Bäcker Bosselmann im Shitstorm "Ich war einfach wütend und in Sorge"

Erst wurde der Bäcker Gerhard Bosselmann wegen seines Video-Appels zur Coronakrise gefeiert. Dann kursierte ein harsches Schreiben von ihm an seine Belegschaft im Netz. Wie passt das zusammen?
Ein Interview von Michail Hengstenberg
Bäcker Gerhard Bosselmann: "Ich habe mich gefühlt wie ein Familienvater"

Bäcker Gerhard Bosselmann: "Ich habe mich gefühlt wie ein Familienvater"

Foto: Gerhard Bosselmann

SPIEGEL: Herr Bosselmann, kennen Sie den englischen Ausspruch "From Hero to Zero"?

Bosselmann: Ja. Ich würde nicht sagen, dass ich bei Zero stehe, aber ich bin bestimmt kein Hero.

SPIEGEL: Sie haben in einem emotionalen Appell an Ihre Kunden per Video den Nerv vieler Menschen in der Coronakrise getroffen. Kurze Zeit später kursierte im Netz ein Schreiben, in denen Sie Ihren Mitarbeitern mit fristloser Kündigung drohen, sollten die sich leichtfertig infizieren oder unter dem Vorwand von Corona krankfeiern. Der Shitstorm folgte umgehend. Was hat Sie zu dem Schreiben bewogen?

Bosselmann: Wir sind ein kleiner Betrieb mit 205 Angestellten, von denen 18 in der Backstube arbeiten. Als Hersteller von Lebensmitteln sind wir empfindlich, wir haben alle große Angst, dass wir bei einem bestätigten Fall von Covid-19 schließen müssen. Kein Kunde möchte Brot von uns kaufen, wenn dort womöglich ein mit dem Coronavirus infizierter Mitarbeiter draufgehustet hat. In den ersten Tagen der Krise aber war das Bewusstsein bei einigen jungen Mitarbeitern offenbar noch nicht vorhanden. Mich hat ein Mitarbeiter angerufen und gefragt, ob er noch zur Arbeit kommen müsse. Er sei am Vortag auf einer Corona-Party gewesen, auf der sich auch ein positiv getesteter Mensch aufgehalten habe.

SPIEGEL: Da ist Ihnen dann der Kragen geplatzt. Der Ton des Schreibens ist schon sehr patriarchalisch.

Bosselmann: Ich habe mich gefühlt wie ein Familienvater, der einmal sagen muss: bis hierhin und nicht weiter. Und ja, ich habe mich im Ton vergriffen, aber wer will das einem schulden in einer Zeit, wo niemand weiß, wie lange wir als Firma noch überleben?

SPIEGEL: Wie haben Ihre Angestellten reagiert?

Bosselmann: Nicht einer meiner Mitarbeiter hat sich beschwert, nicht einer meiner Mitarbeiter ist krank oder hat irgendetwas gegen mich unternommen, im Gegenteil, ich habe sogar Zuspruch aus der Belegschaft bekommen. Wir stehen fest zusammen. Der Mitarbeiter, der mich so aus der Fassung gebracht hat, kommt übrigens auch wieder, wenn er seine Quarantänezeit absolviert hat.

SPIEGEL: Aber irgendjemand muss das Foto ja öffentlich gemacht haben.

Bosselmann: Das Schreiben hing bei unseren Betrieben am Schwarzen Brett, aber meine Mitarbeiter haben mir versichert, dass Sie nicht wissen, wie das in die Öffentlichkeit gekommen ist.

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SPIEGEL: Und Sie haben also niemandem gekündigt, so wie es in dem Schreiben steht?

Bosselmann: Nein, wir brauchen jede Hand! Ich war einfach wütend und vor allem auch in Sorge. Ich trage Verantwortung für unser Geschäft und letztlich auch für die 204 anderen Angestellten meines Unternehmens. Ich kann nicht zulassen, dass jemand leichtfertig unsere Existenz auf das Spiel setzt.

SPIEGEL: Wenn man die beiden Vorgänge nebeneinander legt, kann man eine gewisse Irritation aber nachvollziehen. Das Video und Ihr Schreiben scheinen im Widerspruch zu stehen.

Bosselmann: Überhaupt nicht! Das Video war eine Kurzschlussreaktion. Ich saß mit meiner Tochter im Kaffee und war fertig mit den Nerven. Wir hatten zehn Filialen bereits schließen müssen, ich wusste nicht, wie ich die Miete für die übrigen stemmen sollte. Ich habe zu ihr gesagt: Ich muss jetzt etwas tun, es muss was raus. Die Mitteilung an die Mitarbeiter hatte ich eine Woche zuvor verfasst, und wenn man so will hat sich nicht zuletzt meine Angst, dass wir vielleicht wegen eines Corona-Falls komplett schließen müssen, in dem Video Bahn gebrochen. Für mich ist das kein Widerspruch.

SPIEGEL: Wenn Sie es so herleiten, ja. Dann ist es eher insofern konstant, weil Sie offenbar in beiden Fällen etwas emotional reagiert haben.

Bosselmann: Ich bin ein emotionaler Mensch, das kann ich nicht abstreiten. Aber diese Zeiten sind auch erschütternd! Wissen Sie, ich bin 63 und wollte mein Geschäft eigentlich demnächst an meine Tochter abgeben. Wir haben kürzlich nochmal einen Kredit von 300.000 Euro aufgenommen, für einen Laden mit einem neuen Konzept. Fünf Tage nach der Eröffnung haben wir da die Türen wieder verrammelt und anschließend beide geweint. Wir haben uns versichert, dass wir ihn irgendwann wieder aufmachen. Wenn dann zeitgleich und angesichts solcher Dimensionen ein Mitarbeiter anruft und mir von seiner Corona-Party berichtet … wie gesagt, ich habe mich dann im Ton vergriffen. Gleichzeitig habe ich, wie gesagt, in der Sache auch Zuspruch bekommen, nicht nur von meinen Mitarbeitern, sondern zum Beispiel auch von Krankenhäusern. Nicht wegen der im Video angekündigten Aktion für Pflegekräfte, sondern weil die ähnlich verfahren sind.

Ich kann nicht zulassen, dass jemand leichtfertig unsere Existenz auf das Spiel setzt.

Gerhard Bosselmann, Bäcker aus Hannover.

SPIEGEL: Wer hat sich noch bei Ihnen gemeldet? Ihr Video war ja sogar Anlass für eine Liveschalte zwischen "Bild"-Chef Julian Reichelt und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.

Bosselmann: Ich habe natürlich enorm viel Feedback bekommen, was mich auch etwas überwältigt hat, ich bin ja kein Medienprofi. Und Bernd Althusmann, der Wirtschaftsminister Niedersachsens und Hubertus Heil, unser Arbeitsminister haben angerufen.

SPIEGEL: Was haben Sie den Ministern gesagt?

Bosselmann: Wie die Lage ist im Mittelstand. Ich habe viele Rückmeldungen von anderen Betrieben aller Gewerke bekommen, was mich persönlich am meisten gefreut hat. Unsere Lage habe ich den Ministern geschildert. Dass die Hilfen ja Darlehen sind, Kredite uns aber nicht oder nur bedingt weiterhelfen. Wie sollen wir sie zurückzahlen? Die Unternehmen können die Hilfen nicht beantragen, weil sie sonst der Überschuldung ihrer Betriebe zustimmen würden. Ein Obstbaubetrieb beispielsweise hat ja nicht im nächsten Jahr eine doppelte Ernte, mit der er die Schuld tilgen könnte.