Anton Rainer

Gründer und die Pressefreiheit Blick in den Start-Upgrund

Anton Rainer
Ein Kommentar von Anton Rainer
Der Vorschlag eines Start-up-Beirats, die freie Presse zu »disziplinieren«, offenbart ein trauriges Verständnis von Pressefreiheit. Und er wirft die Frage auf, wozu ein solches Gremium überhaupt existiert.
Zalando-Börsengang im Jahr 2014: Wer entscheidet über den Wert einer Prognose?

Zalando-Börsengang im Jahr 2014: Wer entscheidet über den Wert einer Prognose?

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Es gibt in der Welt der Start-ups einen Satz, der sich jedem jungen Unternehmen einprägt. Man begegnet ihm auf Messen und Panels, in Pressemitteilungen und E-Mails, manchmal explizit, meistens als permanentes Hintergrundrauschen. Er lautet »Fake it until you make it«, zu Deutsch: Tu auf erfolgreich, dann wirst du es auch.

Gründerinnen und Gründer auf der ganzen Welt haben den Satz verinnerlicht und er hat viele von ihnen weit gebracht. Simple Tretroller wurden durch ihn zu »revolutionären Mobilitätslösungen« und einfache Lieferdienste sammelten so hunderte Millionen Euro an Kapital ein – ungeachtet ihrer wackeligen Bilanzen. In der Start-up-Branche wird dieses Theater nicht nur toleriert, sondern mitunter sogar gefördert. Wer am besten flunkert, wird am Ende belohnt: mit hohen Finanzierungsrunden, teuren Übernahmen und einer Flut an Gratis-PR in den sozialen Medien.

Man wünscht sich Hofberichterstattung

Man kann deshalb verstehen, warum Journalistinnen und Journalisten, die an dieser Fassade kratzen, in der Branche manchmal als Spielverderber gesehen werden. »Wir sprechen nur mit Medien, wenn wir auch was davon haben« ist eine Aussage, die jeder kennt, der schon einmal über die Gründerszene geschrieben hat. Selten aber wird es so explizit wie beim Beirat Junge Digitale Wirtschaft.

In einem Positionspapier schrieben einflussreiche Gründer und Investoren, wie sie sich Artikel über die Börsengänge junger Unternehmen vorstellen. Kurz gesagt: Man wünscht sich Hofberichterstattung. Die Bundesregierung möge »Regeln zur Vermeidung einseitig diffamierender Artikel« erlassen und die Presse verpflichten, über sämtliche Börsengänge zu berichten – egal wie klein, egal wie unwichtig. Es brauche eine »Disziplinierung der Presse«, heißt es in dem Dokument. Anonyme Blogger müssten zu Klarnamen gezwungen werden. Und »horrende« Lizenzgebühren für Nachdrucke von Texten gehörten abgeschafft. Viktor Orbán und Donald Trump hätten die Passage nicht besser formulieren können.

Zurückrudern reicht nicht

Nachdem das »Handelsblatt« über das elfseitige Dokument berichtet hatte, setzte in der Branche eine Art kollektives Zurückrudern ein. Wer auch immer in der Gründerszene etwas zu sagen hat, bekannte sich nun »uneingeschränkt zur Pressefreiheit«, es hagelte Entschuldigungen und Bekenntnisse, mindestens ein Mitglied des Beirats kündigte seinen sofortigen Rücktritt an. Das ist ein erster Schritt – aber er reicht nicht aus.

Wer das Dokument als einmaligen Ausrutscher entschuldigt, als Meinung von Einzelnen, die »über das Ziel hinausgeschossen« sind, wie Amorelie-Gründerin Lea-Sophie Cramer sagt, versteht viel von Krisen-PR – aber wenig von den Realitäten der Gründerszene. Dafür reicht es, regelmäßig mit jungen Unternehmerinnen und Unternehmern zu sprechen. Wer das tut, lernt eine Form der Inszenierung, der Sprache, des Umgangs kennen, die manchmal wenig mit einem gesunden Verständnis von Pressefreiheit zu tun hat.

Medien werden von vielen Gründern nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner wahrgenommen, als Kontrollmechanismen in einer freien Demokratie, sondern als einer von vielen Amplifikatoren in einer lauten Welt. Mit Gründern sprechen und ihre Botschaften verstärken? Darf man gerne. Das Produkt in Aktion sehen? Lieber nicht. Kritische Rückfragen? Wir sind hier doch nicht in der Höhle der Löwen!

Willkommen in Amerika

Wohin das Versteckspiel führen kann, zeigt sich in den Vereinigten Staaten. Marc Andreessen, Investor und Mitgründer des Wagniskapitalgebers Andreessen Horowitz, liefert sich seit Jahren Scharmützel mit kritischen Journalisten, blockiert sie in sozialen Netzwerken oder schließt sie aus Talkrunden aus. Zuletzt gründete der Investor mit »Future« sein eigenes Medium, das seitdem wohlwollende Beiträge über die Lieblingsprojekte des Chefs publiziert. Stellt man sich so freie Medien vor?

Investor Christoph Gerlinger, der die Presse-Passage im Positionspapier des Beirats nach eigener Aussage verbockt hat, will offensichtlich nicht so weit gehen. Er hat sich mittlerweile dafür entschuldigt, er habe einfach »extrem unglücklich und ungeschickt« formuliert.

Auch Wirecard war einst ein Start-up

Das mag sein, doch wie weite Teile der Szene denken, offenbart ein Vergleich, den der Investor schon 2017 in einem Gastbeitrag für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« formulierte – und nun erneut aufgreift. Das Liefer-Start-up Delivery Hero sei bei seinem Börsengang von der Finanzpresse als »überbewertete Luftnummer« zerrissen worden, schreibt Gerlinger, die Restaurant-Kette Vapiano hingegen »als seriös und solide« eingestuft worden. Vapiano ist heute pleite, Delivery Hero 30 Milliarden Dollar wert. Nur, was beweist das?

In erster Linie, wie selektiv Gerlinger auf Medien schaut. Zahlreiche Journalisten und Journalistinnen, auch beim SPIEGEL, wiesen zum Börsenstart von Vapiano auf die hohen Risiken für das mittlerweile insolvente Unternehmen hin – und gaben Delivery Hero Raum für die Erklärung seines Geschäftsmodells . Zum anderen zeigt die Beweisführung ein seltsames Verständnis von journalistischer Arbeit: Sind Berichte und Kommentare nur dann zulässig, wenn sie sich im Börsenkurs eines Unternehmens widerspiegeln? Wer entscheidet über den Wert einer Prognose und zu welchem Stichtag? Auch Wirecard war einst ein Start-up. Als die Aktie noch nach oben zeigte, wurden Journalisten mit ähnlich tumben Argumenten verlacht – und juristisch verfolgt.

Wer braucht so einen Beirat?

Es ist gut, dass sich der Beirat für Junge Digitale Wirtschaft mittlerweile für sein Dokument schämt. Doch auch eine andere Tatsache sollte er sich eingestehen: Offensichtlich interessiert sich kaum jemand für seine Expertisen. Das Dokument mit dem Titel »Börsengänge Deutscher Startups« datiert auf den 15. April, ist also rund drei Monate alt. Gelesen hat es, bis auf die Kollegen beim »Handelsblatt«, offenbar niemand.

Nicht Peter Altmaier (CDU), der den auf der Homepage des eigenen Ministeriums publizierten Text nach eigener Aussage am Montag zum ersten Mal sah. Nicht die Start-up-Szene, die leicht panisch auf die Meldung reagierte. Nicht einmal Mitautorin Lea-Sophie Cramer, die bei der Sitzung, in der das Dokument beschlossen wurde, abwesend war – und den Text, der unter ihrem Namen erschien, offensichtlich nicht gelesen hatte.

Wer braucht so einen Beirat, wem nützt dieses Gremium? Laut Bundeswirtschaftsministerium ermöglicht der Beirat Junge Digitale Wirtschaft einen »direkten und praxisbezogenen Dialog der jungen deutschen Digital- und Gründerszene mit der Politik«. Ein Dialog, bei dem sich offenbar beide Parteien solange die Ohren zuhalten und sich gegenseitig applaudieren, bis mal jemand genauer hinschaut. Besser könnte man »Fake it until you make it« nicht erklären.

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