Boom der Helmkameras Kopfkino für jedermann

Eine Helmkamera von Michael Schumacher könnte entscheidende Hinweise zu den Umständen seines Unfalls liefern. Die Geräte verbreiten sich unter Freizeitsportlern rasant. Der Erfinder des Marktführers GoPro ist bereits Milliardär.

AP/GoPro

Von


Hamburg - Solche Szenen lassen das Skifahrer-Herz höher schlagen. Drei Freunde auf der Piste, Sonnenschein, blauer Himmel und jungfräulicher Tiefschnee. Untermalt von euphorischer Musik nimmt der Zuschauer an einer spektakulären Abfahrt teil. Die Kamera sitzt zeitweise am Körper, zeitweise an einem Skistock, mit dem der Filmer die lachenden Gesichter einfängt. Dass es sich um ein rein privates Vergnügen handelt, wird am Ende klar - als sich die Hauptdarsteller auch noch beim Après-Ski filmen.

Das kurze YouTube-Video ist ein Jahr alt, gefilmt wurde es den Angaben zufolge mit Kameras vom Typ GoPro und Geonaute im französischen Skigebiet Trois Vallées. Hier verunglückte kurz vor Jahresende Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher. Anschließend beschlagnahmte die Polizei eine Helmkamera, die Schumacher zum Zeitpunkt des Unfalls trug. Laut Medienberichten handelte es sich um eine GoPro.

Überraschend wäre das nicht. In Ski-, Surf- und Fahrradläden gehen der Marktforschungsfirma NPD zufolge 96 Prozent der Kameraverkäufe auf das Konto des GoPro-Herstellers Woodman Labs. Und das Segment wächst rasant. Als der Firmenchef und begeisterte Surfer Nicholas Woodman 2004 seine erste Kamera vorstellte, hatte er noch vor allem ambitionierte Sportler wie sich selbst im Visier. Das zeigt auch der Name GoPro, der sich mit "Werde Profi" übersetzen lässt. Doch mittlerweile dokumentieren immer mehr Freizeitsportler ihre Erlebnisse mit den Geräten.

Diese sitzen in einer wasserfesten Hülle und lassen sich fast überall befestigen - an Helmen oder Armgelenken, Surfboards oder Fahrradlenkern. Die Bilder können Nutzer per WiFi direkt auf ihr Smartphone schicken. Mittlerweile ist die Technologie ab 250 Euro zu haben, zu ihren prominenten Werbeträgern gehören der Snowboarder Shaun White und der Surfer Kelly Slater. Extremsportler Felix Baumgartner trug gleich fünf GoPros am Körper, als er sich 2012 aus 39 Kilometern Höhe Richtung Erde stürzte.

Der Umsatz lag 2012 laut Woodman bei 521 Millionen Dollar. Detailliertere Zahlen gibt es nicht, weil der GoPro-Hersteller bislang ein Personenunternehmen ist. Doch seit Dezember 2012 lässt sich der Markenwert erahnen: Damals zahlte der taiwanische Apple-Zulieferer Foxconn 200 Millionen Dollar für einen Anteil von knapp 8,9 Prozent, was einem Gesamtwert von rund 2,3 Milliarden Dollar entspricht. Da Woodman dem "Forbes"-Magazin zufolge die Mehrheit an seiner Firma hält, dürfte er nun Milliardär sein.

Lehrgeld in der Dotcom-Ära

Bis heute präsentiert sich Woodman als Vertreter seiner eigenen Kundschaft: Ein verspielter Sonnyboy, der seine Produkte am liebsten selbst ausprobiert. Doch der Erfolg kam für den Spross einer wohlhabenden kalifornischen Familie nicht über Nacht. Zunächst versenkte er während der Dotcom-Krise mit einem Online-Spiele-Portal namens Funbug mehrere Millionen an Investorengeldern.

Von der Pleite erholte sich der Jungunternehmer bei einem ausgedehnten Surfurlaub - hier soll ihm bei Experimenten mit einer Wegwerfkamera die Idee zu GoPro gekommen sein. Der Umsetzung widmete Woodman sich dann mit 18-Stunden-Tagen, bei denen er sich sogar einen Trinkrucksack umschnallte, um unnötige Wege zum Getränkeholen zu vermeiden.

Die Askese ist Vergangenheit. Mittlerweile fliegt Woodman im Privatjet und denkt über einen Börsengang nach. Als ihn "Business Week" fragte, ob GoPro zwei Milliarden Dollar wert sei, antwortete er: "Mehr als das."

Hinter dem Optimismus steckt der Glaube an den Zeitgeist. Zum einen profitiert das Unternehmen ähnlich wie der Brausekonzern Red Bull vom Boom von Fun- und Extremsportarten. Zum anderen setzt die Helmkamera-Branche zunehmend auf Normalos. "Es wird die Regel, dass wir immer mehr von unseren Leben dokumentieren", sagt Woodman. Er selbst filmte sogar die Geburt seines Sohnes mit einer GoPro.

Mit der Verbreitung des Kopfkinos wächst aber auch die Sorge, dass Nutzer auf der Jagd nach spektakulären Aufnahmen ihre Fähigkeiten überschätzen. Besonders problematisch ist dieser Ehrgeiz bei einer Gruppe von Extremsportlern, für die Helmkameras fast schon zur Grundausrüstung gehören: Wingsuit-Flieger, die in ihren Fledermausanzügen von Bergen oder aus Flugzeugen springen.

Der Wingsuit-Star Jeb Corliss gehört ebenfalls zum GoPro-Team, bei seinen spektakulären Flügen hat er stets mehrere Kameras dabei. Doch während Corliss bislang mit mehreren schweren Verletzungen davonkam, häuft sich die Zahl tödlicher Wingsuit-Unfälle - oftmals bis zuletzt dokumentiert von der Helmkamera.

Noch unangenehmer könnte für GoPro der technische Fortschritt werden. Analysten spekulieren, dass Helmkameras auf Dauer von spezialisierten Smartphones abgelöst werden. Auf der Suche nach neuen Perspektiven haben Mountainbiker, Bergsteiger und Surfer zudem schon die nächste Technologie entdeckt: Sie lassen sich mittlerweile von Drohnen filmen.



insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Blaufrosch 07.01.2014
1. Egomanie und Gaffer
Ichichich.... Ein Ergebnis des Produktmarketings der letzten 20 jahre: wir halten uns alle für so einmalig, unverzichtbar und Dank diverser Produktkäufe auch für extrem begehrenswert.... vor 20 Jahren war die Einladung zum Dia-Abend die grauenvollste Vorstellung schlechthin. Heute ballern uns die Egoshooter ungefragt mit wackeligen Tempofilmchen in HD aus Pistenabfahrten, Autobahnrasereien oder Mountainbiketouren voll, die nach Erstellung und Einstellung in diverse hirnlose Netzwerke vor allem eine Botschaft haben: "schaut her, ichichich habs überlebt!".... Twitternutzer sind die Edelgaffer der Neuzeit. Was sich früher verschämt auf der Autobahnbrücke sammelte und gaffte, wird heute getwittert und ist gesellschaftlich voll akzeptiert! Nein, man gafft ja nicht, sondern transportiert extrem wichtige Informationen und Bilder! Alles aus der Ichichich-Perspektive! Die Industrie freuts! Fehlt nach der Helmkamera noch die für unten... aber wahrscheinlich gibt es das auch schon... Mahlzeit!
Newspeak 07.01.2014
2. ...
Doch der Erfolg kam für den Spross einer wohlhabenden kalifornischen Familie nicht über Nacht. Stimmt, er wurde damit geboren. Da kann man auch mal zwischendurch Millionen verzocken. Man sollte solchen Menschen, die es "allein" geschafft haben, goldene Denkmäler bauen, das sind echte Vorbilder.
Spiegelansgar 07.01.2014
3. Spassdrohne unterm Tannenbaum
Sie sollten diesen Artikel mit dem Titel: "Neues aus der Ueberwachungswelt" ueberschreiben. - dass Thema ist doch, dass es auch im Freizeitbereich jetzt immer perfektere Moeglichkeiten der selbst inszenierten Ueberwachung gibt. Und wenn wir das Smartphone benutzen geschieht es sogar online ! Zusammen mit dem vorangestellten Artikel ueber das unbekannte Flugobjekt, welches den Flughafenbetrieb so empfindlich gestoert hat, dass die Landung einer Passagiermaschiene durch einen HobbyZeppelinfahrer beeintraechtigt wurde, ergibt sich eine nette Freizeitperspektive fuer die "Spassdrohne", die demnaechst unter keinem Tannenbaum fehlen sollte. Macht doch nix, wenn man damit auch Menschen in aller Welt umbringen kann ! - Merkt SPON eigentlich, wie solche Artikel nur zur Verharmlosung einer eigentlich verachtenswerten neuen Waffengattung dienen ?
hanfiey 07.01.2014
4. unwahrscheinlich
Handy mit Kamera macht bei Sport keinen Sinn. Eine Funkverbindung zum Handy schon eher. Wir befinden uns ohnehin auf dem weg von der "Wollmilchsau" weg zu spezialisiertem Gerät.
geotie 07.01.2014
5. yoooh
Zitat von sysopAP/GoProEine Helmkamera von Michael Schumacher könnte entscheidende Hinweise zu den Umständen seines Unfalls liefern. Die Geräte verbreiten sich unter Freizeitsportlern rasant. Der Erfinder des Marktführers GoPro ist bereits Milliardär. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/helmkameras-werden-zum-verkaufschlager-fuer-jedermann-a-942063.html
Was solls, ist doch nur eine noch kleinere Kamera die gute Bilder macht. Ansonsten sind die meisten Filmchen eh was für die eigenen 4 Wände, weil man das meiste schon alles gesehen hat. Vielleicht werde ich mir die mal holen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.