Nach Massenprotesten China setzt Hongkongs Wirtschaft unter Druck

Peking nutzt die Unruhen in Hongkong, um Unternehmen auf Linie zu bringen - und schränkt damit den Sonderstatus der Metropole ein. Die Airline Cathay Pacific zieht bereits erste Konsequenzen beim Personal.

Cathay-Pacific-Maschine landet nach der Wiedereröffnung des Flughafens in Hongkong
Thomas Peter/ REUTERS

Cathay-Pacific-Maschine landet nach der Wiedereröffnung des Flughafens in Hongkong

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Früher waren die Menschen in Hongkong stolz auf Cathay Pacific - ihre Airline. Auf die Piloten: die bei den vielleicht schwierigsten Landeanflügen Asiens ihre Jumbojets über die Hochhaustürme der Metropole hinweg lenkten und die tonnenschweren Maschinen sicher auf der extrem kurzen Landebahn von Kai Tak aufsetzten, dem alten Flughafen am Meer. Auf die Crews: die mit Freundlichkeit und Weltläufigkeit dafür sorgten, dass Passagiere aus allen Erdteilen Cathay mehrmals zur "Airline des Jahres" wählten. Und auf das Management: das Cathay zeitweise zu einer der größten und profitabelsten Gesellschaften der Erde machte und Hongkong mit der übrigen Welt verband.

In diesen Tagen, da in Hongkong die regierungskritischen Proteste hochkochen, machen Boykottaufrufe gegen Cathay Pacific die Runde. Weil sich die Cathay-Manager widerstandslos Peking beugen. Die KP-Führung statuiert an der einstigen Vorzeigeairline gerade ein Exempel.

Diesen Mittwoch hat Cathay zwei Piloten gefeuert, die bei den Straßenprotesten involviert waren. Zuvor hatten schon zwei Cathay-Mitarbeiter am Flughafen ihre Kündigung bekommen. Die Geschäftsleitung droht Angestellten, welche die "illegalen Proteste" unterstützen oder an ihnen teilnehmen, nun "disziplinarische Maßnahmen" an - bis hin zur Entlassung.

Airline macht radikalen Schwenk

Das ist ein radikaler Schwenk. Noch vor wenigen Tagen hatte Cathay-Chairman John Slosar erklärt, er denke nicht im Traum daran, seinen Angestellten "vorzuschreiben, was sie über etwas zu denken haben."

Doch der Druck aus Peking wirkt. Vergangenen Freitag wies die chinesische Flugaufsicht Cathay an, "aus Sicherheitsgründen" bei Flügen durch den Luftraum der Volksrepublik keine Piloten oder Besatzungsmitglieder einzusetzen, die protestiert haben. Zudem forderte die Behörde die Airline auf, ihr vorab Informationen über die eingesetzten Crews zu schicken.

Cathay ist nun auf Linie gebracht. Die Gesellschaft kann es sich schlicht nicht leisten, sich mit dem Regime anzulegen. Viele ihrer Routen führen in die Volksrepublik oder durch deren Luftraum. Fast 30 Prozent der Cathay-Aktien gehören Air China, der Pekinger Staatslinie.

Im Tagesgeschäft hat Cathay ohnehin mehr als genug Probleme. Die zeitweilige Schließung des Flughafens wegen der Proteste hat die Flugpläne durcheinandergebracht und das Unternehmen viel Geld gekostet. Der Aktienkurs nähert sich gerade dem tiefsten Stand seit zehn Jahren.

"Was mit Cathay Pacific passiert, hat immense Signalwirkung für ganz Hongkong", sagt Max Zenglein, Leiter des Programms Wirtschaft am Berliner Mercator-Institut für Chinastudien. Pekings Botschaft ist eindeutig: Die Unternehmen sollen sich fügen. Einwirken auf ihre Mitarbeiter, den Protesten fernzubleiben. Es ist ein Schlag gegen Hongkongs Autonomie.

Das mögliche Ende von "Ein Land, zwei Systeme"

"Ein Land, zwei Systeme." So lautete 1997 die Formel, als die Briten abzogen und ihre einstige Kronkolonie an die Volksrepublik übergaben. Dahinter stand Pekings Versprechen, dass Hongkong auch als Teil Chinas sein kapitalistisches Wirtschaftssystem, sein Rechtssystem und andere Errungenschaften behalten könne - während der Rest des Reichs am sogenannten "Kommunismus" festhalte. Zumindest 50 Jahre lang, bis 2047.

Dieser Sonderstatus kommt nicht nur Hongkong selbst zugute. Sondern auch der Volksrepublik und ihren Unternehmen. "Hongkong ist Brückenkopf zum Westen - und Chinas globaler Finanzhandelsplatz", sagt MERICS-Forscher Zenglein. Chinesische Großbanken und Versicherungskonzerne, die Smartphone-Riesen ZTE und Xiaomi oder auch Lenovo - alle sind in Hongkong gelistet. Denn hier können internationale Kapitalgeber viel leichter Aktien oder Anleihen erwerben als an den streng reglementierten rotchinesischen Handelsplätzen Shanghai und Shenzhen.

Mehr als 60 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in die Volksrepublik laufen über Hongkong. Umgekehrt lassen chinesische Unternehmen ihre Auslandsinvestitionen oft über die einstige britische Kronkolonie laufen. Auch für wohlhabende chinesische Bürger ist Hongkong unentbehrlich. Weil sie dort Teile ihres Vermögens einfacher in andere Währungen umtauschen oder in ausländische Unternehmen investieren können als im Rest Chinas mit seinen ausgedehnten Kapitalverkehrskontrollen. "Wenn Geld einmal in Hongkong ist", sagt Zenglein, "dann kann es hinaus in die weite Welt." Und: zahlreiche multinationale Konzerne haben ihr Asien-Hauptquartier in der Millionenmetropole am Perlflussdelta.

Kaum Kritik aus der Wirtschaft

Was wird nun aus dem Sonderstatus? Lässt China Hongkong zumindest seine wirtschaftliche Autonomie? Oder übernimmt Peking die volle Kontrolle? Diese Fragen werden sich viele Unternehmen intern gerade stellen.

Nach außen halten sie still, kritische Stimmen aus der Wirtschaft sind kaum zu hören. Niemand will in die Schusslinie geraten. So wie derzeit Cathay.

China-Experte Zenglein erwartet nicht, dass die Volksrepublik Hongkong auf einen Schlag jegliche Souveränität nimmt oder gar Truppen einmarschieren lässt. Dafür sei die Stadt als Tor zum Westen zu wichtig. "Aber man wird sukzessive versuchen, Hongkong rein chinesisch zu machen. Dies wird der Welt gerade vorgeführt." Die Cathay-Pacific-Spitze hat sich Peking schon ergeben.

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herumnöler 15.08.2019
1. Sonderstatus für 50 Jahre
Die 50 Jahre neigen sich irgendwann dem Ende zu, da ist es aus Pekinger Sicht nur geboten, langsam schrittweise damit Schluss zu machen. Die Demonstranten in HK helfen dabei unfreiwillig. Damit hat Peking die Chance verpasst, sich selbst den Verhältnissen von HK anzunähern - Kompromisse sind nicht die Sache von Kommunisten. Ich warte dringend darauf, dass Donald Trump eine volle Breitseite abschießt, denn nur so kann die Erosion aufgehalten werden. Schade um meine vielen privaten Kontakte zu China. Das sind alles honorige Leute, sehr umgänglich und der freien Welt angetan. Ich werde aus Prinzip leider all diese Kontakte kappen müssen, wenn eine Wiederholung von 1989 passiert, ganz zu schweigen von geschäftlichen Kontakten. Nichts mehr dort kaufen, Chinesen aus dem Weg gehen.
marcelfd 15.08.2019
2. Beängstigende Entwicklung für die Welt
Dass der Einfluss dieses Land, das von Gleichgültig gegenüber der Politik und an Langweiligkeit in Kultur und Verhalten auf menschlicher Mikroebene kaum zu überbieten ist, weltweit stetig zunimmt, sollte uns alle bei aller Wichtigkeit für die Wirtschaft stark aufhorchen lassen. So wie der Klimawandel eine Gefahr für die Menschheit darstellt, tut dies die Verbreitung der chinesischen Kultur im (Südost-)Asiatischen Raum mit den dort vorhandenen Kulturen. Geld steht für chinesische Geschäftsleute über jedem Menschenrecht.
thomas0815-1 15.08.2019
3. wie wäre es mit einem
massiven Boykott chinesischer Airlines. Bei Produkten wird es schwierig, weil man ja nie genau weiß, wieviel "China" da drin steckt. Aber bei den Airlines dürfte das nicht schwerfällig.
fitzcarraldo 15.08.2019
4. Solange....
sich mit China genug verdienen lässt, solang wird Kotau vor den Regierenden in Peking gemacht.
babblebrox 15.08.2019
5. Warum verwundert es einen nicht?
Denke China's Furcht vor zu viel Freigeist provoziert die doch recht subtile Reaktion, die m. Er. vorrausehbar war. Da die halbe Welt mittlerweile mit dem Regime verbandelt ist, wäre das auch ein Beispiel wie China seine Wirtschaftskraft einsetzt um den Willen der KP durchzusetzen. Auch ein Vorgeschmack auf die Seidenstraße. Dieses Regime denkt weder in Quartalsberichten noch Legislaturperioden... Und Wir gucken verzückt zu und machen den Kotau. Sollten wir nicht schon mal Kantonesisch lernen?
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