SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. Januar 2017, 17:47 Uhr

Karten-Allianz Here

Daimler und Co. rüsten zum Kampf gegen Google

Von

Audi, BMW und Daimler haben einen Coup gelandet: Mit Intel und asiatischen Investoren bauen sie ihren Kartendienst Here zum schlagkräftigen Rivalen von Google auf.

Dieser Deal hätte mehr Beachtung verdient: Erst seit gut einem Jahr sind Daimler, BMW und Audi Eigentümer des Kartendiensts Here - jetzt haben sie große Anteile weiterverkauft. Insgesamt 25 Prozent der Aktien wechselten zuletzt den Besitzer. Zehn Prozent gingen Ende Dezember an ein Konsortium aus China und Singapur. Am Dienstag verkündete der US-Chiphersteller Intel nun die Übernahme eines 15-Prozent-Pakets. Weitere Anteilsverkäufe ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

Für die deutschen Premium-Autobauer ist dieses breite Bündnis ein Epochenwechsel. War man es ehedem gewöhnt, die Konkurrenz mit eigenen Kräften aus dem Feld zu schlagen, ist inzwischen in den Vorstandsetagen in Stuttgart, München oder Ingolstadt die Einsicht gereift, dass nur eine Kooperative noch die notwendige Schlagkraft aufbringt, um bei der Mobilität der Zukunft ganz vorne mitzumischen.

Denn die Konkurrenz spielt in einer ganz anderen Liga als die Automobilindustrie. Es sind die IT-Giganten aus dem Silicon Valley, die schon lange wissen, wie sich Geld verdienen lässt, wenn die Kunden für den angebotenen Service an sich gar kein Geld ausgeben wollen.

Das Geld wird nicht mehr mit Autos sondern mit Daten verdient

Experten sind überzeugt, dass für Mobilität dereinst das gleiche gelten wird. Der Besitz eines Autos steht auf der Prioritätenliste junger Leute schon seit geraumer Zeit nicht mehr ganz oben. Die Spezialisten in den großen Unternehmensberatungen sind sich einig darin, dass in einigen Jahren Geld nicht mehr mit den Fahrzeugen selbst verdient wird - sondern nur noch mit den Daten, die die Autos liefern. Mit der Entwicklung solcher Geschäftsmodelle aber fangen Daimler und Co. gerade erst an. Die Zeit drängt, wenn sie nicht als blechbiegende Zulieferer enden wollen.

Vor diesem Hintergrund ist der Wert der jetzt gebildeten Allianz gar nicht hoch genug einzuschätzen. Denn Intel, der chinesische Kartenanbieter Navinfo und der dahinter stehende Internetkonzern Tencent sowie der Staatsfonds GIC aus Singapur treten nicht als schnöde Investoren an, die nur auf die Auszahlung ihrer Dividende warten. Sie bringen Know-how mit.

Intel zum Beispiel will sich maßgeblich an der Entwicklung der komplexen Software-Architektur beteiligen. Denn die autonom fahrenden Autos der Zukunft sind auf eine große Zahl von Kameras und Sensoren angewiesen, die die Umgebung eines Fahrzeugs in Echtzeit erfassen und die entsprechenden Impulse für Lenkung, Gas und Bremse daraus ableiten.

Weitere Daten kommen von außen, etwa von anderen Autos, die Informationen über die Strecke liefern, die sie gerade passiert haben. Die nachfolgenden Fahrzeuge werden auf diese Weise unmittelbar informiert, wenn zum Beispiel ein Hund über die Straße läuft, oder sich der Verkehr staut, weil ein Baustellenlaster rangiert. Diese riesigen Datenmengen sind in einer Cloud gespeichert, die die Navigationssysteme in den angeschlossenen Autos künftig in Echtzeit aktualisieren sollen.

China wird entscheidend

Noch ist das alles Zukunftsmusik, doch die Pläne dafür sind schon sehr konkret. Und Here-Chef Edzard Overbeek - ein ehemaliger Cisco-Manager, der seit März an Bord ist - wäre wohl nicht traurig, wenn sich neben Intel noch weitere Partner finden, die tatkräftig mit anpacken.

Auch Tencent, Navinfo und GIC haben einiges zu bieten, zuvörderst den Zugang zum chinesischen Markt. Hier dominieren die deutschen Premiumanbieter zwar bisher noch das Autogeschäft, doch Beobachter nehmen längst die gleiche Entwicklung wahr, die auch in Europa und den USA zu beobachten sind: Das Auto verliert seine Bedeutung als Statusobjekt, integrierte Mobilitätskonzepte sind gefragt. Und auf diesem Feld drängen andere, heimische Anbieter nach vorn.

Einer davon ist Didi Chuxing, der den Markt für Mitfahrdienste kontrolliert und sogar den aggressiven Taxischreck Uber in die Rolle des Juniorpartners zwingen konnte. Die digitalen Straßenkarten kommen dagegen von Autonavi, einer Tochter des Onlinehändlers Alibaba - und eben von Navinfo und Tencent.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung