Müllers Memo Der falsche Jubel über die Griechen-Krise

Falls Griechenland aus der Eurozone fliegt, dürfte die EZB die Märkte mit noch mehr Geld fluten als ohnehin geplant. Kein Wunder, dass die Börsianer jubeln und die Kurse weiter in die Höhe treiben. Wenn sie sich damit mal nicht irren.

Am Aschermittwoch nicht vorbei: Griechenlands Krise als Karnevalsmotiv
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Am Aschermittwoch nicht vorbei: Griechenlands Krise als Karnevalsmotiv

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Es herrscht gespenstisch gute Stimmung an den Finanzmärkten, aber das kann sich morgen ändern. Falls am Montag die Finanzminister der Eurozone nicht zu einem Ergebnis für ein neues Hilfsprogramm kommen, rückt die Gefahr eines Austritts von Griechenland aus der Währungsunion nahe.

Das Krisenszenario sieht so aus: Nach einem Scheitern der Verhandlungen stützen nur noch Notkredite der griechischen Notenbank das dortige Finanzsystem. Die Europäische Zentralbank (EZB) wäre wohl gezwungen, diese Hilfen zu verbieten, sobald klar ist, dass Griechenland auf die Zahlungsunfähigkeit zudriftet. Am Mittwoch sitzt der EZB-Rat das nächste Mal zusammen. Der Regierung in Athen bliebe dann nichts anderes übrig, als auf die Schnelle aus dem Euro auszusteigen: Nur dann könnte die griechische Notenbank noch Banken und Staat mit frisch gedrucktem Geld versorgen - weil sonst niemand mehr bereit wäre, Griechenland etwas zu leihen.

Es wäre der tragische Endpunkt einer langen, von vielen dramatischen Höhepunkten durchzogenen Geschichte. Fünf Jahre Griechenland-Rettung - und am Ende hätte doch alles nichts genützt. Am Südostrand von EU und Nato würde ein "failed state" die Instabilität in der Region erhöhen.

Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass die Börsen nicht längst in reagiert haben und die Kurse nicht auch außerhalb Griechenlands eingebrochen sind. Tatsächlich ist das Gegenteil passiert: Sowohl der Dax Chart zeigen als auch der Euro-Stoxx 50 Chart zeigen haben seit Jahresbeginn rund zehn Prozent zugelegt; erst vorigen Freitag gab es neue Höchststände zu vermelden. Griechische Staatsanleihen haben zwar deutlich an Wert verloren. Andere südeuropäische Länder sind aber kaum betroffen. Ob Portugal, Spanien oder Italien - über all diesen Märkten ist Ruh.

Es ist wie so häufig an den Börsen: Der Schein bestimmt das Bewusstsein.

Noch immer gilt: Anleger schauen vor allem auf die Notenbanken, die gerade mit neuem Billiggeld die Märkte fluten. Im März will die EZB ihr Programm zum Aufkauf von Anleihen ("Quantitative Easing") starten. Auch anderswo setzt man auf monetäre Expansion. Schweden etwa hat gerade die Leitzinsen auf unter Null gesenkt - das gab's noch nie.

Noch mehr Treibstoff für die Finanzmärkte

So werden schlechte Nachrichten zu guten: Was auch immer in Griechenland (oder in der Ukraine oder sonstwo) geschehen mag, die Börsianer erwarten, dass die EZB notfalls mit noch größeren Geldspritzen als ohnehin versprochen hilft. Sollte Griechenland aus der Eurozone fliegen und sollten andere hochverschuldete Länder in den Strudel geraten, würde die Notenbank ihr Anleihekaufprogramm noch weiter aufstocken, so die Erwartung. Dann würden sich nicht nur die angepeilten 60 Milliarden Euro monatlich über die Märkte ergießen, sondern auch zusätzliche Gelder aus dem sogenannten OMT-Programm, die speziell Ländern zugutekämen, die bei der Finanzierung unter Druck kommen.

Das wäre eine Art super-quantitative easing - letztlich würde der Ausstieg Griechenlands den Finanzmärkten also nur noch mehr Treibstoff zuleiten. Der "Grexit" als Chance. Kein Wunder, dass die Kurse immer weiter steigen.

Diese derzeit dominierende Börsenstory wirkt plausibel. Aber sie kann sich rasch als Illusion erweisen. Finanzmärkte sind anfällig für Umdeutungen der Fakten, sodass sie plötzlich einer ganz anderen Erzählung folgen können als zuvor. Statt den scheinbar allmächtigen Notenbanken zu vertrauen, würden sie nun den Zusammenhalt Europas insgesamt in Zweifel ziehen und die institutionelle Konstruktion der Währungsunion.

Dabei geht es nicht so sehr um die griechische Staatspleite, die nach einem Euro-Austritt unabwendbar wäre: Ausländischen Banken schuldet die griechische Wirtschaft noch rund 50 Milliarden Euro. Eine verkraftbare Größenordnung. Auch Staatspleiten anderswo sind bei einem Zahlungsausfall nicht zu erwarten - das Sicherheitsnetz aus Euro-Rettungsfonds, EZB-Programm und IWF-Krediten würde halten, wie die Volkswirte der Commerzbank vorrechnen.

Riskantes Signal für die Eurozone

Das Gefährliche am "Grexit"-Szenario ist vielmehr seine Signalwirkung. Es wäre der Beweis, dass chronische ökonomische Probleme im Innern eines Mitgliedslands zu politischen Konstellationen führen können, die eine nicht mehr beherrschbare Situation schaffen.

Der Euroraum kann in seiner derzeitigen Verfassung nur funktionieren, wenn alle Beteiligten in der Lage sind, Kompromisse zu schließen. Gelingt das nicht mehr, scheitert die Währungsunion. Griechenland wäre der Präzedenzfall. Spanien, wo die neue Linkspartei Podemos die nächsten Wahlen gewinnen kann, könnte folgen. In Frankreich läuft sich die kompromisslose Front-National-Chefin Marine Le Pen für 2017 warm.

Kurz: Ein Ausstieg Griechenlands würde aller Welt vor Augen führen, dass es auch nach fünf Jahren Krise nicht gelungen ist, der Eurozone eine stabilere föderative Struktur zu geben - mit einer starken Zentrale und potenten Gemeinschaftskassen. Ein niederschmetternder Befund. Ob der sich mit immer noch mehr Notenbankgeld zukleistern lässt? Die EZB wird es hoffentlich nicht beweisen müssen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

BRÜSSEL - Showdown - Treffen der Finanzminister der Euro-Gruppe. Thema: Griechenland - was sonst?

HERZOGENAURACH - Wendekreis der Katze - Der Sportartikelkonzern Puma präsentiert seine Bilanz.

DIENSTAG

BRÜSSEL - Wirtschaftsplan - Planwirtschaft? - Die EU-Finanzminister besprechen das Investitionsvorhaben von Jean-Claude Juncker.

BUDAPEST - Partnersuche - Russlands Präsident Wladimir Putin besucht Ungarns starken Mann, Viktor Orbán. Mutmaßliches Ziel: die EU-Sanktionsfront gegen Russland spalten.

MITTWOCH

BAYERN UND UMLAND - Am Aschermittwoch sind alle dabei - Seehofer in Passau, Gabriel in Vilshofen, Fahimi in Augsburg, Özdemir in Landshut, Hofreiter in Sulzberg, Kretschmann in Biberach. Und Merkel? Im mecklenburg-vorpommerschen Demmin.

RIGA - Grenzgang - Treffen der EU-Verteidigungsminister in Zeiten gesteigerter Spannungen mit Russland.

FRANKFURT - ELA, elle l'a - der EZB-Rat tagt. Eigentlich nicht mit dem Ziel, über die Geldpolitik zu entscheiden. Aber in Zeiten der Griechenland-Krise kann man nie sicher sein, ob nicht Athen die "Emergency Liquidity Assistance" (ELA) untersagt wird.

TOKIO - Alles super easy - Die lockerste Bank der Welt, die Bank von Japan, berät über ihre weitere Geldpolitik.

FRANKFURT Herr Weselsky und sein Konflikt - Die Lokführergewerkschaft GDL fragt sich, ob sie erneut gegen die Bahn streiken soll.

DÜSSELDORF - Vor Stahlgewittern? - Die Tarifkommission der IG-Metall NRW diskutiert die Tarifgespräche und erwägt weitere Warnstreiks.

DONNERSTAG

PARIS/Brüssel/Vevey/Airl - Zahlen, bitte! - Air France KLM, Swiss Re, Danone, Swiss Re, Nestlé und die Swatch Group berichten vom Geschäftsverlauf 2014.

FREITAG

BERLIN - Schwieriges Erbe - Sondersitzung des Aufsichtsrats für den Pannenflughafen BER. Thema: Wer folgt auf Hartmut Mehdorn?

DÜSSELDORF - Cash & Scary - Der von der Rubel-Krise belastete Handelskonzern Metro stellt sich auf der Hauptversammlung den Aktionären.

SAMSTAG

LOS ANGELES - Blockbuster - Die Entertainmentindustrie verleiht ihren marktmächtigsten Preis: den Oscar.

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