Reiseverhalten von Grünen-Wählern Bahn predigen, Business fliegen

Kaum jemand kritisiert die Luftfahrt so heftig wie die Grünen. Eine unveröffentlichte Studie zeigt jetzt: Ausgerechnet die Wähler der Ökopartei steigen am liebsten ins Flugzeug.
Kondensstreifen eines Flugzeuges: Die Flugfreude erklärt sich durch die gesellschaftliche Stellung von Grünen-Wählern.

Kondensstreifen eines Flugzeuges: Die Flugfreude erklärt sich durch die gesellschaftliche Stellung von Grünen-Wählern.

Foto: FRANK RUMPENHORST/ ASSOCIATED PRESS

Berlin - Fliegen und Umweltschutz vertragen sich schlecht. Laut dem Umweltbundesamt gibt es keine klimaschädlichere Art sich fortzubewegen als das Flugzeug. Von Wählern einer Ökopartei wie den Grünen könnte man deshalb erwarten, dass sie den Luftverkehr besonders sparsam nutzen.

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Keine andere der im Bundestag vertretenen Parteien hat mehr Anhänger, die im vergangenen Jahr mindestens einmal geflogen sind. Das zeigt eine unveröffentlichte Umfrage, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Auftraggeber der Umfrage ist der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), der naturgemäß kein Interesse an einer Einschränkung des Luftverkehrs aus Umweltgründen hat. Durchgeführt wurde die Studie von der renommierten Forschungsgruppe Wahlen, die auch die Wahlprognosen für das ZDF erstellt.

Dabei gaben 49 Prozent der Grünen-Anhänger an, sie seien in den vergangenen zwölf Monate geflogen. Mit deutlichem Abstand folgten Wähler der Linken, der Union und schließlich der SPD (siehe Grafiken).

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Umfrage zum Luftverkehr: Grün fliegt oft

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Noch deutlicher war der Unterschied bei jenen Befragten, die noch nie in ihrem Leben geflogen sind. Als einzige Wählergruppe kamen die Grünen hier auf null Prozent. Bei den anderen Parteien lag der Anteil der Nichtflieger dagegen zwischen 13 Prozent (SPD) und 17 Prozent Prozent (Linke).

Die grüne Flugfreude erklärt sich zumindest teilweise durch die gesellschaftliche Stellung von Grünen-Wählern. Die sind vergleichsweise jung, gut ausgebildet und gut verdienend. "Alles Merkmale, die positiv mit einer Nutzung des Flugzeugs zusammenhängen dürften", sagt Martin Kroh, der am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung das Profil von Grünen-Wählern erforscht hat. Schließlich gehen hochqualifizierte Besserverdiener auch häufiger auf Geschäftsreisen, die laut Zahlen des Flughafenverbandes ADV rund 60 Prozent des innerdeutschen Verkehrs ausmachen.

Auch viele Geschäftsreisen lassen sich freilich per Bahn erledigen - wenn einem denn die Umwelt wirklich wichtig ist. Zudem legen die Ergebnisse nahe, dass die gut situierten Grünen mit ihrer Luftfahrtpolitik vor allem Verzicht für andere predigen. Nur knapp die Hälfte der befragten Grünen-Wähler findet es gut, dass sich heute viele Menschen Flugreisen leisten können. Im Durchschnitt waren es dagegen fast drei Viertel der Befragten. Dazu passt, dass die Grünen seit Langem fordern, Flüge aus ökologischen Gründen teurer zu machen.

Dem BDL passen solche Ergebnisse ins Konzept. In dem vor vier Jahren gegründeten Lobbyverband kämpfen Airlines und Flughäfen gegen ihre angebliche Benachteiligung im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz. Dabei argumentiert der BDL auch mit der Bedeutung der Branche für die Gesamtwirtschaft. Die wird jedoch auch von Grünen kaum bestritten: 85 Prozent ihrer Wähler unterschrieben die Aussage, ein leistungsfähiges Luftverkehrsnetz sei "wichtig für Jobs und Wirtschaft" - genauso viele wie in der Gesamtbevölkerung.

Für die Umfrage wurden im September insgesamt 1032 Menschen interviewt. Darunter waren 77 Befragte, die sich als Grünen-Wähler bezeichneten.