal drückte S&P einen schlechteren Stempel auf. Für die Länder bedeutet das, dass die Geldbeschaffung direkt an den Kapitalmärkten noch teurer wird als sie ohnehin schon ist.

S&P widerspricht dem Vorwurf, zu spät auf die Probleme der Hellenen reagiert zu haben. Bereits 2004 hätte S&P damit begonnen, das Griechen-Rating herunterzunehmen. "Das Rating für Griechenland war immer das niedrigste unter den Ländern der Euro-Zone", betont Kreditanalyst Moritz Krämer.

Wirkung wie Brandbeschleuniger

Fitch-Deutschland-Geschäftsführer Jens Schmidt-Bürgel räumt jedoch ein, dass die Agenturen grundsätzlich im Dilemma stecken, was den Zeitpunkt einer Neubewertung betrifft. "Wir können es nie allen recht machen, weil Investoren unterschiedliche Interessen haben. Während die einen kritisieren, dass wir zu langsam auf Entwicklungen agieren, sagen andere, wir würden viel zu schnell herunterstufen und damit wie Brandbeschleuniger wirken", verteidigt er sich. Fakt sei, wenn sich die Lage von Staaten oder Firmen überraschend verändere, müssten die Agenturen darauf mit einer Rating-Aktion reagieren.

Rückendeckung für die Herabstufungen erhalten die Agenturen von Wirtschaftsprofessorin Christina Bannier von der Frankfurt School of Finance. "Es hilft niemandem, wenn die Rating-Agenturen bescheinigen, dass die Situation in Griechenland nicht so schlimm ist, sich am Ende aber möglicherweise ein Staatsbankrott doch nicht vermeiden lässt", sagt sie. Auch Portfoliostratege Gunnar Stangl von der Commerzbank ist sich sicher, dass Fitch und Co. genau wissen, was sie mit den Aktionen bewirken. "Sie handeln nach vorgegebenen Kriterien, die seit Jahren gelten. Mit ihren Einstufungen reflektieren sie die wirklichen Zustände, sie denken sich das ja nicht einfach so aus", sagt er.

mik/wit/Reuters/apn



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donnerbalken 24.04.2010
1. Ach was!
Zitat von sysopNun ist es doch dazu gekommen: Griechenland hat beim Internationalen Währungsfonds einen Kreditantrag gestellt. Das bedeutet auch Kosten für den EU-Partner Deutschland. Können die deutschen Steuerzahler die Griechen retten?
Ach was! Papalapap! Die Renten werden für einige Jahre eingefroren und Europa ist gerettet...
ingrid wild 24.04.2010
2. Na aber selbstverständlich
auf die paar Griechen kommt es auch nicht mehr an, wir retten ja schließlich schon einen erklecklichen Teil der Welt. Kommt es da vielleicht noch auf den mickrigen Rest an?
Roueca 24.04.2010
3. Nein...
...und wir wollen es auch nicht. Solange, wie gestern in den Nachrichten gezeigt wird, daß die griechische Presse unser Land so sieht: Brandenburger Tor mit Hakenkreuz drauf, solange sollen die anderen EU-Länder den Karren aus dem Dreck ziehen. Eine öffentliche Rüge für dieses Land wäre die richtige Antwort, aber nicht unsere Steuergelder
Volker Gretz, 24.04.2010
4.
Zitat von sysopNun ist es doch dazu gekommen: Griechenland hat beim Internationalen Währungsfonds einen Kreditantrag gestellt. Das bedeutet auch Kosten für den EU-Partner Deutschland. Können die deutschen Steuerzahler die Griechen retten?
Ich glaube nicht, dass uns Deutschen die Wirtschaft noch so viel Wohlstand gelassen hat, um in Griechenland die Sozialsyteme und Kaufkraft zu erhalten. Im Gegenteil - wir bezahlen die Finanzwirtschft und die Rüstingsindustrie mit dem weiteren Abbau unserer Sozialsysteme, mit dem weiteren verscherbeln unseres Tafelsilbers, mit maroden Staraßen, sinkenden Bildungsausgaben, geschlossenen Schwimmbädern und Bücherien, ... dafür, die Griechen auf unser Niveau herabzuwürgen. Die Griechen retten, hieße dort den Wohlstand, Sicherheit und Daseisnsvorsorge mindesten beizubehalten. Und das will ja niemand mehr. Unserere Regierenden haben die Marschrichtung seit mindesten 12 Jahren in die andere Richtung vorgegeben. Nicht der Wohlstand der Menschen ist das Ziel, sondern die Gewinne der Wirtschaft.
echter_demokrat 24.04.2010
5. Retten
Zitat von sysopNun ist es doch dazu gekommen: Griechenland hat beim Internationalen Währungsfonds einen Kreditantrag gestellt. Das bedeutet auch Kosten für den EU-Partner Deutschland. Können die deutschen Steuerzahler die Griechen retten?
Was heißt Griechenland? Wir werden die gesamte EU retten. Das war nur der erste Stein, der ins Rollen gekommen ist.
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