Griechenland-Krise Projekt Peking in Piräus

Griechenland sucht händeringend Geldgeber - doch die sind selten eine schnelle Hilfe. Im Hafen von Piräus stieg vor Jahren ein chinesisches Unternehmen ein. Der Erfolg des Projekts lässt noch immer auf sich warten.

SPIEGEL ONLINE

Aus Piräus berichten und Ferry Batzoglou


Die Zukunft und die Vergangenheit Griechenlands trennen im Hafen von Piräus nur einige hundert Meter und ein Maschendrahtzaun. Deshalb lässt sich vielleicht nirgendwo so gut wie hier beobachten, wie sich die einheimische Politik lange Zeit den Königsweg aus der Krise vorgestellt hat - und woran sie bislang gescheitert ist.

Der Hafen von Piräus ist, wenn man so will, ein Laboratorium, in dem Systeme, Überzeugungen und Mentalitäten aufeinanderprallen, die gegenläufiger kaum sein könnten. Die Globalisierung hat zusammengeführt, was jetzt zusammenwachsen soll. Und zu sagen, es gebe Schwierigkeiten dabei, wäre stark untertrieben.

Zwei Jahre ist es her, dass die damals konservative Regierung von Premier Kostas Karamanlis einen Teil des Containerhafens an das chinesische Staatsunternehmen Cosco Pacific Ltd. verliehen hat. Privatisierung hieß die Zauberformel, das war schon damals so. Für 35 Jahre wollten die Investoren aus Fernost, die für diese Zeit insgesamt 3,4 Milliarden Euro bezahlen würden, die Piers zu einer wichtigen Drehscheibe ihres Handels machen.

Die Arbeiter der griechischen Hafengesellschaft OLP jedoch, die zuvor auf den Docks gearbeitet hatten, gingen auf die Barrikaden. Und weil sie den Chinesen ohnehin zu teuer waren und zudem ebenso streiklustig wie geschlossen gewerkschaftlich organisiert, sollten sie entweder in Frührente gehen oder anderweitig beschäftigt werden: Man baute ihnen dann um des lieben Friedens willen gleich einen eigenen Anleger - in unmittelbarer Nachbarschaft zu Cosco.

Seither konkurriert in wenigen hundert Metern Entfernung die offenbar turbo-kapitalistisch agierende Dependance eines kommunistischen Systems mit der sozialistisch anmutenden Spielwiese einer demokratischen Marktwirtschaft um Aufträge. Das Problem ist nur: Bislang läuft es wohl für beide nicht besonders gut.

Piräus ist die Zukunft Griechenlands

Dabei hatten sich gerade die Chinesen ehrgeizige Ziele gesetzt: "Wir wollen Piräus zum Knotenpunkt des Containerverkehrs zwischen Fernost und Osteuropa sowie dem Balkan machen", sagte der Cosco-Präsident bei der Vertragsunterzeichnung im November 2008. Er versprach, die Umschlagkapazität von 1,6 auf 3,7 Millionen Container mehr als zu verdoppeln. In zwei Phasen wollte man zu diesem Zweck insgesamt 600 Millionen Euro investieren. Alles schien möglich.

"Das hier ist mehr denn je die Zukunft Griechenlands", glaubt Cosco-Statthalter Tassos Vamvakidis, 54, der sich über den damaligen Widerstand der Hafenarbeiter noch immer empören kann. "Es geht um das Überleben unseres Landes, da ist jegliches Geld gutes Geld." Sie hätten 700 neue Jobs geschaffen - und entgegen allen Befürchtungen seien lediglich sieben Positionen mit Chinesen besetzt worden. "Was sagen die Gewerkschaften jetzt?"

"Wer sich beschwert, fliegt raus"

Stamatis Koulouras hat sein buntgestreiftes Hemd bis zum Bauch aufgeknöpft, ein Goldkreuz baumelt im dichten Brusthaar, und sein schmerzhaft-fester Händedruck zeugt von jahrelanger körperlicher Arbeit: Der 50-Jährige ist der stellvertretende Chef der Hafenarbeitergewerkschaft von Piräus, ein griechischer Bud Spencer, mit brummendem Bass zieht er über die Zumutungen der Chinesen her.

Die Cosco-Leute bekämen vielleicht die Hälfte dessen, was ein Arbeiter der staatlichen Hafengesellschaft OLP verdiene. Entlassungen seien alltäglich, es gebe keinen Betriebsrat, keine Zuschläge, und überhaupt herrsche ein Gesetz des Schweigens, behauptet Koulouras und beruft sich dabei auf Schilderungen ehemaliger Mitarbeiter. "Wer sich beschwert, fliegt raus. So läuft das da."

Cosco-Manager Vamvakidis hingegen sagt, seine Angestellten würden gut bezahlt, seien gut abgesichert und überhaupt sehr froh, wieder Jobs zu haben. "Alle sind glücklich", tönt er. Die Arbeiter selbst wollen lieber nichts sagen.

Konstantinos Dangas, 54, allerdings sieht auch nicht sehr glücklich aus. Der Manager der staatlichen Hafengesellschaft OLP sitzt in seinem Büro und schaut hinaus auf die beiden Welten, die an dem azurblauen Wasser entstanden sind.

1,5 Millionen Container-Bewegungen hätten sie 2007 geschafft, damals, als ihnen der Hafen noch allein gehört habe, sagt Dangas. Jetzt aber seien es gerade einmal 220.000. Hinzu kämen vielleicht 900.000 von Cosco. "Insgesamt aber stehen wir schlechter da als vorher", meint er. Sie seien sich eben gegenseitig im Weg, in der Wirtschaftskrise habe man das besonders deutlich gemerkt.

Ein bisschen mehr Privatwirtschaft könnte guttun

Das Geschäft mit den Chinesen ist für Dangas daher "eine politische Entscheidung, die unternehmerisch überhaupt keinen Sinn ergeben hat." Und auf die Frage, ob er deshalb vermute, dass bei der Auftragsvergabe Schmiergelder geflossen seien, zuckt er bloß die Achseln: "Die Menschen glauben das, aber ich weiß es nicht." Es sei aber schlimm genug, dass sich diese Gerüchte so hartnäckig hielten.

Im Pausenraum diskutieren derweil OLP-Arbeiter lautstark die politische Großwetterlage. Es wird geschrien, gefuchtelt und viel geraucht, es ist von "Ausverkauf" und "Tyrannei des Auslands" die Rede, davon, dass die Sozialisten auch nicht besser seien als die Konservativen und dass sich die Griechen endlich gemeinsam wehren müssten. Das Gebrüll der zornigen Männer schallt durch die Flure. In der Cosco-Zentrale nebenan hingegen ist es totenstill.

"Es wäre besser für beide Seiten", sagt der OLP-Manager Dangas zum Abschied, "wenn wir voneinander lernten, statt gegeneinander zu arbeiten." Ein bisschen mehr Privatwirtschaft könnte dem Staatsunternehmen guttun, glaubt er, und dessen Sozialleistungen vielleicht wiederum Cosco. "Eigentlich ist doch für beide Platz." Und vielleicht klappt es dann auch mit dem Aufschwung.

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
ich schon wieder 30.09.2011
1. Tja... da wird auch kein Erfolg kommen.
Innovation, Marktwirtschaftliche Ausrichtung und der Wille zum Erfolg fehlt schlicht in einem kommunistischen Land wie China. In dem Artikel ist schön beschrieben wie es läuft, "Wer meckert fliegt raus". Was kann man sich auch anmaßen Enscheidungen der Kommunistischen Partei Chinas anzuzweifeln und widerrede zu leisten. Geht ja gar nicht. Also Griechen, da habt ihr ganz gewaltig ins Klo gegriffen. Nicht nur das... auch finde ich die Pacht von 3,4 Mrd. für 35 Jahre recht schmal... ein Kuhhandel, dessen Gelder sicher irgendwo versickert sind.
beebo 30.09.2011
2. Standort Standort Standort
Piräus eignet sich nicht um Waren groß nach Zentraleuropa zu Transportieren. Da ist es billiger und näher, gleich in Rotterdam oder Hamburg anzulegen. Piräus eignet sich nur als Transport Hub nur für nahe liegende Länder. In der Region ist der Konsum zurückgegangen. Klar das der Gütterumschlag sich dadurch verringert.
markus_wienken 30.09.2011
3. .
Zitat von ich schon wiederInnovation, Marktwirtschaftliche Ausrichtung und der Wille zum Erfolg fehlt schlicht in einem kommunistischen Land wie China. In dem Artikel ist schön beschrieben wie es läuft, "Wer meckert fliegt raus". Was kann man sich auch anmaßen Enscheidungen der Kommunistischen Partei Chinas anzuzweifeln und widerrede zu leisten. Geht ja gar nicht. Also Griechen, da habt ihr ganz gewaltig ins Klo gegriffen. Nicht nur das... auch finde ich die Pacht von 3,4 Mrd. für 35 Jahre recht schmal... ein Kuhhandel, dessen Gelder sicher irgendwo versickert sind.
Wann waren Sie das letzte mal in China? Muss schon länger her sein.
hai_shang 30.09.2011
4. Du schon wieder
Zitat von ich schon wiederInnovation, Marktwirtschaftliche Ausrichtung und der Wille zum Erfolg fehlt schlicht in einem kommunistischen Land wie China. In dem Artikel ist schön beschrieben wie es läuft, "Wer meckert fliegt raus". Was kann man sich auch anmaßen Enscheidungen der Kommunistischen Partei Chinas anzuzweifeln und widerrede zu leisten. Geht ja gar nicht. Also Griechen, da habt ihr ganz gewaltig ins Klo gegriffen. Nicht nur das... auch finde ich die Pacht von 3,4 Mrd. für 35 Jahre recht schmal... ein Kuhhandel, dessen Gelder sicher irgendwo versickert sind.
Der Artikel iet ein recht gutes Beispiel für Desinformation in einem System, das sich einer uneingeschränkten Pressefreiheit rühmt und welche verqueren Einstellungen (sprich Kommentare) daraus resultieren. 2008 gabe noch gar keine Griechenlandkrise (Ansteigen der Zinsen für internationale Bankkredite aufgrund eines herabgestuften Ratings), damit wurde die Investition und die Prognosen auf einer ganz anderen Grundlage getroffen, als es nun Realität ist. Das kann man kritisieren, wäre dann aber auf einer ganz anderen Baustelle und entsprechend wäre ein anderer Artikel zu verfassen. Die nicht erreichten Wachstumsziele im Warenumschlag werden in dem Artikel gar nicht analysiert, auch nicht wer die Zahlen in die Welt gesetzt hat. Heute wird in anderem Zusammenhang darüber lamentiert, daß in Griechenland völlig unrealistische Beamtengehälter und ein daran andockendes Einkommensniveau bestehen, ebenso wie Korruption und Mißwirtschaft. Es steht also zu vermuten, daß chinesische Manager hier Korrekturen vornehmen wollten und damit auf Granit beißen. Wahrscheinlich sind die chinesischen Staatsmanager denselben Fälschungen wirtschaftlicher Kennzahlen aufgesessen wie die EU-Politiker. Gut für die Chinesen, daß sie nicht soviel zu verlieren haben, wie die Europäer!
spon-facebook-10000034098 04.12.2012
5. Cosco
http://www.nytimes.com/2012/10/11/business/global/ex-employee-is-suing-cosco.html?_r=1&
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