Griechische Oberschicht "Die Reichen sollten mehr tun"

Die griechischen Millionäre sind zum Hassobjekt geworden, weil sie oft kaum Steuern zahlen. Doch wie denkt der hellenische Geldadel selbst über die Krise seines Landes? Ein Besuch bei Reeder-Erbe Andreas Dracopoulos.
Griechische Insel Mykonos: Reichtum der Reeder kaum in Frage gestellt

Griechische Insel Mykonos: Reichtum der Reeder kaum in Frage gestellt

Foto: Corbis

Das Extravaganteste an Andreas Dracopoulos ist eine weiße Uhr, die er zusammen mit mehreren Lederarmbändern trägt. Ansonsten ist sein Auftritt pures Understatement. Jeans, T-Shirt, dunkle Sneakers: Der lässige Schick jener, die ihren Wohlstand nicht vorzeigen müssen. Oder wollen.

Dracopoulos entstammt einer Reederfamilie. Der Reichtum griechischer Schiffseigner ist legendär, und der Großonkel von Dracopoulos gehört zu den griechischen Legenden: Stavros Niarchos wetteiferte einst mit Aristoteles Onassis um die größten Jachten, mondänsten Partys und schönsten Frauen.

Der Reichtum der Reeder wurde lange kaum infrage gestellt. Griechenland war stolz auf seine einzige Branche von Weltrang, garantierte den Schiffseignern über einen bis heute gültigen Verfassungsartikel sogar weitgehende Steuerfreiheit. Männer wie Niarchos waren ohnehin so mobil, dass der Staat sie kaum zu fassen bekam. "Er war ein echter Weltbürger", sagt Dracopoulos. Sein Großonkel habe aber nie Steuern hinterzogen, auch nicht an seinem Altersruhesitz in der Schweiz.

Andreas Dracopoulos: Ein Reeder redet

Andreas Dracopoulos: Ein Reeder redet

Foto: SPIEGEL ONLINE

Doch die Privilegien der Reeder sind nicht mehr so selbstverständlich, seit ein Großteil der Griechen schwer unter den Folgen der Finanzkrise leidet. Immer wieder gibt es die Forderung, Griechenlands Reiche müssten stärker an den Krisenkosten beteiligt werden. Die heutige Regierung des linken Ministerpräsidenten Alexis Tsipras machte mit diesem Versprechen Wahlkampf. Doch geschehen ist nach wie vor wenig.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker berichtete nach gescheiterten Verhandlungen Ende Juni sogar, er habe die Tsipras-Regierung zu einer erhöhten Besteuerung der Reeder geradezu gedrängt: "Ich musste den Job der griechischen Regierung machen."

Der letzte Reformvorschlag der Griechen kündigte zwar an, man wolle "steuerliche Sonderbehandlungen der Schifffahrtsbranche auslaufen lassen". Doch in dem Abschlussdokument des jüngsten Eurogipfels kommen die Reeder nicht einmal vor. Dagegen bringen schon die am Mittwoch verabschiedeten ersten Reformschritte weitere Beeinträchtigungen für Gering- und Normalverdiener, weil sie auf Rentenkürzungen und Mehrwertsteuererhöhungen hinauslaufen.

Andreas Dracopoulos gehört zu den wenigen griechischen Wohlhabenden, die diese Ungerechtigkeit inzwischen selbst anprangern: "Keine Frage, die Reichen sollten mehr tun", sagt er. Dracopoulos kann das sagen, weil Wohltätigkeit sein Beruf ist. Er leitet die Stavros-Niarchos-Stiftung, die sich aus dem Vermögen der Großonkels speist. Seit ihrer Gründung hat sie nach eigenen Angaben rund 1,2 Milliarden Euro verteilt.

"Die Steuern für Reiche müssen steigen, Punkt"

Früher steckte die Stiftung viel Geld in Prestigeprojekte wie ein neues Kulturzentrum für Athen. Mittlerweile stehen grundsätzlichere Bedürfnisse im Vordergrund: Über eine "Initiative gegen die griechische Krise" flossen zwischen 2012 und 2015 rund hundert Millionen Euro in Projekte wie mobile Krankenversorgungsstationen, Schulspeisungen oder Obdachlosenunterkünfte. Dieselbe Summe soll angesichts der verschärften Krise nun erneut ausgegeben werden - diesmal aber innerhalb nur eines Jahres. Ein weiterer Etat in gleicher Höhe ist zum Kampf gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit vorgesehen.

Solche Programme sind in Griechenland die Ausnahme - ganz im Gegensatz zu den USA, wo Dracopolous seit Langem lebt. "Dort ist Philanthropie eine eigene Branche", sagt er. "In Griechenland existiert sie kaum, obwohl es ein griechisches Wort ist."

Doch sollen sich die Griechen einfach auf milde Gaben ihrer Reichen verlassen? Nein, sagt Dracopoulos. "Die Steuern für Reiche müssen steigen, Punkt." Klare Worte auch zur Branche, der seine Familie ihren Wohlstand verdankt. "Die Besteuerung von Reedern ist sehr günstig, sie sollte aktualisiert und angepasst werden."

Deutschland hat eine besondere Verantwortung

Großzügigkeit erwartet der Reeder-Erbe allerdings nicht nur von anderen reichen Griechen. Er teilt die Ansicht der Tsipras-Regierung, dass die Gläubiger Griechenland einen Teil der Schulden erlassen sollten. Dracopoulos verweist auf Berechnungen, wonach der weitaus größte Teile der Hilfsgelder letztlich nicht an den griechischen Staat, sondern an dessen Gläubiger ging - vor allem an Banken aus Deutschland und Frankreich. Und er erinnert an die Londoner Schuldenkonferenz von 1953, bei der Deutschland ein Teil seiner Kriegsschulden erlassen wurde.

Allerdings hat die griechische Regierung es dem Rest Europas in jüngster Zeit nicht gerade leichter gemacht, großzügig zu sein. Die Polemik gegen die Geldgeber und insbesondere Deutschland fiel scharf aus - von Nazi-Vergleichen bis zum Vorwurf des Terrorismus.

Dracopoulos räumt griechische Fehltritte ein. Doch er findet, wegen seiner finanziellen und politischen Macht habe Deutschland eine besondere Verantwortung. "Der Starke muss Größe zeigen."

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