Gefahr für das Finanzsystem Das dunkle Reich der Schattenbanken

Sie sind die unbekannten Riesen der Finanzwelt: Schattenbanken wickeln laut einer Studie rund ein Viertel aller Geschäfte im internationalen Geldwesen ab. Aufsicht und Regulierung? Fehlanzeige.
Finanzviertel in Hongkong: Hier ist der Sektor fünfmal so groß wie die Wirtschaftsleistung

Finanzviertel in Hongkong: Hier ist der Sektor fünfmal so groß wie die Wirtschaftsleistung

Foto: MN Chan/ Getty Images

Hamburg - Die Zahl klingt gigantisch: 67 Billionen Dollar groß soll der sogenannte Schattenbankensektor Ende 2011 gewesen sein - das ist mehr als das Weltsozialprodukt, also die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die alle Menschen dieser Erde im vergangenen Jahr erwirtschaftet haben. Und erstaunlicherweise ist der Sektor seit Beginn der Finanzkrise sogar gewachsen.

Die Zahl stammt vom Finanzstabilitätsrat (FSB), einem Zusammenschluss von Notenbanken und Aufsichtsbehörden. In ihrem jüngsten Bericht widmen sich die Experten ausführlich den Schattenbanken. Unter dieser Bezeichnung fassen sie alle Akteure zusammen, die auf den Finanzmärkten wie Banken auftreten, aber nicht wie Banken reguliert und beaufsichtigt werden. Dazu zählen etwa Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften, aber auch Geldmarktfonds und sogenannte Zweckgesellschaften, in die Banken ihre riskanten Geschäfte auslagern. Selbst normale Investmentfonds rechnen die internationalen Finanzaufseher den Schattenbanken zu.

Auch wenn der Name dämonisch klingt: Schattenbanken sind nicht per se böse. Häufig erfüllen sie sogar eine wichtige Aufgabe: Laut dem FSB-Bericht bieten sie vielen Unternehmen "eine wertvolle Alternative zur Bankfinanzierung". Das heißt im Klartext: Wer von der Bank keinen Kredit mehr bekommt oder sich nicht auf lange Verhandlungen einlassen will, holt sich das Geld von den Schattenbanken. Das ist einfach und effizient.

Leider ist es aber auch gefährlich. Denn die Schattenbanken gehen häufig viel riskantere Geschäfte ein als normale Banken.

  • Hedgefonds etwa investieren häufig in Finanzprodukte, die den Banken zu riskant sind - zum Beispiel in faule Kredite aus dem Immobiliensektor. Zudem spekulieren sie oft mit Geld, dass sie sich bei Banken geliehen haben. Gehen die Investments schief, droht eine Dominoreaktion, die auch Banken mit in den Abgrund reißen kann.
  • Auch die Zweckgesellschaften spielen ein riskantes Spiel. Sie werden häufig von Banken außerhalb der regulären Bilanzen geführt und betreiben zum Beispiel sogenannte Fristentransformation: Langfristige Geschäfte wie zum Beispiel eine hochverzinste Hypothek mit 25 Jahren Laufzeit werden durch kurzfristige Schuldpapiere mit niedrigen Zinsen refinanziert. Geht das schief, weil niemand mehr die kurzfristigen Schuldpapiere kaufen will, stürzt die ganze Gesellschaft ab - und reißt im schlimmsten Fall andere Geschäftspartner mit.
  • Selbst die früher als sicher geltenden Geldmarktfonds können das Finanzsystem destabilisieren. Sie sind schlichte Kapitalsammelstellen. Sie sammeln Geld von Versicherungen, Pensionsfonds oder Kleinanlegern und verleihen es kurzfristig weiter - meist an Banken oder Unternehmen. Wie abhängig gerade die regulären Kreditinstitute von den Geldmarktfonds sind, zeigte sich im Herbst 2011, als amerikanische Fonds massiv Kapital von französischen Banken abzogen. Am Ende mussten die internationalen Notenbanken mit Milliarden-Geldspritzen einspringen, um eine Finanzkatastrophe zu verhindern.

Der Finanzstabilitätsrat will den Schattenbankensektor deshalb sicherer machen. In ihrem jüngsten Bericht schlagen die Experten eine ganze Reihe möglicher Maßnahmen vor: von Verschuldungshöchstgrenzen über Eigenkapital- und Liquiditätspuffer bis zur Regulierung von Laufzeiten in den Wertpapierportfolios der Schattenbanken.

Vor allem aber sollen die Finanzvehikel endlich aus dem Schatten herausgezerrt und überhaupt einer Aufsicht unterworfen werden. Dazu müsste man freilich erst einmal wissen, wer sie sind - und vor allem wo sie sind. Ein großer Teil der Hedgefonds etwa wird selbst von den Zahlen des FSB nicht erfasst. Die Akteure sitzen in Offshore-Finanzplätzen wie den Kaiman-Inseln oder dem US-Bundesstaat Delaware und tauchen in keiner Statistik auf.

Ein ungefähres Bild lässt sich dem Bericht zufolge trotzdem zeichnen: Das größte Schattenbankensystem haben demnach immer noch die USA: 23 Billionen Dollar an Vermögenswerten lagen im vergangenen Jahr in diesem Sektor.

Misst man die Größe der Schattenbanken allerdings an der Wirtschaftskraft der jeweiligen Länder, sind die USA längst nicht mehr ganz vorn. Dann belegt die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong den ersten Platz: Hier machen die unregulierten Geschäfte mehr als das Fünffache der jährlichen Wirtschaftsleistung aus (520 Prozent, siehe Grafik). Auch die Niederlande (490 Prozent), Großbritannien (370 Prozent), Singapur (260 Prozent) und die Schweiz (210 Prozent) kommen auf gigantisch hohe Werte.

Wo die Schattenbanker wohnen: An diesen Finanzplätzen ist der Anteil besonders groß

Wo die Schattenbanker wohnen: An diesen Finanzplätzen ist der Anteil besonders groß

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die meisten dieser Länder haben ohnehin bereits große Finanzbranchen. In den Niederlanden kommt die hohe Zahl laut Bericht vor allem durch die rund 14.000 speziellen Finanzinstitutionen zustande, die als Steuersparmodelle eingesetzt werden und nicht der Aufsicht unterliegen.

An der Aufzählung lässt sich schon erkennen, warum es nicht leicht sein wird, das Reich der Schattenbanken einzuengen. Wichtige Finanzplätze auf der ganzen Welt sind auf die Mächte im Dunkeln angewiesen. Bisher wurden deshalb die meisten Regulierungsversuche abgeblockt - meist von Großbritannien und den USA. Dass es diesmal besser läuft, ist kaum zu erwarten.

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