Wut auf Bosch in Griechenland "Die Deutschen haben uns getäuscht"

Bosch bringt griechische Arbeiter in Rage: Eine Konzerntochter will das Athener Werk des traditionsreichen Hausgeräteherstellers Pitsos schließen. Der Fall birgt politischen Sprengstoff.

Bosch-Konzernzentrale in Stuttgart
DPA

Bosch-Konzernzentrale in Stuttgart

Von , Athen


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Generationen von Griechen wurden in Häusern mit Backöfen und Kühlschränken von Pitsos groß. Seit mehr als 150 Jahren ist der Haushaltsgerätehersteller der Stolz der griechischen Industrie. Umso größer ist die Wut der Griechen auf den deutschen Bosch-Konzern. Dessen Tochterfirma BSH will das historische Pitsos-Werk in Athen schließen.

Der Plan bringt damit nicht nur die Arbeiter auf die Barrikaden, sondern auch die Regierung in die Bredoullie. Denn nach Meinung der Gewerkschaft verstößt er gegen eine frühere Vereinbarung zwischen dem griechischen Staat und dem Siemens-Konzern, der lange Mitgesellschafter von BSH war - und sich mit dem Versprechen von Investitionen aus einem Schmiergeldskandal rauswinden wollte.

Werk von Pitsos in Athen
Giorgos Christides

Werk von Pitsos in Athen

Pitsos, 1865 in Athen gegründet, war 1977 von BSH Hausgeräte aufgekauft worden - es war der erste internationale Erwerb in der Geschichte des Joint Ventures zwischen Bosch und Siemens. Seit 2015 hält Bosch die Anteile allein.

Die Marke Pitsos wird wahrscheinlich trotz der geplanten Werkschließung erhalten bleiben, aber die eigentliche Produktion soll in die Türkei und andere moderne BSH-Anlagen verlagert werden, die größere Gewinne versprechen.

Den Mitarbeitern des Werks in Athen überbrachte das griechische Management die schlechte Nachricht kürzlich in einem Memo: "Wie Sie alle wissen, wird die Athener Anlage nach dem 1. Januar 2018 nicht mehr in der Lage sein, zu einem Produkt des Konzerns beizutragen und muss daher die Produktion beenden." Das Werk habe eine letzte Bestellung erhalten, für die die Maschinen noch bis Ende 2018 laufen würden. Dann wird alles vorbei sein.

250 Arbeiter verlieren ihren Job

Christos Kouboulas ist Arbeiter in dem Athener Werk. Nach 38 Jahren im Unternehmen zittert seine Stimme vor Erregung, wenn der 58-Jährige über eine Zukunft ohne Pitsos nachdenkt. "Ich sehe im Schlaf meinen Vater, der auch in der Fabrik gearbeitet hat und jung gestorben ist."

Kouboulas ist einer der 250 Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz verlieren werden und die wenig Aussicht auf einen neuen Job haben. BSH will die Einschnitte mit einem großzügigen Abfindungspaket mildern. Angesichts seiner fast vier Jahrzehnte im Unternehmen könnte Kouboulas nun mit einem kleinen Vermögen Abschied nehmen. Doch das will er nicht: "Sie wollen unser Stillschweigen kaufen. Aber ich werde nicht das Geld einstecken und ruhig bleiben."

Pitsos-Fabrik in Athen
Giorgos Christides

Pitsos-Fabrik in Athen

Mittlerweile weicht die Traurigkeit der Wut. "Die Deutschen haben uns getäuscht", klagt Kouboulas. Sie hatten neue Investitionen, neue Arbeitsplätze versprochen. Wir wurden auch von den Politikern getäuscht, die es nicht wagen, mächtigen Konzernen wie Siemens und Bosch entgegenzutreten."

Ein politischer Konflikt bahnt sich an

Die Schließung des Werks trifft auch die Regierung von Alexis Tsipras. Er hatte ausländische Investitionen und mehr Arbeitsplätze versprochen. Nun läuft es genau andersrum.

Doch nicht nur das bringt Tsipras in die Bredouille. Boschs Pläne bergen politischen Sprengstoff: Im Juni 2012, drei Jahre, bevor Siemens seinen BSH-Anteil an Bosch verkaufte, hatte die damals konservative griechische Regierung eine umstrittene Vereinbarung mit dem in einen Schmiergeldskandal verwickelten Siemens-Konzern getroffen. Gemäß der Vereinbarung wollte Athen alle Bußen gegen das Unternehmen fallen lassen - dafür sollte Siemens unter anderem seine Präsenz in Griechenland ausbauen und neue Investitionen tätigen.

Eine solche Investition sollte der Bau einer neuen Produktionsfabrik in Griechenland zur Verlagerung des Pitsos-Werks in Athen sein. Das Projekt hätte mindestens 60 Millionen Euro wert sein und 700 Personen beschäftigen sollen.

BSH präsentierte sogar ein Modell der neuen Anlage. Aber dann verwies das Unternehmen auf Verzögerungen bei der Lizenzierung sowie auf das sich verschlechternde Wirtschaftsklima im Land - und ließ den Plan in der Schublade verschwinden. Die alte Anlage von Pitsos blieb bestehen, aber ohne neue Investitionen wurde sie immer unwichtiger für BSH. Die Zahl der Arbeiter und die Produktion schrumpften.

BSH lehnt einen Kommentar zu dem Abkommen ab, da das Unternehmen nicht für Siemens sprechen könne. Dafür teilte BSH auf Anfrage zur geplanten Werkschließung mit: "Jede Produktionseinheit verfügt über spezifische Produktionskapazitäten. Wenn Produkte ihren Zyklus beenden, kann eine Anlage möglicherweise nicht mehr in der Lage sein, neue Produktionslinien aufrechtzuerhalten."

Tsipras wurde gewarnt

Die griechische Regierung hat offenbar nicht auf die Einhaltung der Vereinbarung gepocht. Im Januar 2015, als Pitsos sein 150-jähriges Bestehen feierte, verkaufte Siemens seinen BSH-Anteil an Bosch. Im selben Monat kam die linke Syriza-Partei von Tsipras an die Regierung. In der Opposition hatte Tsipras den Deal seiner Vorgänger mit Siemens verurteilt, als Vertuschung bezeichnet und versprochen, sie zu kündigen. Einmal an der Macht, tat er nichts dergleichen.

Im Gegenteil: Die Regierung unter Tsipras behauptete, dass Siemens dem Abkommen nachgekommen sei. Selbst als die Pläne zur Werkschließung bekannt wurden, hielt die Regierung still. Dabei hatte die griechische Metallgewerkschaft Tsipras vergangenen Mai in einem Brief vor den Absichten des Unternehmens gewarnt."In drei Monaten wird die Unterzeichnung des Abkommens zwischen dem Staat und Siemens fünf Jahre alt und die Verjährungsfrist damit ablaufen", heißt es in dem Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt. Die Gewerkschaft erhielt keine Antwort.

Die griechische Regierung will das Thema nicht kommentieren. Vergangenes Wochenende traf sich der Präsident der Metallarbeitergewerkschaft Christos Athanasiadis mit dem BSH-Management in Deutschland. Es war der vielleicht letzte, verzweifelte Versuch, das Unternehmen von seinem Plan abzubringen oder zumindest mehr Zeit für das Werk zu gewinnen.

Er habe nicht mehr erhalten als "vage Versprechungen, sie werden ihr Bestes für die Arbeiter tun", sagt Athanasiadis. "Sie klangen entschlossen, die Anlage wie geplant zu schließen." BSH betont, dass es durch große Anstrengungen gelungen sei, die Anlage für ein weiteres Jahr offen zu halten, obwohl der Lebenszyklus des Werks eigentlich zum Jahresende 2017 auslaufe. "Unsere oberste Priorität sind unsere Mitarbeiter", so das Unternehmen.

Die Arbeiter wiederum sehen nur einen Weg: Sie wollen sich mobilisieren, um die Regierung zum Eingreifen zu zwingen. Sie hoffen auf eine politische Lösung. "Mehr als alles andere empfinde ich das als Schande", sagt Pitsos-Arbeiter Kouboulas. "Ich kann nicht akzeptieren, dass das Werk schließen wird."


Zusammengefasst: In Griechenland sorgt der deutsche Haushaltsgerätehersteller BSH für Ärger: Er will das Athener Werk Pitsos schließen, 250 Jobs fallen dadurch weg. Das erzürnt die Arbeiter - auch, weil es eine internationale Vereinbarung zwischen dem Siemens-Konzern und dem griechischen Staat gibt, die solche Fälle eigentlich verhindern sollte.

Übersetzung aus dem Englischen: Kristina Gnirke

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insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
pennywise 23.10.2017
1. ist doch bekannt
Konkurrenz für einen Apfel u ein Ei kaufen. Dann dichtmachen. Ich sage nur Treuhand
retterdernation 23.10.2017
2. Die Abwicklung eines Mini-Konzerns
als Aufmacher - Respekt! Wenn der Verlust von 250 Arbeitsplätzen eines maroden, griechischen Unternehmens das hergibt, dann finde ich das auch wirklich erwähnenswert. Natürlich muss man in diesem Zusammenhang richtig heftig auf die kapitalistischen Anteilseigner aus Deutschland einschlagen. Diese hatten zuvor noch größere Schuld auf sich genommen. Die Welt ist echt böse und schlecht und die Deutschen ein Jobkiller.
frenchie3 23.10.2017
3. Siemens baut Mist, der Staat mauschelt
und Bosch ist der Buhmann. Klingt nach seehr sehr gerechter Aufteilung. In Frankreich hat Bosch auch etliche Werke geschlossen, zumindest bei einem hat die Gewerkschaft CGT kräftig dafür gesorgt daß Bosch jede Lust an Investitionen vergangen war. Jetzt wäre mal interessant zu wissen wie das die letzten Jahre im griechischen Werk so abging.
henry.miller 23.10.2017
4.
Ist die Frage, um was sich der Tsipras zuerst kümmern soll. Die Lage der Griechen ist nunmal dramatisch Klar sind die Leute wütend, aber wer wäre das nicht. Ist schon hart.
capote 23.10.2017
5. Neue Zeit
Der Grund wird tiefer liegen. So lange man für die Herstellung von Haushaltsgeräten vor allem angelernte Fliessbandarbeiter benötigte, war die Welt in Ordnung. Nun übernehmen Roboter wie überall den Fertigungsprozess und dafür brauchts gelernte Elektriker und Progammierer, Mechatroniker etc. und die gibt es im Industriefreien Griechenland nicht. Über Griechenland bricht eine neue Zeit herein, das ist auch das Ende der Tante-Emma-Läden, die durch Supermarktketten ersetzt werden.
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