Heizölkauf Tiefstpreis-Wette ohne Risiko

Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs können Heizölkunden ihre Bestellungen jederzeit wieder stornieren. Experte Klaus Bergmann erklärt, wie Verbraucher dadurch Geld sparen - und welche Risiken auf die Händler zukommen.

Heizkörper: "Egal, was ein Händler schreibt - widerrufen kann der Kunde trotzdem"
AP

Heizkörper: "Egal, was ein Händler schreibt - widerrufen kann der Kunde trotzdem"

Ein Interview von


Zur Person
    Klaus Bergmann, Jahrgang 1955, betreibt als geschäftsführender Gesellschafter die Internet-Plattform esyoil.com, die es Verbrauchern ermöglicht, die Entwicklung der Heizölpreise zu beobachten und günstige Angebote zu finden. Er engagiert sich daneben an der Leuphana-Universität Lüneburg, unter anderem als Beirat in der "Fakultät für Nachhaltigkeit". Ein Mitbewerber mit einem ähnlichen Geschäftsmodell und ähnlicher Größe ist die Plattform heizoel24.de.
SPIEGEL ONLINE: Herr Bergmann, wie der SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe berichtet, hat der Bundesgerichtshof (BGH) überraschend entschieden, dass Verbraucher die Bestellung von Heizöl wieder stornieren können, solange die Ware noch nicht im Tank ist. Was bedeutet das?

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 34/2015
Mensch sein im Google-Zeitalter

Bergmann: Der Käufer hat damit die Möglichkeit, jeden besseren Preis ab dem Zeitpunkt seiner Bestellung zu wählen. Er kann somit sicherstellen, dass seine Wette auf den tiefsten Heizölpreis immer aufgeht. Sein Vorteil wird so zwangsläufig zum Schaden des Lieferanten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lang hat ein Kunde Zeit zum Widerruf?

Bergmann: Das hängt davon ab, wie lange der Händler für die Lieferung braucht. Bei relativ ruhigem Verlauf, wie jetzt, ohne Auftragsstau, liegen die Lieferfristen bei einer oder zwei Wochen. In Extremfällen hat es aber auch schon zwölf Wochen gedauert, bis der Tankwagen beim Kunden vorfährt.

SPIEGEL ONLINE: Profitiert der Händler auch?

Bergmann: Ganz im Gegenteil. Der Händler ordert das Öl ja in der Regel, wenn der Kunde bei ihm bestellt. Er hat aber gegenüber seinem Lieferanten kein Widerrufsrecht. Das heißt, er muss die Ware trotz eines Preisverfalls zum teureren Preis abnehmen - und bleibt bei einer Stornierung seines Kunden darauf sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht er dann mit dem Öl?

Bergmann: Er verkauft es mit Verlust - oder er versucht den höheren Preis bei einem weniger informierten Kunden doch noch durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Der Händler hat keine Möglichkeit, sich gegenüber dem Besteller zu wehren?

Bergmann: Keine, die ihm nicht selbst schadet. Natürlich kann er versuchen, den Kunden vom Widerruf abzubringen. Dann wird er aber beim Preis nachgeben müssen, oft also draufzahlen. Oder er akzeptiert den Widerruf, nimmt von dem Kunden aber keine Bestellungen mehr an. Dann muss er die Ware immer noch loswerden - und den Kunden hat er künftig auch nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Kann er sein Preisrisiko nicht minimieren?

Bergmann: Nur durch eine Form des Wirtschaftens, mit spekulativen Warentermingeschäften. Das setzt Fachwissen voraus, das die wenigsten Händler im Endverbrauchergeschäft haben.

SPIEGEL ONLINE: Besteht die Gefahr, dass der Handel dieses Stornorisiko künftig einpreisen wird?

Bergmann: Das müsste passieren. Die Frage ist nur, ob sich ein solcher Aufschlag durchsetzen lässt: Es muss ja nur ein oder zwei Anbieter pro Region geben, die das Stornorisiko ohne Aufschlag eingehen, und schon müssen die anderen mitziehen.

SPIEGEL ONLINE: Manche Händler schreiben in ihren Lieferbedingungen immer noch, dass ein Widerruf ausgeschlossen ist. Liegt das daran, dass sich das Urteil formal nur auf eine alte Gesetzesfassung bezieht?

Bergmann: Nein, man muss davon ausgehen, dass das jetzt die Rechtslage ist. Und egal, was ein Händler dazu schreibt - widerrufen kann der Kunde trotzdem.

SPIEGEL ONLINE: Das Urteil gilt zwar nur für sogenannte Fernabsatzverträge, also Verträge, die per Fax, Telefon, Brief oder via Internet geschlossen werden. Das ist aber üblich im Heizölgeschäft. Wird es zu einer Pleitewelle unter den Händlern kommen?

Bergmann: Das hängt sehr von der Preisentwicklung ab. Nehmen Sie die Phase Ende vergangenen Jahres: Am 25. November stand der durchschnittliche Lieferpreis bei 69,45 Euro pro 100 Liter, am 16. Dezember bei 56,73 Euro - also ein Preissturz von knapp 19 Prozent innerhalb von drei Wochen. So etwas würde künftig hunderte Händler in die Pleite treiben, vor allem kleinere.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es, wenn sich der Markt auf weniger und größere Händler konzentriert?

Bergmann: Dem Markt gehen ohnehin gerade Heizölhändler verloren - der Prozess dürfte sich jetzt aber drastisch verstärken. Weniger Wettbewerb bedeutet natürlich tendenziell höhere Preise. Der Kunde hat also auch ein Interesse daran, dass der Handel nicht zu sehr unter diesem Widerrufsrecht leidet, und sollte überlegen, ob es nicht doch sinnvoll ist, an einer Bestellung festzuhalten, und sei es nur aus Fairnessgründen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht und welche Geschichten Sie bei SPIEGEL+ finden, erfahren Sie auch in unserem kostenlosen Politik-Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von den politischen Köpfen der Redaktion.



insgesamt 109 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lex1976 15.08.2015
1.
Die Händler tricksen doch genauso. Mir fehlten komischerweise 400 Liter, die ich zwar bezahlte, aber nie im Tank ankamen...
danreinhardt 15.08.2015
2. Skandalös
Wie unsere Richter den Verbraucherschutz Branchenunabhängig zu letztendlichen Lasten aller verkennen. Heizöl ist nuneinmal nicht, wie in dem Urteil dargestellt, mit Klamotten zu vergleichen. Diese Branche unterliegt einfach ganz anderen Marktvedingungen, die Preise schwanken stündlich, da kann ein Widerrufsrecht für niemanden von Vorteil sein. Grade in Deutschland ist doch ein vielseitiger Mittelstand der Motor der Wirtschaft.
m.m.s. 15.08.2015
3. Sehr gut
Endlich wird der Verbraucher geschützt.
Das Grauen 15.08.2015
4. Wieviele Heizõlhändler gibt's in der Stadt?
Davon ist abhängig, wieviel das einem bringt. Denn den Trick kann man bei jedem Händler genau zwei Mal benutzen, dann weigert der sich, weitere Bestellungen anzunehmen. Schätze ich.
Luscinia007 15.08.2015
5.
als ob der Kunde ein Interesse daran hätte, die lokale Heizölhändlerinfrastruktur aufrechtzuerhalten. Sagen tut er das zwar, aber er bestellt auch nur da, wo es am günstigsten ist. Genauso wie der Experte ja schon prognostiziert hat, dass das Einpreisen des Risikos nicht gelingen wird, weil immer 2-3 egostische Händler aus der Reihe tanzen werden. Der sinnvollste Weg wäre, sofern das Urteil nur für den Fernabsatzmarkt gelten sollte, wie es im Beitrag heißt, dass sich die Händler fernmündliche, Fax- oder Online-Bestellungen postwendend schriftlich bestätigen lassen. Das dürfte auch recht unproblematisch von sich gehen können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.