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Welthandel Wegen der Angriffe im Roten Meer kommen deutlich weniger Schiffe in Hamburg an

Im Roten Meer attackieren Huthis Frachtschiffe, viele Reedereien fahren einen Umweg ums Kap. Die Attacken haben deshalb laut Wirtschaftsforschungsinstitut IfW Folgen für die Belieferung Europas – zumindest kurzfristig.
Frachtschiff im Suezkanal: Die Anzahl der ankommenden Schiffe in der Nordsee ist um ein Viertel gesunken

Frachtschiff im Suezkanal: Die Anzahl der ankommenden Schiffe in der Nordsee ist um ein Viertel gesunken

Foto: Mohamed Hossam / EPA-EFE

Durch die Attacken der Huthis ist die Menge an Fracht, die übers Rote Meer Richtung Europa transportiert wird, weiter zurückgegangen. Daten des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) zufolge passieren derzeit über 80 Prozent weniger Container die Meeresstraße und den Suezkanal, als eigentlich zu erwarten wäre.

Der Rückgang ist auch an deutschen Küsten spürbar. In Häfen wie Hamburg und Bremerhaven sei die Anzahl der ankommenden Schiffe um 25 Prozent zurückgegangen, heißt es unter Berufung auf den Kiel Trade Indicator  für den Monat Januar 2024.

Der Kiel Trade Indicator schätzt die Im- und Exporte von 75 Ländern und Regionen weltweit sowie des Welthandels. Grundlage ist die Auswertung von Schiffsbewegungsdaten in Echtzeit. Ein am IfW Kiel programmierter Algorithmus wertet diese unter Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz aus und übersetzt die Schiffsbewegungen in preis- und saisonbereinigte Wachstumswerte gegenüber dem Vormonat. Der Algorithmus wertet die Positionsdaten von Containerschiffen in Echtzeit in 500 Häfen und 100 Seeregionen weltweit aus.

»Situation sieht dramatischer aus, als sie gesamtwirtschaftlich ist«

Hintergrund des gesunkenen Frachtaufkommens ist der Umweg, den zahlreiche Containerschiffe nun wegen der Angriffe nehmen. Statt durchs Rote Meer und den Suezkanal nehmen viele nun den deutlich längeren Weg rund ums Kap der Guten Hoffnung – dies bedeutet einen Umweg von rund zwei Wochen. Üblicherweise werden fast zehn Prozent aller deutschen Im- und Exporte durch den Suezkanal transportiert, die Schifffahrtsroute zählte einst zu einer der meistbefahrenen weltweit.

Trotz mehrere Luftschläge hätten die Streitkräfte der USA und Großbritanniens auf der Route bislang offenbar »nicht für mehr Sicherheit« sorgen können, sagte Julian Hinz, Forschungsdirektor für Handelspolitik am IfW. Mit längerfristigen Verwerfungen von Lieferketten oder Handelsbeziehungen wie während der Coronakrise ist laut Hinz aber nicht zu rechnen.

»Die gegenwärtige Situation sieht aber dramatischer aus, als sie gesamtwirtschaftlich ist«, sagte er. Weil die Schiffe länger unterwegs seien, gebe es derzeit in vielen Häfen Europas eine Lücke. »Die dürfte sich aber wieder auf ein Normalmaß schließen, sobald der längere Fahrweg logistisch eingeplant ist.«

Die Huthis greifen in den vergangenen Monaten immer wieder westliche Frachter im Roten Meer an. Sie behaupten, gezielt Schiffe zu attackieren, die Verbindungen zu Israel haben. Sie geben an, die Terroristen der Hamas zu unterstützen. Die USA und Großbritannien haben auf die Huthi-Attacken immer wieder mit Gegenangriffen auf Stellungen der von Iran unterstützen Miliz reagiert. Erst diese Woche war dennoch ein weiterer Frachter angegriffen worden.

Dass es sich bei den gesunkenen Ankünften in Hamburg, aber auch in Bremerhaven, um ein vorübergehendes Phänomen handeln dürfte, zeigt ein Blick auf die Menge der weltweit verschickten Waren. Diese stieg im Januar vor dem umsatzstarken chinesischen Neujahrsfest sogar an: Die Anzahl verschiffter Standardcontainer lag laut dem Kiel Trade Indicator bei mehr als 14 Millionen Stück – nahe am bisherigen Höchststand von vor rund zwei Jahren. Hinz: »Vor allem die Menge weltweit verschiffter Waren zeigt, dass der Welthandel in keiner Krise steckt, sondern stabil geblieben ist. Zwar können einzelne Firmen unter Lieferverzögerungen leiden, insgesamt sind aber keine Engpässe bei Vorprodukten oder Konsumgütern zu erwarten.«

Der Umweg ums Kap hat jedoch zu einem starken Anstieg der Frachtraten geführt. Im Januar kostete der Transport eines Standardcontainers – sofern keine längerfristigen Lieferverträge mit günstigeren Konditionen bestanden – laut IfW zwischenzeitlich mehr als 5000 Dollar. Zum Vergleich: Ende 2023 waren es rund 1500 Dollar. Inzwischen sind die Preise aber wieder um rund 15 Prozent gesunken. Tiefgreifende wirtschaftliche Folgen dürfte der Anstieg der Frachtpreise aber nicht haben. Frachtkosten machen nur einen sehr geringen Anteil an den Produktpreisen aus – und für die Reedereien kann sich der Umweg zumindest finanziell sogar lohnen .

apr