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26. Juni 2018, 15:24 Uhr

Produktionsverlagerungen

Harley-Mitarbeiter vermuten Rache an Trump

Von manager-magazin.de-Redakteur

Etliche Mitarbeiter von Harley-Davidson könnten wegen des Handelsstreits zwischen den USA und der EU ihren Job verlieren. Die bittere Konsequenz lasten sie jedoch nicht ihrem Präsidenten an.

Der Handelskonflikt zwischen der Europäischen Union und den USA hat eine unerwartete Wendung genommen. Zuerst hatten die USA Sonderzölle auf die Einfuhr von Aluminium und Stahl unter anderem aus der Europäischen Union (EU) verhängt. Darauf antwortete die EU ihrerseits mit höheren Abgaben auf Produkte aus den USA - unter anderem auf Motorräder der Marke Harley-Davidson. Und ausgerechnet jenes Ur-amerikanische Unternehmen zieht jetzt die für Washington bittere Konsequenz und verkündet den Plan, einen Teil der Produktion aus den USA zu verlegen.

Die Reaktion des Motorradherstellers deutet nun darauf hin, dass US-Präsident Donald Trump mit seinem Vorgehen im Handelskonflikt womöglich das genaue Gegenteil von dem erreichen könnte, was eigentlich geplant war- Jobs in den USA zu schaffen.

Zu allem Überfluss handelt es sich bei Harley-Davidson nicht um irgendein Unternehmen. Die Firma ist US-Kult, ihre Chopper-Maschinen stehen als Symbol für den amerikanischen Lifestyle sowie für den dort so weit verbreiteten Traum von Freiheit und Unabhängigkeit.

Trump reagierte auf Twitter bereits entsprechend verschnupft auf die Nachricht aus der Harley-Zentrale:

Bemerkenswert erscheint vor dem Hintergrund allerdings die Reaktion einiger Mitarbeiter von Harley-Davidson, über die die "Financial Times" berichtet. Die Zeitung hat Angestellte des Unternehmens in einer Fabrik im US-Staat Wisconsin zu ihrer Meinung zu den Vorgängen befragt. Leute also, die in den Vereinigten Staaten für Harley-Davidson arbeiten, und die nach einer Produktionsverlagerung ins Ausland möglicherweise ihre Jobs verlieren könnten. Und das zumindest auf den ersten Blick, weil sich der US-Präsident in ein Kräftemessen auf der internationalen Bühne begeben hat.

Video: Trump wettert gegen Harley Davidson

"Ich denke, er spielt Poker"

Doch von Kritik am Präsidenten oder gar Ablehnung ist in den Statements der Harley-Davidson-Mitarbeiter, die die "FT" zitiert, kaum etwas zu finden. Im Gegenteil: Die meisten geben an, Trump gewählt zu haben, so die Zeitung - und sie würden es angeblich trotz allem wieder tun.

"Er würde es nicht tun, wenn es nicht getan werden müsste", sagt dem Bericht zufolge einer der Harley-Mitarbeiter. "Er ist ein sehr cleverer Geschäftsmann."

"Ich denke, er spielt Poker", sagt ein anderer. "Ich treffe dich mit diesem, du triffst mich mit jenem. Ich denke, so bringt er die Gegenseite an den Verhandlungstisch - andernfalls wäre er komplett verrückt."

Gefragt, ob er aufgrund der jüngsten Entwicklung bei der nächsten Wahl 2020 womöglich gegen Trump stimmen werde, antwortet ein Dritter: "Ich glaube nicht. Dazu müsste schon mehr passieren. Er macht gute Sachen. Wir müssen allerdings schauen, wer gegen ihn antritt. Das könnte meine Wahlentscheidung ändern."

Beliebtheit von Trump nimmt zu

Auch Trumps Andeutung aus seinem Tweet, Harley-Davidson verwende den Handelskonflikt lediglich als Vorwand, um eine ohnehin geplante unpopuläre Entscheidung zu verkaufen, findet unter den Harley-Mitarbeitern offenbar Unterstützung. "Ich glaube, Harley benutzt das nur als Ausrede um weitere Produktionsteile außer Landes zu schaffen", sagt einer. "Sie wollen es einfach Trump anlasten."

Nicht zuletzt aufgrund der florierenden US-Wirtschaft sind viele der Harley-Mitarbeiter dem Bericht zufolge optimistisch, im schlimmsten Fall anderswo neue Jobs finden zu können.

Das Stimmungsbild unter den Harley-Davidson-Leuten mag aus europäischer Sicht überraschend erscheinen. Es passt jedoch ins Gesamtbild, das Meinungsforscher über die Beliebtheit des US-Präsidenten im eigenen Land zeichnen. Dem US-Meinungsforschungsinstitut Gallup zufolge etwa haben die Zustimmungswerte des Präsidenten zuletzt wieder dessen persönliches Rekordniveau erreicht. Auf diesem Level befand sich Trumps Beliebtheit bislang ausschließlich kurz nach dessen Amtseinführung Anfang 2017, so Gallup.

Bemerkenswert: Trumps Zustimmungsrate beträgt zurzeit laut Gallup 45 Prozent - das sei lediglich ein Prozentpunkt weniger als die Rate, die Trumps Vorgänger im Amt, Barack Obama, zum gleichen Zeitpunkt seiner Amtszeit vorzuweisen hatte, so das Institut.

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