OECD-Prognose für 2023 Nur Russland schneidet wohl noch schlechter ab als Großbritannien

Die OECD hat ihre Wachstumsprognose wegen des Ukrainekriegs deutlich gesenkt: 2023 könnten unter den großen Industrieländern vor allem Russland und Großbritannien leiden. Die Regierung in London versucht zu beruhigen.
Boris Johnson bei einer Baustellenbesichtigung (2020): Dieses Jahr soll es immerhin noch ein Plus von 3,6 Prozent geben – nach dem Coronaeinbruch 2021

Boris Johnson bei einer Baustellenbesichtigung (2020): Dieses Jahr soll es immerhin noch ein Plus von 3,6 Prozent geben – nach dem Coronaeinbruch 2021

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JEREMY SELWYN/ AFP

Schlechte Aussichten ist Boris Johnson zuletzt gewohnt. Die betreffen aber nicht nur die Querelen innerhalb seiner konservativen Partei . Der britische Premierminister hat inzwischen immer häufiger auch mit der Wirtschaft zu kämpfen. Das Wachstum kühlte sich dieses Frühjahr bereits ab, Unternehmen und Verbraucher vertrauen immer weniger darauf, dass es dem Staat noch gelingt, solche Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sich der konjunkturelle Trend wieder umkehrt.

Die Post-Brexit-Wirtschaft wachse 2022 zwar noch um 3,6 Prozent, heißt es nun in der aktuellen Wachstumsprognose der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). 2023 allerdings werde die Konjunktur im Königreich zum Erliegen kommen: Nullwachstum.

Sollte es tatsächlich so kommen wie vorhergesagt, könnte nur Russland dann – mit minus 4,1 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt – unter den 20 führenden Volkswirtschaften (G20) noch schlechter abschneiden als Großbritannien.

Hohe Inflation + steigende Zinsen + steigende Steuern = toxisch?

Besonders entscheidend dürfte nach den Einschätzungen der Industriestaaten-Organisation die Entwicklung der Inflation für das Land werden. Unter stark steigenden Verbraucherpreisen haben die Menschen in Großbritannien demnach aber wohl auch noch kommendes Jahr kräftig zu leiden. Die Reallöhne dürften zudem weiter sinken.

Laurence Boone, Chefökonom der OECD, machte der »Financial Times « zufolge in Großbritannien mehrere besondere Schwächen der britischen Wirtschaft im Vergleich zu anderen G20-Ländern aus: Das Königreich sei einzigartig, weil es gleichzeitig mit hoher Inflation, steigenden Zinsen und steigenden Steuern zu kämpfen habe.

»Die Sensibilität des verarbeitenden Gewerbes in Bezug auf die globale Lieferkette und wahrscheinlich auch der Brexit spielen eine Rolle«, wird Boone von der Zeitung zitiert. Sie räumte dem Bericht zufolge aber auch ein, dass sich nicht jeder Faktor im Einzelnen entschlüsseln lasse.

Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Boone: »Die Nahrungsmittel kommen nicht dort an, wo sie gebraucht werden«

Problematisch dürfte sein, dass die britische Wirtschaft durch die zahlreichen Krisen der vergangenen Jahre ohnehin als angeschlagen gilt. Das nun von der OECD für dieses Jahr noch prognostizierte Wachstum kann größtenteils als Erholung vom Coronaeinbruch vergangenes Jahr gesehen werden. Hinzu kommt: Der Brexit verändert die Wirtschaft Großbritanniens und sorgt für einen Fachkräftemangel, der Pflegeheime, Tankstellen oder Supermärkte trifft.

Aus dem britischen Finanzministerium hieß es laut »Guardian « zu der Prognose: »Wir wissen, dass diese Prognosen viele Menschen beunruhigen werden.« Man könne das Land »nicht gänzlich vor dem globalen Druck schützen«, aber die britische Wirtschaft sei solide, und die Menschen sollten bei den Lebenshaltungskosten unterstützt werden.

apr