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Hannover Messe: Ingenieurskunst wie bei Da Vinci und Scotty

Foto: Ferchau

Hannover Messe "Der Ingenieur ist kein Sonderling mit Scheuklappen"

Künstler und Ingenieure in einer Person gibt es nur in der Fiktion oder in der Renaissance? Weit gefehlt! Ausgerechnet auf der Hannover Messe, der hochnüchternen Industrieschau, hat SPIEGEL ONLINE sie gefunden: drei Menschen im Da Vinci Mode.

Hannover, Messe. Draußen pafft ein Anzugträger eine dicke Zigarre, drinnen lächeln Hostessen in dünnen Blusen. In den Hallen riecht es wie im Baumarkt, nach Plastik, Metall, irgendwie nach Technik. Und an den Ständen der Unternehmen sieht es meist auch so aus: Da gibt es Schalter, Stecker, Sicherungen, Heizelemente, Türgriffe, Trafos, Windturbinenteile, Messinstrumente.

In Halle 2 an Stand D47 hält ein junger Mann einen futuristischen Helm in der Hand, der silbern glänzt und aussieht wie der Kopf einer außerirdischen Insektenart. "Ich könnte mich auch bei Siemens oder bei Bosch bewerben und Bohrmaschinen bauen", sagt er. "Aber es gibt halt schon echt viele Bohrmaschinen."

Stattdessen hat Sebastian Piatza den Datenhelm EYEsect gebaut, ein Projekt irgendwo zwischen Kunst und Produkt. Damit kann man quasi die Augen aus dem Kopf herausnehmen. Und das funktioniert so: Im Inneren besteht der Helm unter anderem aus einer 3D-Videobrille, die über Kabel mit zwei in Plastikgehäuse gefassten Industriekameras außen am Helm verbunden ist. Die beiden Kamerakugeln kann man in die Hände nehmen und so in mehrere Richtungen gleichzeitig schauen.

Als Piatza mir den Helm aufsetzt, sagt er: "Schau doch mal mit einem Auge auf deine Füße und mit dem anderen nach vorn." Wow. Das Bild teilt sich wie bei einem Split Screen auf der Kinoleinwand. Ein bisschen mulmig wird einem da schon zumute. Ähnlich wie es einigen Menschen ergeht, wenn sie zum ersten Mal im Kino eine 3D-Brille aufsetzen.

Aber wieso sehe ich die Dinge auf den falschen Seiten? Mit dem rechten Auge meinen linken Fuß und mit dem linken Auge den Erfinder? "Prozessiert das Gehirn die Eindrücke über Kreuz?", will ich wissen. Piatza antwortet nicht. Stattdessen nimmt er mir meine Augen aus den Händen - äh, die Kamerakugeln - und tauscht sie um.

Was macht ein Kunstpreis auf einer Fachmesse der Industrie?

Leonardo da Vinci lebt: Handwerker und Künstler in einer Person findet man offenbar keinesfalls nur in der Fiktion oder in der Renaissance. Es gibt sie noch, die Universaltalente und versponnenen Bastler. Heutzutage zieht es sie ausgerechnet auf die Hannover Messe, die hochnüchterne Industrieschau.

Piatza ist dort für seinen Helm als einer von drei Gewinnern mit dem Kunstpreis Art of Engineering  ausgezeichnet worden, den Deutschlands größter Ingenieur-Dienstleister  vergibt. Der Wettbewerb prämiert in diesem Jahr Arbeiten zum Thema Liquid Space, dem sich wandelnden Raum. Mehr als 150 Teilnehmer haben Beiträge eingereicht. Die drei Preisträger und ihre Werke sehen Sie in der Fotostrecke.

Ausgezeichnet für ein jeweils eigenes Projekt wurden auch die Produktdesigner Christian Zöllner (der mit Piatza zusammen das experimentelle Start-up The Constitute  betreibt) und Annalena Kluge für die Visualisierung von Erdbeben in Echtzeit durch Lichtimpulse, das Projekt Seismo Light . Die Gewinner wurden von einer Jury ausgewählt, der unter anderem Mitglieder der Fraunhofer Gesellschaft, des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) sowie Vertreter von Hochschulen, Museen und Medien angehören.

Ingenieure gelten gemeinhin als Fleisch gewordener Pragmatismus, Schöngeistigem qua Beruf abhold. Prototyp dieser Profession ist Max Frischs verstandgesteuerter Romanheld Homo Faber.

Warum also vergibt ausgerechnet ein Ingenieurbüro einen Kunstpreis? "Wir wollten ingenieurtechnische Themen mal einer Perspektivänderung unterziehen", sagt Geschäftsführer Frank Ferchau - und zwar einer künstlerischen. Und auf Nachfrage fügt er hinzu: "Der Ingenieur ist kein Sonderling mit Scheuklappen. Sicherlich nicht."

Die Aufspaltung von Kunst und Ingenieurswissenschaften will auch Preisträger Christian Zöllner nicht gelten lassen. "Ich glaube, die Frage kann man eher umdrehen und sagen: Warum muss man das getrennt denken?" Ihm gefalle "die Bipolarität zwischen klarer Konstruktion - also dem Ingenieurwesen, das man auch auf der Messe sieht - und diesem coolen Künstlergestus". Dabei gehe es darum, eine "Wahnsinnsidee" zu vereinen mit einer handfesten Technologie und "zu gucken, was dann mit dieser Reibung passiert."

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