Ifo-Studie zum Umstieg auf E-Mobilität In der Autobranche stehen bis zu 221.000 Jobs auf der Kippe

Der Strukturwandel in der Autoindustrie wirkt sich laut einer Studie erheblich auf die Arbeitsplätze aus. Durch die Umstellung auf E-Mobilität steht demnach schon bald ein Drittel der Jobs »zur Disposition«.
Auslaufmodell Verbrennungsmotor: »Es wird deutlich mehr im Gebälk krachen«, warnt die IG Metall

Auslaufmodell Verbrennungsmotor: »Es wird deutlich mehr im Gebälk krachen«, warnt die IG Metall

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Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild

Erst kam das Aus für Kohle und Stahl im Ruhrgebiet, nun könnte den Herstellern von Zylinderköpfen und Benzinpumpen in Bayern oder Baden-Württemberg das Gleiche drohen. Noch versuchen die Autokonzerne den Umstieg auf E-Antriebe möglichst glatt über die Bühne zu bekommen, doch eine neue Studie des Münchner Ifo-Instituts hat hieran erhebliche Zweifel.

Noch rund 613.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen demnach am Bau von Benzin- und Dieselautos. Mit dem Hochlauf der Elektromobilität stünden 2025 »zwischen 29 Prozent und 36 Prozent der betroffenen Beschäftigten zur Disposition«, heißt es in der Untersuchung  im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Bis zu 221.000 Beschäftigte könnten also schon in weniger als fünf Jahren wegfallen. Auch wenn etwa 86.000 von ihnen bis dahin in Rente gehen könnten, bleibe eine große Lücke.

Vor allem mittelständische Zulieferer bedroht

Mit Umschulung und Fortbildung schon heute sollten die Unternehmen den Rückgang abfedern, sagte Studienleiter Professor Oliver Falck. Konzerne könnten auch ausgelagerte Produktionsprozesse wieder zurück ins Unternehmen holen. Aber das ginge dann auch zulasten von Zulieferern, die Teile für E-Autos entwickeln und herstellen. Kleine, auf wenige Produkte spezialisierte Betriebe könnten nicht mehr nachgefragte Teile oft gar nicht mehr durch andere Produkte ersetzen.

»Vor allem für die mittelständisch geprägte Zuliefererbranche ist der Übergang zur Elektromobilität eine große Herausforderung«, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest die Studie. 2019 lag der Produktionswert aller direkt vom Verbrenner abhängigen Produkte bei 149 Milliarden Euro. Aber E-Autos brauchen keine Zylinderköpfe, Kolben, Kraftstoffpumpen, Zündkerzen und Auspufftöpfe mehr.

Forschung, Entwicklung und der Aufbau neuer Kapazitäten für E-Autos und Digitalisierung haben die Beschäftigung in der Autobranche bislang gestützt. Aber jetzt haben die Autobauer und Zulieferer begonnen, Stellen abzubauen. Eine zentrale Frage in den kommenden Jahren ist für die Ifo-Forscher, ob der Abbau paralleler Strukturen für Verbrenner- und Elektroautos und eine geringere Wertschöpfung weitere Stellen kostet.

»Es wird deutlich mehr im Gebälk krachen, was die Beschäftigungsseite angeht«, warnte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Denn die verschärften Ziele zum Abbau der CO₂-Emissionen bedeuteten für Deutschland, dass bis 2030 zwei von drei Neuwagen Elektro- oder Hybridautos sein müssten. »Und jedes Elektroauto mehr ist ein Verbrenner weniger«, sagte Hofmann.

Logo des als »Kolben-Mahle« bekannten Zulieferunternehmens: Im 100. Firmenjahr 2020 belief sich der Verlust auf 434 Millionen Euro

Logo des als »Kolben-Mahle« bekannten Zulieferunternehmens: Im 100. Firmenjahr 2020 belief sich der Verlust auf 434 Millionen Euro

Foto: Marijan Murat / dpa

»Ohne Investitionen und die Industrialisierung (alternativer Antriebe) in Deutschland laufen wir in ein Beschäftigungsfiasko hinein«, sagte Hofmann in dem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Wer die These streue, der Arbeitsplatzwegfall könne komplett ausgeglichen werden, säe falsche Hoffnungen. Selbst mit Investitionen in die Batterietechnik bleibe es eine Riesenherausforderung.

IG Metall sieht Saarland, Thüringen und Süd-Westfalen besonders betroffen

Der Strukturwandel der Autoindustrie trifft laut IG-Metall-Chef Hofmann bestimmte Regionen stärker als andere. In Teilen des Saarlandes, Thüringens und in Süd-Westfalen stelle sich die Frage nach den Perspektiven für Beschäftigte am schärfsten. 2020 wurde ein Zukunftsfonds Automobil beschlossen, der mit 200 Millionen Euro vom Staat gefüllt wird.

»Wir versuchen, mit finanzieller Hilfe des Zukunftsfonds Automobil so bald wie möglich in Pilotregionen regionale Transformationsnetzwerke auf den Weg zu bringen, um den drohenden Wegfall von Industriearbeitsplätzen auszugleichen«, sagte Hofmann. Alle Akteure müssten sich hier jetzt gemeinsam auf den Weg machen und nicht erst dann, wenn Standortschließungen mit Entlassungen vor der Tür stünden.

Die IG Metall stellt sich strikt gegen ein Verbrennerverbot 2030, wie es die in Umfragen gerade starken Grünen fordern. »Ein Verbrennerverbot 2030 ist keine sinnige Forderung«, sagte Hofmann. »Ich sehe nicht, dass die Ladeinfrastruktur in Deutschland und Europa sich so dynamisch entwickelt, dass sich ein solches Ziel bis 2030 realisieren lässt.« Denn im Moment sei das größte Problem nicht die Produktionsseite oder der staatlich geförderte Absatz von E-Autos. »Aber wir laufen sehenden Auges in eine extreme Mangelsituation beim Thema Ladeinfrastruktur hinein.«

apr/dpa/Reuters
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