Heftige Kritik an Corona-Sparplan So will H&M Mütter und Langzeiterkrankte loswerden

H&M dementiert, dass ein Sparprogramm vor allem Mütter und Langzeiterkrankte trifft. Ein internes Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, zeigt das Gegenteil.
H&M-Filiale

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Foto: Oliver Baumgart / imago images/foto2press

Die Debatte über ein umstrittenes Corona-Sparpaket von H&M hat sich am Wochenende verschärft. Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Katja Mast nennt das Vorgehen des Modekonzerns gegenüber dem SPIEGEL »indiskutabel«. Die Gewerkschaft Ver.di wirft dem Unternehmen vor, es setze Mütter unter Existenzdruck.

Vergangenen Dienstag war bekannt geworden, dass der schwedische Modehändler ein Freiwilligenprogramm zum Abbau von 800 Stellen in Deutschland plant. Eltern seien in diesem als prädestinierte Gruppe aufgelistet, berichtete  damals der »Business Insider«.

Das Dementi folgte prompt: Das Programm sei für »Kolleg*innen aus unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen« vorgesehen, schrieb H&M Deutschland. Doch das ist eine ziemlich schöngefärbte Darstellung.

In einem Vordruck für eine entsprechende Betriebsvereinbarung zwischen der Leitung von H&M-Filialen und der örtlichen Arbeitnehmervertretung werden gleich in der Präambel »Mitarbeiter in Elternzeit« erwähnt. Das Dokument, das dem SPIEGEL vorliegt, betont zudem, dass sich das Freiwilligenprogramm vor allem an jene Mitarbeiter richte, »die nur bzw. vorwiegend zu Zeiten eingesetzt werden können, in denen ein spezifischer Arbeitskräfteüberhang besteht«.

Nach Einschätzung des H&M-Gesamtbetriebsrats sind das vor allem Eltern. Denn ein Personalüberhang besteht hauptsächlich in den Morgen- bis Nachmittagsstunden. H&M wolle sich also »vornehmlich derer entledigen, die auf Arbeitszeiten in Frühschichten angewiesen sind«, sagt Gesamtbetriebsratschefin Saskia Stock dem SPIEGEL. »Und das sind in der Mehrheit Frauen, die Kinder zu versorgen haben.«

Auch in einer Auflistung aller Anspruchsberechtigten werden Angestellte in Elternzeit und Langzeiterkrankte explizit erwähnt. Sie werden dort neben reinen Berufsbezeichnungen wie »Lagermitarbeiter« oder »Department Manager« aufgeführt.

H&M teilt mit, der Personalabbau richte sich danach, in welchen Stellenprofilen oder Arbeitszeiten die anfallenden Aufgaben seit Jahren rückläufig seien. Alle Angestellten in diesen Stellenprofilen oder Arbeitszeiten könnten um einen Aufhebungsvertrag bitten – nicht nur jene in Elternzeit oder krankheitsbedingter Abwesenheit. Angestellte in Abwesenheit müsse man in der Betriebsvereinbarung aber explizit erwähnen, weil sie sonst von der Teilnahme am Freiwilligenprogramm automatisch ausgeschlossen wären.

Zusatzabfindung für Eltern und Schwerbehinderte

Über Betriebsvereinbarung hatte zunächst der »Business Insider« berichtet. In einem Artikel vom Freitag hatte er das Papier in Auszügen veröffentlicht .

Die geplante Abfindung für unter 60-Jährige beträgt nach SPIEGEL-Informationen ein Brutto-Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr. Eltern erhalten für jedes unterhaltsberechtigte Kind zusätzlich 1000 Euro, Schwerbehinderte weitere 2500 Euro. Hinzu kommen Ausgleichszahlungen, wenn Angestellte vor Ende der Kündigungsfrist ausscheiden.

Bei der Umsetzung des Freiwilligenprogramms drückt H&M aufs Tempo. Laut Betriebsvereinbarung haben interessierte Mitarbeiter bis zum 7. Februar Zeit, um sich bei ihrer jeweiligen Filialleitung zu melden und um einen Aufhebungsvertrag zu bitten. Finden sich nicht genug Freiwillige, sollen betriebsbedingte Kündigungen folgen.

Dem SPIEGEL liegt eine Liste aller Filialen vor, die sich an dem Sparprogramm beteiligen sollen. Insgesamt sollen demnach rund 92.000 Vertragsstunden in 116 Zweigstellen eingespart werden. H&M teilt dazu mit, die 92.000 Stunden entsprächen den rund 800 Stellen, die abgebaut werden sollten. Insgesamt sei nur rund ein Viertel der deutschen Geschäfte betroffen.

»Es geht um ihre Existenz«

Die neuen Enthüllungen sorgten am Samstag für Empörung. »Sich nach außen familienfreundlich zu geben, im Inneren aber Mütter und Eltern mit Kindern aus dem Unternehmen zu drängen, passt nicht zusammen«, sagt SPD-Politikerin Mast dem SPIEGEL. »Das ist indiskutabel.« Die Kündigungspläne seien ihr aus unterschiedlichen Quellen bestätigt worden. Sie habe das Unternehmen um ein klärendes Gespräch gebeten, welches bislang aber nicht zustande gekommen sei.

Der Bundesfachgruppensekretär Einzelhandel der Gewerkschaft Ver.di hält es für bedenklich, gerade Angestellte in Elternzeit unter Druck zu setzen. Auf ihnen laste ein enormer Druck, sagt Cosimo-Damiano Quinto dem SPIEGEL. »Es geht um ihre Existenz.«

Das Modeunternehmen kämpft wie viele andere Firmen in der Branche mit einer zunehmenden Verlagerung seines Geschäfts ins Internet. Hinzu kommen Belastungen durch die Pandemie.

H&M hat trotz wochenlanger Corona-bedingter Schließungen im Geschäftsjahr 2020 einen kleinen Gewinn von 120 Millionen Euro eingefahren. Die Summe beträgt etwa ein Zehntel des Vorjahresprofits. In Deutschland liefen die Geschäfte unterm Strich mit am besten. Hier fielen die Umsätze im vergangenen Geschäftsjahr nur um drei Prozent, wie aus einer Mitteilung des Konzerns hervorgeht .

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