Reisebranche in der Krise So viel Tourismus geht im Corona-Sommer
TUI: Tourismuskonzern ohne Umsatz
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"Kein Geschäft, kein Umsatz." So beschreibt der Chef des weltgrößten Reiseveranstalters die aktuelle Lage im Konzern. Es ist Mittwochmorgen, TUI-CEO Fritz Joussen muss Hiobsbotschaften in Serie verkünden: tiefrote Zahlen, durchwachsene Aussichten - und einen drastischen Stellenabbau.
8000 der 70.000 Konzernmitarbeiter müssen demnach gehen. Der Grund, natürlich, Covid-19 - und ein Einbruch, wie ihn die weltweite Tourismusbranche noch nie erlebt hat. Noch Anfang Februar hatte Joussen stolz berichtet, der Januar sei "der mit Abstand beste Buchungsmonat der Firmengeschichte" gewesen. Dann breitete sich das Coronavirus in Europa aus. Und TUI wurde, so Joussen, "bei voller Fahrt komplett ausgebremst".
Es scheint zurzeit unmöglich zu sein, den Betrieb wieder richtig auf Touren zu bringen. Bis das Geschäft komplett zurückkommt, warnt Joussen an diesem Mittwoch in einer Telefonkonferenz, könne es 2022 werden. In der Zwischenzeit soll ein kürzlich bewilligter staatlicher Hilfskredit über 1,8 Milliarden Euro den Konzern über Wasser halten.
Fachleute bezweifeln, dass die Kapitalspritze ausreicht. Immerhin verbrennt die TUI nach Schilderung von Joussen derzeit pro Monat gut 300 Millionen Euro. Analysten der US-Investmentbank Morgan Stanley schätzen, dass der Konzern nochmals mindestens eine Milliarde Euro benötigt, um zu überleben.
So wie der Branchenführer TUI leidet in dieser Pandemie nahezu die gesamte Reiseindustrie. Ob Veranstalter, Reisebüros, Gastgeber, Fluglinien oder Betreiber von Kreuzfahrtschiffen - alle bangen um ihre Existenz. Die Lockdowns rund um den Globus, geschlossene Grenzen, Reisewarnungen, Einreise-, Nächtigungs- und Betriebsverbote haben dem jahrzehntelang wachsenden Tourismussektor den schwersten denkbaren Schlag versetzt. Laut der Uno-Welttourismusorganisation haben sämtliche 217 Nationen und staatenähnliche Regionen der Erde Reiserestriktionen für auswärtige Besucher verhängt; fast drei Viertel von ihnen hatten Ende April den internationalen Tourismus komplett gestoppt.
Die großen Branchenverbände haben am Mittwoch einen gemeinsamen Aufruf gestartet. Sie fordern einen Tourismusgipfel unter der Leitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel - und massive Staatshilfen. "Über eine Million Arbeitsplätze sind unverschuldet in Gefahr geraten. Die Rücklagen sind aufgebraucht", erklärt Michael Frenzel, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft. "Ohne einen Rettungsfonds mit schnellen, direkten Finanzhilfen werden wir es nicht schaffen."
Immerhin zeigen sich erste Hoffnungsschimmer. Diesen Mittwoch hat die EU-Kommission ein "Tourismuspaket" vorgestellt: eine Sammlung von Leitlinien und Empfehlungen, die den Mitgliedstaaten helfen sollen, die Reisebeschränkungen innerhalb Europas schrittweise aufzuheben, und die es den Tourismusunternehmen erleichtern sollen, den Betrieb unter Beachtung der Sicherheitsvorschriften wieder zu starten. Die Brüsseler Behörde empfiehlt eine stufenweise Öffnung der EU-Binnengrenzen. Und die geht tatsächlich langsam los.
Deutschland will am Freitag die Grenzkontrollen zu Luxemburg einstellen,
demnächst womöglich auch die zu Dänemark.
Die Kontrollen an den Grenzen zu Frankreich, Österreich und der Schweiz sollen zunächst gelockert
und am 15. Juni aufgehoben werden, falls die Infektionszahlen niedrig bleiben.
Und die von den Bundesländern angeordnete 14-tägige Quarantäne für jeden Einreisenden nach Deutschland soll nach dem Willen der Bundesregierung nur noch für Menschen gelten, die zuvor in Drittstaaten waren.
Die Reiseveranstalter reagieren erleichtert. Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands, nennt die Signale aus der EU-Kommission ein "gutes Zeichen" für die Branche. "Allein bis Ende Juni belaufen sich die Umsatzeinbußen bei Reisebüros und Reiseveranstaltern auf fast elf Milliarden Euro", sagt Fiebig dem SPIEGEL. Da zwei Drittel der Reisen der Deutschen ins Ausland führten, brauchten Reisebüros und Reiseveranstalter dringend eine Perspektive, ab wann wieder gereist werden darf. "Die Länder, die bei der Bekämpfung des Virus genauso erfolgreich sind wie Deutschland, sollten dabei schrittweise geöffnet werden."
"Die Grenzöffnung wird sich positiv auf unser Geschäft auswirken", sagt eine Sprecherin von Schauinsland-Reisen. Wichtig sei dabei auch die Symbolwirkung. Die Öffnung zeige den Deutschen, dass wieder "Urlaub am Horizont" sei. Schauinsland erwartet, dass sich dies positiv auf das Buchungsverhalten auswirken wird.
Beim Reiseveranstalter FTI Touristik begrüßt man die Grenzöffnungen ebenfalls. Sie seien ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität, sagt Vertriebschef Ralph Schiller. Und Österreich sei ein wichtiger Markt im Eigenanreise-Bereich.
So sieht es bei deutschen Nachbarstaaten aus:
Österreich könnte für viele Deutsche in diesem Jahr das Ziel der Wahl werden. Das Alpenland ist für viele Bundesbürger nicht zu weit weg und mit dem Auto gut erreichbar. Mitglieder der Wiener Regierung, allen voran Tourismusministerin Elisabeth Köstinger, haben mehr als einmal deutlich gemacht, dass die Deutschen in ihrem Land hochwillkommen sind. Denn ohne sie droht vielen Hoteliers die Pleite: Die "Piefke" sind seit Jahrzehnten die mit Abstand wichtigste ausländische Besuchergruppe, auf sie entfielen im Sommer 2019 rund 29,5 Millionen Übernachtungen in Hotels, Pensionen oder Ferienwohnungen. Selbst wenn die Österreicher diesen Sommer in großem Stil Heimaturlaub machen würden - es würde nicht reichen, die Betten zu füllen.
Schwieriger wird es wohl mit einer Reise nach Frankreich. Welche Form von Urlaub nach einer Grenzöffnung Mitte Juni möglich sein wird, steht noch in den Sternen. Erst gerade hat die Regierung eine der striktesten Ausgangssperren in Europa gelockert; weiter als hundert Kilometer dürfen sich die Bürger noch immer nicht von ihrem Wohnort fortbewegen. Alle Départements entlang der Grenze zu Deutschland wie auch die Hauptstadt Paris liegen in der "Zone Rouge", der "roten Zone", in der die Beschränkungen noch stärker sind als im übrigen Land.
Auch der Dänemark-Urlaub ist noch lange nicht gesichert. Die Regierung in Kopenhagen zögert noch, Touristen ins Land zu lassen. Sie will zuerst abwarten, wie sich die Lockerungen der vergangenen Wochen auf die Infektionszahlen auswirken.
Die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden muss gar nicht erst geöffnet werden: Sie war nie geschlossen. Noch sind Restaurants, Cafés, Eisdielen und viele Campingplätze im Land dicht, sie sollen aber in den kommenden Wochen wieder aufmachen dürfen. Auch ausländische Besucher sind willkommen. Allerdings werden viele Niederländer in diesem Sommer wohl Heimaturlaub machen. Daher könnte es eng werden in beliebten Ferienregionen.
Noch ungewisser sind die Aussichten für viele europäische Mittelmeerziele:
In Spanien hatten die Regionalregierungen der Balearen und der Kanarischen Inseln zusammen mit Reiseveranstaltern in den vergangenen Wochen schon Konzepte für Touristenkorridore mit besonderen Hygienemaßnahmen und umfassenden Corona-Tests ausgearbeitet, um wieder Gäste zu bekommen. Fluggesellschaften wie Ryanair oder Eurowings kündigten gerade an, wieder öfter nach Spanien zu fliegen.
Umso härter traf die Branche am Dienstag die Ankündigung der Madrider Zentralregierung: Einreisende aus anderen Ländern müssen sich nach ihrer Ankunft für 14 Tage in Quarantäne begeben. Außer in Notfällen dürfen sie ihre Wohnung nur verlassen, um Lebensmittel oder Medikamente einzukaufen oder zum Arzt zu gehen - und das alles immer nur mit Mund-Nasen-Schutz. Keine guten Aussichten für einen Badeurlaub. Die Regelung gilt so lange, wie der Alarmzustand in Kraft ist - laut Gesundheitsminister Salvador Illá wahrscheinlich bis Ende Juni.
Auch für einen Italien-Urlaub sind die Hürden hoch. Nachbarn wie Österreich wollen die Grenzkontrollen zum vom Virus schwer getroffenen Land vorerst nicht aufheben. Zwar erklärte Verkehrsministerin Paola de Micheli, man könne "von einer Woche zur nächsten" die Einreisewege wieder öffnen. Aber wann genau das passiere, hänge von den Infektionszahlen ab. Damit ist es für Reiseveranstalter momentan unmöglich, Sommerurlaube im Land zu offerieren. Ein bisschen Hoffnung gibt es noch: Der Landeshauptmann von Südtirol, Arno Kompatscher, rechnet damit, dass die Reisefreiheit spätestens im Juli wieder hergestellt ist.
Griechenland braucht dringend Besucher. "Wir werden am 1. Juli den Tourismus für das Ausland öffnen", erklärt Staatsminister Giorgos Gerapetritis. Dank eines frühzeitigen und strikten Lockdowns ist das Land relativ glimpflich davongekommen; die Infektions- und Totenzahlen sind niedrig im Vergleich zu anderen südeuropäischen Staaten. Als unübersehbare Nebenwirkung liegt die Wirtschaft am Boden. Umso wichtiger sind nun die Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft. Die große Frage auch für viele Urlauber ist, welche Hoteliers die Durststrecke bis Juli überstehen.
Portugal hat nicht so stark unter der Pandemie gelitten wie der große Nachbar Spanien - und will nun den Tourismus wieder hochfahren. Das Land bereite sich "sehr intensiv auf die Rückkehr der Touristen vor", sagt TUI-Chef Joussen. Allerdings ist es klein, die Übernachtungskapazitäten sind begrenzt, und wer von Deutschland nach Portugal will, kommt ums Fliegen nur schwerlich herum.
Angesichts der noch immer enormen Beschränkungen und Ungewissheiten werden die Reiseveranstalter einen beachtlichen Teil des Sommergeschäfts abschreiben müssen. Das spiegelt sich auch im Kurs der TUI-Aktie wider. Der kennt seit einigen Wochen ohnehin nur eine Richtung: steil abwärts. Immerhin hat der TUI-Chef eine gute Nachricht für die Kunden. Wenn es wieder losgeht, dürften die Preise erst mal nicht steigen, prophezeit Fritz Joussen: "Auch wir werden interessante Angebote machen."