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14. August 2013, 19:06 Uhr

Einstieg beim iPhone-Konzern

Milliarden-Investor Icahn diktiert Apple den Kurs

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Mit Carl Icahn steigt einer der aggressivsten Investoren bei Apple ein. Umgehend erklärt er Konzernchef Cook seine Forderungen. Der Vorgang zeigt: Der schillernde iPhone-Konzern ist auf dem Weg zu einem ganz normalen Unternehmen.

Hamburg - Glaubt man der offiziellen Version, dürfte Tim Cook am Dienstag eine eher exklusive Erfahrung gemacht haben: Der Apple-Chef habe eine "sehr positive Unterhaltung" mit Carl Icahn geführt, teilte das Unternehmen mit. Wahrscheinlich aber dürfte das Treffen Cook nicht nur Vergnügen bereitet haben. Denn dem Investor, der am gleichen Tag seinen offenbar milliardenschweren Einstieg bei Apple per Twitter bekanntgemacht hatte, eilt der Ruf voraus, extrem aggressiv mit Managern umzuspringen.

Allein die Tatsache, dass Cook sich umgehend mit Icahn traf, macht eines deutlich: Apple ist bei seinem Abstieg zu einem ganz normalen Unternehmen schon weit vorangekommen. Vorbei scheinen die Zeiten, als der in eigenen Sphären schwebende Wunderkonzern es sich leisten konnte, die Wünsche und Ansichten seiner Aktionäre schlicht zu ignorieren.

Schwer vorstellbar, dass der im Oktober 2011 verstorbene Steve Jobs sich mit einem Aktionär, der in jedem Fall deutlich weniger als ein Prozent der Anteile hält, länger befasst hätte. Schlicht undenkbar, dass er es hingenommen hätte, sich in aller Öffentlichkeit per Twitter Forderungen diktieren zu lassen. Demonstrativ missachtete der charismatische Firmengründer die üblichen Regeln im Umgang mit seinen Anteilseignern. Seit seinem Wiedereinstieg im Jahr 1997 zahlte Apple aus Prinzip keine Dividende, sondern hortete einen wachsenden Bargeldberg. Die Anleger rissen sich dennoch um Apple-Aktien und trieben den Kurs auf 705 Dollar im September 2012.

"Apple befindet sich in einer Beweisphase"

Dieses Modell funktionierte so lange, wie Apple mit fast traumwandlerischer Sicherheit einen Technologiemarkt nach dem anderen revolutionierte oder gar - wie im Falle der Tablets - erst erschuf. Doch die Präsentation des iPad im Januar 2010 markiert zugleich einen Wendepunkt. Seitdem hat Apple seinen scheinbar uneinholbaren Vorsprung auf den Rest der Branche verloren. Technologisch zog man etwa mit dem iPhone 5 eher mit dem Rivalen Samsung gleich, anstatt neue Standards zu setzen.

Experten sehen das Unternehmen derzeit an einem Scheideweg: "Apple befindet sich in den kommenden Monaten in einer Beweisphase: Können die neuen Produkte die extrem hohen Erwartungen erfüllen?", sagt Thomas Meyer, Analyst bei dem auf die IT-Branche spezialisierten Beratungsunternehmen IDC.

Denn auch wenn die Umsätze steigen und die Gewinne immer noch exorbitant sind, verliert Apple mit seinen etablierten Produkten deutlich an Boden. Bei Smartphones etwa ging der Marktanteil dem Marktforschungsinstitut Gartner zufolge im vergangenen Quartal binnen Jahresfrist um mehr als vier Prozentpunkte auf 14,2 Prozent zurück - während Samsung auf 31,7 Prozent zulegte. Besserung ist bislang kaum in Sicht. "Wir bewerten die Aussichten für Android-basierte Geräte genau so gut wie für jene mit Apples iOS - wenn nicht sogar etwas besser", sagt IDC-Analyst Meyer. Viele Anleger verloren inzwischen das Vertrauen, Anfang dieser Woche lag der Aktienkurs bei nur noch 455 Dollar, nachdem er im Juni sogar auf 385 Dollar abgesackt war.

Apple und sein Chef Tim Cook geraten daher immer stärker unter Druck. Immer ungeduldiger erwarten die Aktionäre die nächste bahnbrechende Technologie, das nächste Killer-Produkt aus Cupertino - oder zumindest einen Ausgleich für die schlechte Performance ihrer Papiere. Bereits Anfang des Jahres musste Cook reagieren und versprach, bis 2015 hundert Milliarden Dollar an die Aktionäre auszuschütten. Damals hatte vor allem der Fondsmanager David Einhorn Druck gemacht.

Icahn will einen 20 Prozent höheren Aktienkurs

Nun bekommt Cook es also auch noch mit Icahn zu tun. Ausgerechnet jenem Investor, dessen brutale Übernahme und Zerschlagung der Fluglinie TWA im Jahr 1985 als Blaupause für den Film "Wall Street" und dem rücksichtslosen Investor Gordon Gekko gedient haben soll. Der mittlerweile 77-jährige Multimilliardär gilt als Abziehbild der aggressiven Heuschrecke, die Firmen kapert, das Management austauscht und hohe Ausschüttungen an die Aktionäre durchsetzt. Derzeit liefert er sich einen erbitterten Übernahmekampf mit dem Firmengründer um den PC-Giganten Dell.

Wie viel Icahn nun in Apple investiert hat, ist unklar - die Schätzungen reichen von einer Milliarde (Bloomberg) bis 1,5 Milliarden Dollar ("Wall Street Journal"). Bei einem Börsenwert von rund 400 Milliarden Dollar hält er in jedem Fall deutlich weniger als ein Prozent der Anteile. Offenbar hat er es auf die gigantischen Barreserven von mehr als 146 Milliarden Dollar abgesehen. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge verlangt er, Apple solle für 150 Milliarden Dollar eigene Aktien aufkaufen. Das Kursziel legte er gegenüber dem "Wall Street Journal" auf 625 Dollar fest. Dafür solle die Firma Kredite zu einem Zinssatz von etwa drei Prozent aufnehmen.

Fiskalisch ergebe dieses Manöver auch für Apple durchaus Sinn, sagt IDC-Analyst Meyer. Allerdings nur, wenn gleichzeitig auch die in den kommenden Wochen präsentierten neuen Produkte überzeugen - spekuliert wird über einen Nachfolger für das iPhone 5, neue iPad-Modelle oder den bereits seit langem erwarteten Fernseher.

"Möglicherweise weiß Icahn schon mehr"

Auch Meyer hält es zwar für wahrscheinlich, dass Icahn mit seinem Einstieg schlicht in relativ kurzer Zeit hohe Gewinne durch ein Kursfeuerwerk erzielen will - schließt aber eine nachhaltigere Motivation nicht aus: "Möglicherweise weiß Icahn aber auch schon mehr über die neuen Produkte und glaubt an deren Erfolg."

In jedem Fall seien Abgesänge auf den Hersteller unangebracht. "Apple agiert immer noch aus einer Position der Stärke heraus", sagt Meyer. Die Erwartungshaltung an Apples Innovationen sei derart hoch, dass ohnehin fraglich sei, ob sie bei noch so spektakulären Produkten eingelöst werden könnten. Und selbst wenn Cook einen weiteren Tabubruch beginge und Apple künftig preiswerte Smartphone-Einsteigermodelle anbiete, sei das grundsätzlich keine schlechte Idee.

Zwar könne man vermuten, Apple mache aus der Not eine Tugend, weil am oberen Ende der Produktpalette in letzter Zeit nichts wirklich Interessantes passiert sei. "Andererseits haben gerade deutsche Autobauer wie BMW oder Daimler gezeigt, dass man in Massensegmente einsteigen kann, ohne seinen Premium-Status zu verlieren."

Allerdings wäre Apple dann endgültig das, was etwa Daimler schon lange ist: ein ganz normales Unternehmen.

mit Material von dpa

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