Holländische Energiepolitik Frau Antje heizt mit Kohle

Die Deutschen machen Schluss, die Holländer legen jetzt richtig los: Sie setzen auf Atomkraft und bauen neue Kohle- und Gaskraftwerke. Unser Nachbarland hält wenig von erneuerbaren Energien. Klimawandel? Dann wird CO2 halt im Meeresboden entsorgt. Hauptsache, der Strom kommt billig aus der Dose.
Essent baut neues Kohlekraftwerk: Subventionen für Öko-Energie gekappt

Essent baut neues Kohlekraftwerk: Subventionen für Öko-Energie gekappt

Foto: dapd

Die Nationalstraat 46 von Groningen in Richtung Norden führt schnurgerade an die niederländische Küste. Satte grüne Wiesen mit glücklichen Kühen säumen die Straße, vereinzelt ducken sich Bauernhöfe hinter hohen Hecken.

Doch sobald die N46 auf das Meer trifft, ist es vorbei mit der Frau-Antje-Romantik. Denn in Eemshaven, nicht weit von der deutschen Hafenstadt Emden entfernt, stampfen Tausende Arbeiter einen riesigen Kraftwerkspark aus dem sandigen Boden. RWE, die Vattenfall-Tochter Nuon und die Projektgesellschaft Eemsmond Energie errichten hier drei neue Kohle- und Gaskraftwerke - zusammen mit einem bereits bestehenden Kohlemeiler werden sie so viel Strom wie fünf Atomreaktoren erzeugen.

Die Riesenbaustelle ist das sichtbarste Zeichen für die neue Energiepolitik der Niederlande - die sich fundamental von dem unterscheidet, was die Bundesrepublik gerade vollzieht. Während sich die Deutschen für den kompletten Ausstieg aus der Atomkraft entschieden haben und aus Klimaschutzgründen massiv die erneuerbaren Energien ausbauen wollen, machen die Holländer: das Gegenteil.

Die rechtsliberal-konservative Regierung hat nach ihrem Wahlsieg im letzten Jahr ausgerechnet die Emissionsziele kassiert: Nicht mehr um 30, sondern nur noch um 20 Prozent muss der holländische CO2-Ausstoß bis 2020 sinken. Der Anteil der erneuerbaren Energien soll bis dahin auf 14 Prozent steigen - ursprünglich wollten die Niederlande 20 Prozent erreichen. Die Subventionen für die Ökoenergie hat die neue Regierung von vier auf 1,5 Milliarden Euro zusammengestrichen.

Klimapolitik der anderen Art

Und das, obwohl kaum ein anderes europäisches Land die Folgen des Klimawandels so schnell zu spüren bekommen wird. Etwa ein Drittel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Steigt die Wasserlinie, drohen Städte wie Amsterdam oder Rotterdam in den Fluten zu versinken.

Das aber scheint nicht zu interessieren. Der Grund für die Energiewende holländischer Art ist profan: "Wir wollen möglichst niedrige Energiekosten", sagt Bert de Vries, Referatsleiter für Energie, Telekommunikation und Wettbewerb im niederländischen Wirtschaftsministerium. In günstigen Strompreisen sieht er einen zentralen Vorteil im Wettbewerb der Wirtschaftsstandorte.

Zusätzliche Kohlekraftwerke passen der Regierung da gut in den Plan. Auch im Rotterdamer Hafen entstehen neuen Anlagen. E.on baut dort zurzeit ein Steinkohlekraftwerk, das sieben Prozent der holländischen Stromverbrauchs decken kann. Gleich nebenan errichtet die GDF-Suez-Tochter Electrabel ein weiteres Kohlekraftwerk.

Allen Beteiligten ist allerdings klar: Die Klimaziele sind mit dem Ausbau der fossilen Energien nicht zu schaffen - das weiß auch die holländische Regierung. Deshalb will sie die Betreiber der Kohlekraftwerke verpflichten, einen Teil des Brennstoffs durch Biomasse zu ersetzen.

Zudem verlassen sich die Niederländer, anders als ihre deutschen Nachbarn, auf die Atomkraft. Im Gespräch ist sogar der Bau eines zweiten Atommeilers in Borssele südwestlich von Rotterdam. Zwar hat der Chef des Energieversorgers Delta, dem zusammen mit RWE die bestehende Anlage in Borssele gehört, das Projekt jüngst wegen der niedrigen Energiepreise in Frage gestellt. An der Politik soll es aber jedenfalls nicht scheitern: "Wenn eine Genehmigung gewünscht wird, werden wir sie erteilen", sagt de Vries. Von dem atomfreundlichen Kurs der Regierung profitiert auch die Firma Urenco: Wirtschaftsminister Maxime Verhagen hat im November grünes Licht für die Vergrößerung ihrer Urananreicherungsanlage in Almelo nahe der deutschen Grenze gegeben.

Gleichzeitig erhebt die holländische Regierung die Atomkraft zum wichtigen Mittel im Kampf gegen den Klimawandel - ebenso das Speichern von Kohlendioxid in unterirdischen Gesteinsschichten (CCS): Per Schiff oder Pipeline soll das Klimagas aus Kraftwerken und Raffinerien zu leergeförderten Gas- und Ölfeldern in der Nordsee transportiert und dort in den Untergrund injiziert werden. "Wir planen, ab 2025 jährlich 17,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid zu speichern", sagt Gerrit van Tongeren, Manager bei Deltalinq, einem Zusammenschluss von Industrie- und Logistikbetrieben aus dem Rotterdamer Hafen. Insgesamt könnten vor der niederländischen Küste 850 Millionen Tonnen CO2 in den Meeresgrund gepumpt werden. Das entspricht etwa der Menge, die Haushalte, Industrie und Verkehr in Deutschland in einem Jahr emittieren.

Budget für erneuerbare Energien drastisch reduziert

Weit draußen im Hafen, eine Stunde Bootsfahrt vom Rotterdamer Zentrum entfernt, entsteht in den nächsten Jahren eine Art CCS-Logistikzentrum. Noch ist dort nicht mehr zu sehen als eine Art Wüstenlandschaft. Denn wo ab 2015 mit Hilfe von Pipelines CO2 in Schiffe gepumpt werden soll, schlugen noch bis vor drei Jahren die Wellen an den Strand. Heute ringt die Hafengesellschaft der Nordsee hier Hektar um Hektar ab, indem sie gewaltige Mengen an Sand vom Meeresgrund an Land spült. So entsteht eine neue Industriefläche mit der Größe von 1.400 Fußballfeldern - dringend benötigter Platz für die Erweiterung des Hafens.

Und die erneuerbaren Energien? "Wir möchten einen Wettbewerb unter den Technologien entfachen, um das Kostenniveau zu senken", sagt de Vries. Deshalb hat die Regierung das Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien grundlegend überarbeitet. Zugleich wurde das Budget drastisch reduziert. Alle Technologien erhalten jetzt die gleiche Vergütung, unabhängig von ihren Kosten. Die Photovoltaik hat damit kaum noch eine Chance.

Kein Wunder, dass sich die holländischen Hersteller von Solarmodulen und Produktionsanlagen ins Ausland orientieren: "95 Prozent der Umsätze werden durch den Export erzielt", sagt Hein Willems, Leiter des Forschungsverbunds Solliance.

Auch der vergleichsweise teure und risikoreiche Bau von Windrädern auf hoher See wird durch die neue Subventionspraxis de facto unmöglich gemacht. Geld verdienen die Niederländer mit der Offshore-Windenergie aber trotzdem: Das weitläufige Hafengelände von Eemshaven ist auch Stützpunkt für den Bau des "Bard Offshore 1"-Windparks vor der Küste Borkums - der über die EEG-Umlage von den deutschen Stromkunden finanziert wird.

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