Hyperloop baut erste Tempo-Kapsel Johnny Flash

Dirk Ahlborn will Reisende mit 1223 km/h durch fast luftleere Röhren schießen. Wissenschaftler sehen seien Hyperloop skeptisch, doch die erste Testkapsel wird schon gebaut. Was treibt den Mann an?

Dem Mann, der Züge schneller als Flugzeuge machen will, scheint im Leben vieles nicht schnell genug zu gehen. Dirk Ahlborn sitzt in einem anatolischen Schnellrestaurant in Berlin Prenzlauer-Berg und ärgert sich über die deutsche Bürokratie. "Ich würde schon gern mehr in Deutschland machen", sagt er. "Doch es gibt hier sehr viele Besserwisser."

In China, Indonesien und Nahost dagegen sei das Interesse an seinem Hyperloop-Zug groß, sagt Ahlborn, beißt in seinen Döner, kaut und fährt fort: Es sei wohl einfacher, in autokratischen Staaten große Visionen zu verwirklichen als im angeblichen Land der Energiewende. "Sogar Erdogan hat uns schon Unterstützung zugesagt", sagt Ahlborn. Der Restaurantbesitzer schaut kurz von seiner Zeitung auf.

Dirk Ahlborn wurde selbst 1976 in Deutschland geboren, auch wenn man ihm das heute kaum noch anmerkt. Mit 19, kurz nach der Bankerlehre, ging er, gelangweilt von seinem Leben, nach Italien. Vor sieben Jahren zog es ihn in die USA, was ihn offenbar stark geprägt hat, unternehmerisch und äußerlich.

Ahlborn ähnelt dem verstorbenen US-Musiker Johnny Cash, als der noch jung war, ob gewollt oder nicht: die gleiche Geltolle, die gleiche Nimm-mich-so-wie-ich-bin-Attitüde, das gleiche sehnsuchtsvolle Stirnrunzeln. Jetzt gerade, beim Dönermann in Berlin, scheint Ahlborns größte Sehnsucht zu sein, endlich auch in seinem Heimatland für voll genommen zu werden. Bislang, sagt er, seien die Reaktionen der Bundesregierung eher verhalten.

Seit dreieinhalb Jahren werkelt Ahlborns Firma Hyperloop Transportation Technologies an jener futuristischen Transporttechnik, die Reisende in weißen, fensterlosen Kapseln mit bis zu 1223 Kilometer pro Stunde durch nahezu luftleere Röhren befördern soll. Nun hat das Unternehmen offiziell den Bau der ersten Testkapsel gestartet, Länge: 30 Meter, Durchmesser: 2,70 Meter, Kapazität: bis zu 40 Passagiere. Im kalifornischen Quay Valley entsteht derweil die erste Teststrecke.

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Pendeln knapp unter der Schallmauer - das hätte viele Vorteile. Von San Francisco nach Los Angeles käme man in gut einer halben Stunde. Die Wahlmöglichkeiten für Jobs etwa würden drastisch steigen, die Wahrnehmung von Distanz würde sich verändern. "Gerade sind wir dieser Zukunft einen großen Schritt nähergekommen", glaubt Ahlborn.

Doch würde sich wirklich irgendwer in seine rasende Kapsel trauen? Wenn es sie denn überhaupt je gibt? Wissenschaftler jedenfalls haben viele Zweifel an dem Konzept.

Druckverhältnisse wie im All

Um die rund 20 Tonnen schweren Kapseln auf nahezu Schallgeschwindigkeit zu beschleunigen, müssten in der Röhre Druckverhältnisse wie im Weltall herrschen. Experten fragen sich, ob ein solches Beinahe-Vakuum auf einer Hunderte Kilometer langen Strecke je bezahlbar ist - und was bei einem Terroranschlag oder Erdbeben passiert: Was, wenn die Kapsel bricht? Müssen die Passagiere dann ersticken wie Astronauten im Orbit?

Ahlborn behauptet, dass Reisen im Hyperloop zehnmal sicherer sei als Reisen im Flugzeug. Dass die Säulen, auf denen die Röhren verlaufen, auch heftigen Erdstößen standhalten. Und den meisten Terroranschlägen angeblich auch.

"Du kannst natürlich alles hochjagen, wenn du genug Sprengstoff nimmst", sagt er. Doch selbst für ein solches Extremszenario seien Vorkehrungen geplant. "Sollte ein Bombenanschlag die Röhre zerstören, macht das System sofort die Schotten dicht", sagt Ahlborn. Die übrigen Kapseln würden dann binnen Sekunden anhalten. Wer angeschnallt ist, soll eine solche Gewaltbremsung angeblich überleben und könnte, wenn auch verletzt, über Notausgänge aussteigen.

In puncto Kosten ist Ahlborn ebenfalls extrem optimistisch. Sein Ziel ist es gar, die Fahrten im Hyperloop irgendwann umsonst anzubieten. Geld soll unter anderem durch den Verkauf von Solarstrom verdient werden, den Photovoltaik-Panels auf dem Dach der langen Röhren produzieren und der nicht für den Eigenbedarf der Anlage gebraucht wird.

Eine andere Einnahmequelle könnten sogenannte digitale Fenster sein. Damit es in den Kapseln nicht allzu klaustrophobisch zugeht, soll es große Bildschirme an den Seitenwänden geben. Auf diesen könnten Content-Vermarkter unter anderem virtuelle Welten zeigen. Die Reise von L.A. nach San Francisco könnte dann beispielsweise zu einer Fahrt durch die Landschaften aus "Game of Thrones" werden.

Alles in allem klingt das Hyperloop-Konzept extrem utopisch. Oder dystopisch. Je nach Zuversicht des Betrachters. Ahlborn wird erst beweisen müssen, dass die Technik und seine Geschäftsideen funktionieren. Er selbst indes sieht sich schon bald am Ziel. Schon in gut drei Jahren will er die erste kommerzielle Hyperloop-Strecke einweihen. "Unser größtes Problem ist nicht die Technik und auch nicht das Geld", sagt er. "Sondern die gesetzliche Regulierung." Zumindest in der Bundesrepublik.

Dann nimmt er sein Handy und zeigt ein Foto von Wladimir Putin und sich selbst beim Abendessen. Der russische Präsident sei dem Hyperloop gegenüber sehr aufgeschlossen, sagt Ahlborn. "Und er war der einzige am Tisch ohne Krawatte."

Neben Ahlborn sitzt noch ein weiterer Mann auf dem Bild. Es ist der Ex-Kanzler und Putin-Freund Gerhard Schröder. Immerhin ein Deutscher, der mit dem Hyperloop offenbar etwas anfangen kann.

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