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Chinesische IT-Firma Huawei Weltkonzern von Gnaden der KP

Der Gründer: ein Ex-Soldat der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Die Produkte: angeblich Spionagewerkzeuge. Huawei ist auch abseits des Eklats um Managerin Meng ein umstrittener Konzern - und ein einflussreicher.

Es ist eine neue Provokation der USA im Wirtschaftsstreit mit China: Auf Drängen der Amerikaner haben kanadische Behörden die Finanzchefin des chinesischen Technologiekonzerns Huawei, Meng Wanzhou, festgenommen.

Entsprechend empört reagierte die Führung in Peking. Was der Topmanagerin offiziell vorgeworfen wird, ist unklar. Klar ist hingegen: Mit Huawei ist ein Unternehmensgigant in den Mittelpunkt des amerikanisch-chinesischen Wirtschaftskonflikts gerückt.

Fotostrecke

Huawei: Der Konzern und die KP

Foto: Jo Iwasa/ AP

Doch wer steckt hinter dem Huawei-Konzern - und was müssen Sie über den umstrittenen Technologiekonzern wissen?


Der Name


Huawei mag einer der führenden IT-Konzerne weltweit sein - wie man den Namen der Firma ausspricht, wissen trotzdem nur die wenigsten. Die Firma sah sich sogar genötigt, ein Video zu produzieren, in dem ein Reporter Passanten dazu befragt. Deren Ausspracheversuche reichen von "Who are we?" bis "Hawaii". Richtig ist übrigens: "Wah-wei".


Firmengeschichte


Gründer Ren Zhengfei

Gründer Ren Zhengfei

Foto: AP/Imaginechina

Die Firmengeschichte von Huawei ist bemerkenswert. Binnen 30 Jahren hat sich das Unternehmen von einer halbseidenen IT-Klitsche, die TV-Geräte aus dem Ausland importierte und weiterverkaufte, zu einem der weltweit führenden Anbieter von Informations- und Telekommunikationstechnologie entwickelt. Die Zahl der Mitarbeiter ist auf gut 180.000 emporgeschnellt.

Möglich wurde dieser rasante Aufstieg auch durch die Unterstützung der chinesischen Regierung. Anfang der Achtzigerjahre hatte die Kommunistische Partei (KP) beschlossen, die marode Telekommunikationsinfrastruktur des Landes zu modernisieren. Ren Zhengfei, ein ehemaliger Soldat der Volksbefreiungsarmee, gründete Huawei daraufhin 1987 in der Stadt Shenzhen.

Besonders viel Ahnung von dem, was er da machte, hatte er zunächst nicht. "Als Soldaten kannten wir uns mit Marktwirtschaft nicht aus", sagte Ren, Jahrgang 1944, einmal in einem Interview . "Wir fühlten uns unwohl dabei, Geld an anderen Menschen zu verdienen." Sein Geschäftsmodell habe er sich zunächst von westlichen Firmen abgeschaut.

Ren war das älteste von sieben Kindern und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Beim Militär arbeitete er sich bis zum Ingenieur hoch und ähnlich rasant ging es nach der Firmengründung weiter.

Da Shenzhen eine sogenannte Sonderwirtschaftszone  war, profitierten Huawei und seine Investoren von rechtlichen und administrativen Erleichterungen. 1996 verabschiedete die chinesische Regierung ein Gesetz, das den Zugang für ausländische Telekommunikationsunternehmen beschränkte. Nach eigenen Angaben erhielt Huawei zudem günstige staatliche Kredite in Höhe von mindestens 30 Milliarden Euro.

Der Erfolg von Huawei ist nicht nur mit der Hilfe der KP zu erklären. Gründer Ren gilt auch als Pionier der chinesischen Tech-Branche . Er experimentierte früh mit innovativen Organisationskonzepten, setzte auf qualifiziertes Personal und steckte viel Geld in Forschung und Entwicklung.

Und er hat seine Tochter, Finanzchefin Meng Wanzhou, nach eigenen Angaben nie bei Beförderungen bevorzugt. Sie hat ihm dennoch auch nach der Scheidung ihrer Eltern die Treue gehalten .


Geschäftsfelder


Huawei-Hardware

Huawei-Hardware

Foto: Tong yu/ Imaginechina

Huawei ist in drei Geschäften tätig:

  • Netzinfrastruktur: Dieser Bereich bündelt Technologien für den Ausbau der digitalen Infrastruktur, etwa Antennen für kabellose Breitbandnetze. 2017 wurden rund die Hälfte der Konzernumsätze  in diesem Sektor generiert.
  • Endgeräte: Dazu zählen Smartphones, Tablets, Wearables, USB-Surfsticks und mobile WLAN-Router. Etwa 40 Prozent der Konzernumsätze stammten 2017 aus diesem Bereich.
  • Lösungen für Geschäftskunden: In diese Sparte fallen Lösungen für Cloud-Computing, Rechenzentren oder Konferenzsysteme. Zu den Kunden zählen die Forschungseinrichtung CERN und die Deutsche Bahn. Das Geschäftsfeld trug 2017 gut neun Prozent zum Konzernumsatz bei.

Stellung am Markt


Huawei Mate 20 Pro Smartphone

Huawei Mate 20 Pro Smartphone

Foto: AP/Imaginechina

Diesen Sommer war es so weit: Mit 54 Millionen verkauften Smartphones hat Huawei im zweiten Quartal 2018 erstmals Apple überholt . Der iPhone-Produzent verkaufte im gleichen Zeitraum nur etwa 41 Millionen Handys.

Apple bedient zugegebenermaßen vor allem ein kleineres Luxussegment, doch bei ihrer Aufholjagd bieten die Chinesen neben den einfacheren Honor-Smartphones inzwischen auch hochwertige Geräte wie das P20 Pro oder das Mate 20 Pro. Diese Geräte können technisch mit Apple mithalten, das Mate 20 Pro liegt mit 999 Euro preislich zwischen dem iPhone Xr und dem iPhone Xs.

Beim Bau von Mobilfunkanlagen konnte Huawei zuletzt aber nicht so stark wachsen, wie es wollte. Etliche Länder - allen voran die USA und Australien - verboten ihren Providern aus Angst vor Spionage auf Mobilfunkantennen des Technologiekonzerns zurückzugreifen. Die dem chinesischen Regime nahestehende Zeitung "Global Times " warf den USA dementsprechend Imperialismus vor. Es gehe nur darum, Huawei, das den US-Konzernen technologisch überlegen sei, auf dem Markt auszubremsen.


Spionagevorwürfe


Die USA und andere Länder verdächtigen den Konzern seit vielen Jahren, Spionage für die chinesische Regierung zu betreiben. Beweise dafür gibt es nicht, und das Unternehmen hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Doch es gibt auch Skepsis: "In Äthiopien wurde das Hauptquartier der Afrikanischen Union mit chinesischen Regierungsgeldern finanziert, Huawei kümmerte sich um die Kommunikationstechnik in dem Gebäude", sagt Anna Holzmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Industriepolitik beim Mercator Institut für Chinastudien (Merics). "Und von 2012 an wurden fünf Jahre lang jede Nacht unautorisiert Daten an chinesische Server übermittelt. Die Rolle des Unternehmens ist dabei nicht geklärt, aber es besteht zumindest der Verdacht, dass Infrastruktur von Huawei dafür genutzt werden kann."

Um sich gegen die Spionagevorwürfe zu wehren, unternimmt der Konzern viel. "Huawei will etwa im Hinblick auf die 5G-Netzvergabe in Deutschland die Skepsis abbauen und hat in Bonn ein Sicherheitslabor eingerichtet, das auch Einblicke in den Quellcode geben soll", so Holzmann.

Ob es wirkt? In Deutschland sind die Bedenken vor Huawei-Technologie bei der für das Frühjahr vorgesehenen Versteigerung der 5G-Lizenzen vergleichsweise gering. Auch die Deutsche Telekom und Telefónica nutzen Mobilfunkantennen des chinesischen Konzerns.


Einfluss der Kommunistischen Partei


Ren Zhengfei (Mitte) mit Chinas Staatschef Xi Jinping 2015

Ren Zhengfei (Mitte) mit Chinas Staatschef Xi Jinping 2015

Foto: MATTHEW LLOYD/ AFP

Gründer Ren macht aus seinen Verbindungen zur Kommunistischen Führung des Landes kein Geheimnis. "Wir sind ein chinesisches Unternehmen", sagte er vor knapp vier Jahren der "International Business Times ". "Wir setzen uns definitiv für die Kommunistische Partei Chinas ein. Wir lieben unser Land." Doch anderen Ländern schaden, das tue Huawei nicht.

Forscherin Holzmann sieht die Beziehungen zur KP kritisch: "Die Verbindungen zwischen Huawei und der Kommunistischen Partei sind intransparent", sagt sie. Allein durch seine Vergangenheit in der Volksbefreiungsarmee habe Ren zumindest eine Nähe zur Partei und damit auch zur Staatsführung.

Diese Beeinflussung gibt es bei vielen Unternehmen. "Unter dem aktuellen Staats- und Parteichef Xi Jinping verschwimmen die Grenzen zwischen Partei und Regierung. Parteizellen werden verstärkt auch in privaten Firmen eingerichtet. Es wird zudem versucht, verstärkt Parteimitglieder in Führungsebenen der Konzerne einzusetzen", sagt Holzmann.

Wie groß die Einflussnahme tatsächlich ist, lasse sich aber nur schwer sagen. "Selbst wenn es keine direkte Order gibt, gibt es indirekte Mittel und Wege, den Willen der kommunistischen Partei durchzusetzen. Das sieht man besonders auch bei Unternehmen, die sich mit künstlicher Intelligenz befassen, wie Baidu, Alibaba, Tencent oder iFlytek."


Weitere Kritik


Mitarbeiter von Huawei

Mitarbeiter von Huawei

Foto: Huawei

Der Vorwurf gegen Finanzchefin Meng und die Spionagevorwürfe sind nicht die ersten Konflikte, die Huawei mit ausländischen Firmen und Regierungen austragen musste:

  • 2002 warf die US-Firma Cisco den Chinesen vor, sie würden Ciscos Hardware und Software kopieren. Die Unternehmen einigten sich letztlich auf einen außergerichtlichen Vergleich.
  • Nach Angaben der Organisation China Labour Watch, die sich für die Rechte chinesischer Arbeiter einsetzt, wurden in Huaweis Fabriken zeitweise Minderjährige beschäftigt. Der Konzern wies darauf hin , dass dies gegen die eigenen Richtlinien verstoßen würde.
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