Protest im Hambacher Forst Erst wenn der letzte Bagger eingeschmolzen...

Die Rodung gestoppt, der Protest geht weiter: Zehntausende feiern am Hambacher Forst den Erhalt des Waldstücks und den vorläufigen Sieg über Energiekonzern RWE. Doch ein Ende des Streits ist noch lange nicht in Sicht.
Demo-Teilnehmer an der Abrisskante des Hambacher Tagebaus

Demo-Teilnehmer an der Abrisskante des Hambacher Tagebaus

Foto: Christophe Gateau / dpa

An der A4 zwischen Köln und Aachen hat jemand ein Transparent an einer Brücke angebracht, es verrät, was heute im rheinischen Revier verhandelt wird. Auf dem Banner steht: "RWE und CDU versus uns und die Natur!"

Ein paar Kilometer weiter, zwischen den Dörfchen Buir und Manheim, sind die Landstraßen schon um zehn Uhr morgens verstopft. Tausende Menschen pilgern in Richtung des Hambacher Forsts, die meisten sind mit der S-Bahn und mit Reisebussen gekommen. Manche haben sich das Gesicht grün bemalt und Buchenblätter ins Haar gesteckt. Andere schwenken Fahnen. "Kohlekraft abschalten", steht darauf. Oder: "Die Wurzeln des Waldes sind unantastbar." Der Sound des Tages sind Sprechchöre. Immer wieder brüllt jemand los: "Hambi, Hambi, Hambi". Die Menge antwortet: "Bleibt, bleibt, bleibt!"

Mehrere Umweltorganisationen wie Greenpeace und der BUND haben am Samstag zur Großdemonstration am Hambacher Forst eingeladen. Vorab rechnete man mit bis zu 20.000 Teilnehmern. Am Nachmittag gaben die Veranstalter bekannt, dass sich 50.000 Menschen auf den Weg zum Wald gemacht haben sollen, zur bislang "größten Antikohledemonstration im rheinischen Revier".

Video vom Hambacher Forst: "Ab heute sollen neue Baumhäuser gebaut werden"

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Dabei ist die Demonstration eher eine Art Kundgebung. Auf einem Acker vor dem Hambacher Forst haben die Veranstalter eine Bühne aufgebaut, Vertreter der Umweltverbände halten Reden, dazwischen spielen Bands. Das Feld gehört dem Energiekonzern RWE. Uwe Hiksch von den Naturfreunden Deutschland hat die Demonstration angemeldet. "Vor drei Wochen", sagt Hiksch, "hat uns RWE im übertragen Sinn den Mittelfinger gezeigt, als wir anfragten, ob wir den Acker für die Veranstaltung nutzen dürfen. Jetzt haben sie es uns plötzlich doch noch erlaubt."

Es passiert viel Überraschendes in diesen Tagen am Hambacher Forst. Die Bäume schienen schon Geschichte, die Kohlebagger schienen die Zukunft zu sein. Nun könnte es doch noch anders kommen.

"Was für uns Älteren Gorleben war, ist für die Jungen Hambach."

Das Waldstück zwischen Köln und Aachen ist seit Jahren schwer umkämpft. Es gehört RWE, der Konzern betreibt vor Ort seinen Braunkohletagebau und möchte die Bäume deswegen roden. Knapp 200 Umweltaktivisten hatten den Wald besetzt, sie lebten in selbst gezimmerten Baumhäusern und sabotierten die Arbeiten von RWE. Der Konzern wollte ursprünglich Mitte Oktober mit den Rodungsarbeiten beginnen. Die nordrhein-westfälische Landesregierung entschied vor knapp vier Wochen, dass der Wald geräumt werden muss. In einem Großeinsatz vertrieben lokale Baubehörden und die Polizei die Aktivisten aus ihren Hütten, über 80 Baumhäuser wurden zerstört. Es gab üble Szenen, 27 Polizisten wurden verletzt, auch auf der Seite der Aktivisten gab es einige Knochenbrüche. Am 19. September starb ein Journalist nach einem Sturz von einer Hängebrücke, er wollte den Einsatz filmen.

In ganz Deutschland wuchs zuletzt der Widerstand gegen die Pläne der Landesregierung und RWE. Am Dienstag fiel das letzte Baumhaus, am Freitag dann fällte das Oberverwaltungsgericht in Münster ein spektakuläres Urteil: RWE ist es vorerst verboten, den Wald zu roden. Man gab einer Beschwerde des BUND statt. Alle Seiten müssen sich nun auf einen jahrelangen Rechtsstreit einstellen. Die Bäume sind erst einmal gerettet, so sehen es zumindest die Umweltschützer.

Demonstranten am Hambacher Forst

Demonstranten am Hambacher Forst

Foto: Michael Gottschalk/ Getty Images

Bei der Kundgebung tritt Antje Grothus auf die Bühne und schnappt sich das Mikrofon. Grothus lebt in Buir und ist Mitglied der Kommission, die derzeit im Auftrag der Bundesregierung einen Zeitplan für den Kohleausstieg auslotet. "Es kann so leicht sein, einen Riesen zu besiegen, wenn man viele ist", ruft Grothus. Applaus und Johlen im Publikum. Studenten und Rentner stehen auf dem Acker vor der Bühne, Familien mit Kleinkindern sind gekommen und machen ein Picknick auf einer Decke. Es wird getanzt, getrommelt, gesungen.

Dirk Jansen, der Chef des BUND in Nordrhein-Westfalen, lässt seinen Blick über die Menge schweifen, dann schüttelt den Kopf. Eine "historische Zäsur in der Geschichte der Umweltbewegung" sei dieser 6. Oktober, sagt er. Jansen ist seit rund 30 Jahren beim BUND. "Was für uns Älteren Wackersdorf und Gorleben war, ist für die Jungen jetzt Hambach."

Am Nachmittag strömen Tausende in den angrenzenden Wald, sie fotografieren die Reste der Baumhäuser. Es gibt Menschen, die sich unter den riesigen Buchen in die Arme fallen, man sieht Leute mit Freudentränen in den Augen. Der Hambacher Forst ist zu einer Art Wallfahrtsort geworden.

Auch ein älteres Paar aus Bremen ist angereist. Sie war Physiklehrerin, er unterrichtete Mathematik, beide sind inzwischen Pensionäre. Man müsste die Jungen unterstützen im Kampf für ein besseres Klima, sagen sie. Und: "Wir sind beeindruckt davon, dass sich Leute hier monatelang dem Staat widersetzt haben." Dann schwingen sie sich auf ihre Räder und fahren davon.

Hambacher Hängematten-Lager

Hambacher Hängematten-Lager

Foto: SASCHA SCHUERMANN/ AFP

Eine Frau Mitte 20 macht gerade auf einem Baumstumpf Rast. Sie habe kürzlich in Köln ihr BWL-Studium abgeschlossen, erzählt sie. "Es ist deprimierend, wenn ich daran denke, dass hier an diesem Ort bald ein gigantisches Loch klaffen könnte, nur, damit man an die Braunkohle rankommt." Hinter ihr rennt ein Jogger über einen Waldweg, Sportler im Hambacher Forst gab es lange nicht mehr.

Die Polizei in Aachen hatte die Demonstration zuerst verboten. Man sehe "erhebliche Gefahren für die öffentliche Sicherheit", teilte man mit. Das Verwaltungsgericht in Aachen widersprach dem am Freitag, die Sicherheitsbedenken der Polizei seien nicht nachzuvollziehen, hieß es dort. Am Ende konnte die Demonstration wie geplant stattfinden.

Polizisten fragen sich: "Waren wir umsonst hier?"

Am Waldrand sind heute jene Polizisten postiert, die in den vergangenen Wochen die Baumhäuser räumen mussten. Wenn man sie fragt, was sie von dem Rodungsstopp halten, lächeln die meisten von ihnen. "Kaum jemand von uns hat noch Bock, hierher zu kommen", sagt ein Polizist. Manche würden auch die Faust in der Tasche ballen, heißt es. Man frage sich, warum die Landesregierung "eine Räumung um jeden Preis" gewollt habe. Ein Beamter drückt es so aus: "Alle fragen sich jetzt: Waren wir die letzten Wochen etwa umsonst hier?"

An den vergangenen Wochenenden gab es immer wieder Protestaktionen im Hambacher Forst, Umweltschützer solidarisierten sich dabei mit den Aktivisten in den Baumhäusern. Sie bauten Barrikaden und kamen zum Sitzstreik zusammen. Die Polizei setzte Pfefferspray ein. Der heutige Tag verläuft dagegen erst mal anders. Es werde "vorbildlich demonstriert", sagt eine Polizeisprecherin am Mittag. Keine Barrikaden, keine Eskalation. Am Hambacher Forst, so könnte man meinen, haben sich plötzlich wieder alle lieb.

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Foto: blickwinkel

Doch so ist es nicht. Sicherheitskräfte von RWE patrouillieren den ganzen Tag auf dem Weg zwischen Waldrand und der Abbruchkante des Tagebaus. Über Lautsprecher wird ein "absolutes Betretungsverbot für Betriebsfremde" ausgesprochen. Man ist nervös bei RWE. Am späten Nachmittag dringen rund hundert Demonstranten in den Tagebau ein. "Absolut unverantwortlich" sei das, sagt ein RWE-Sprecher. Man habe zwischenzeitlich drei Bagger stilllegen müssen. Von den Veranstaltern der Demonstration gibt es keinen Kommentar zu dem Vorfall.

Im Publikum vor der Bühne ist auch Jos, ein Aktivist, der bis vor wenigen Tagen in einem der Baumhäuser im Hambacher Forst lebte. Die Polizei habe ihn nach der Räumung kurz festgenommen, erzählt Jos. Nach seiner Freilassung sei er sofort zum Wald zurückgekehrt. "Ich bin skeptisch", sagt Jos, durch die Gerichtsentscheidung hätte man "nur Zeit gewonnen, mehr nicht". Er wird also weitermachen? Natürlich, sagt Jos. Derweil spricht auf der Bühne eine Frau vom Aktionsbündnis "Ende Gelände". Man werde "ab sofort" wieder Baumhäuser im Wald bauen, ruft sie. "Wir werden so lange wiederkommen, bis der letzte Kohlebagger eingeschmolzen ist."

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