28-Stunden-Woche IG Metall will kürzere Arbeitszeiten ermöglichen

Die Auftragsbücher sind voll, viele Arbeitgeber stöhnen über die 35-Stunden-Woche. Doch die Gewerkschaft will noch niedrigere Arbeitszeiten in der Metallbranche durchsetzen - Lohnausgleich zum Teil inklusive.
IG Metall-Demo am 1. Mai in Hamburg

IG Metall-Demo am 1. Mai in Hamburg

Foto: Markus Scholz/ dpa

33 Jahre ist der letzte große Kampf um die Arbeitszeiten jetzt her. Mit strahlenden Sonnen auf ihren Plakaten und einem sieben Wochen langen Streik in Hessen und Baden-Württemberg hatte die IG Metall damals erfolgreich kürzere Arbeitszeiten durchgesetzt. Daran will die Gewerkschaft nun offenbar anknüpfen - und hat die Metallarbeitgeber in der kommenden Tarifrunde zum Streit über Arbeitszeitregeln herausgefordert.

"Die Beschäftigten wollen Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen", sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann auf einer Konferenz der Gewerkschaft in Mannheim. Deshalb werde eine Forderung vorbereitet, die Wochenarbeitszeit auf freiwilliger Basis und zeitlich begrenzt zu senken. Statt "Samstags gehört Vati mir" wie auf Bannern in den Fünfzigern zu lesen, könnte es nun heißen: "Auch tagsüber gehört Vati mir".

Arbeitnehmer müssen sich laut Hofmann mehr Zeit nehmen können - sei es für Pflege und Betreuung in der Familie oder für eine Weltreise. Der Gewerkschaft schwebt für den größten deutschen Industriezweig ein Recht auf eine 28-Stunden-Woche für maximal zwei Jahre vor. "Verkürzte Vollzeit" nennt sie das.

Lohnausgleich für Schichtarbeiter, Eltern und pflegende Angehörige gefordert

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall lehnt die Idee ab. Es gebe ohnehin schon zu wenige Fachkräfte. "Es wäre daher ein standortpolitischer Wahnsinn, die bestehende Fachkräftelücke mit Gewalt zu vergrößern", teilte der Verband mit. Nach dem gültigen Vertrag können bereits bis zu 18 Prozent der Beschäftigten eine höhere Arbeitszeit als 35 Stunden haben. Doch laut Hofmann ist diese Regel wirkungslos: Knapp dreißig Prozent arbeiteten länger.

Als "Antwort auf den Flexibilisierungswahn" der Unternehmen wünschten sich die Arbeitnehmer Optionen, mit der Arbeitszeit nach unten abzuweichen. Im Falle familiärer oder gesundheitlicher Belastungen sowie in den unteren Einkommensgruppen soll der Lohn nicht entsprechend der geringeren Arbeitszeit sinken. Dies sei eine angebrachte Sozialleistung der Arbeitgeber, sagte Hofmann.

Schichtarbeiter, junge Eltern und pflegende Familienangehörige sollten bei verkürzter Arbeitszeit einen Lohnausgleich erhalten. "Wir sehen das als Sozialleistung der Arbeitgeber, die in die Zeit passt." Schichtarbeiter seien nachweisbar besonderen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Für die unteren Lohngruppen müsse der Ausgleich höher sein als für die übrigen Mitarbeiter.

Erst kürzlich war jedoch der Gesetzentwurf von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles gescheitert, die Teilzeitbeschäftigten ein Rückkehrrecht in die Vollzeit ermöglichen sollte. Von Lohnausgleich war dabei noch nicht mal die Rede.

"Die Beschäftigten wollen Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen", sagte der Vorsitzende der größten deutschen Gewerkschaft IG Metall. Ob die Forderung Erfolg hat? Ein ähnlicher Vorstoß hatte 2013 selbst bei linksgerichteten Ökonomen Unverständnis hervorgerufen. Jetzt soll es auf freiwilliger Basis und zeitlich begrenzt klappen.

Die IG Metall stimmt mit der 28-Stunden-Woche die Arbeitgeber jedenfalls auf kämpferische Tarifverhandlungen für die bis zu 3,7 Millionen Beschäftigten der deutschen Metall- und Elektroindustrie ein. Sie sollen noch vor Ablauf der Friedenspflicht Ende 2017 beginnen. Über die Flächentarife sind unter anderem die Schlüsselindustrien Auto und Maschinenbau weitgehend abgedeckt. Eine zusätzliche Lohnforderung will die Gewerkschaft erst im Oktober festlegen.

Die Arbeitgeber sind bereit, über das Thema zu verhandeln. Sie mahnten jedoch, die deutsche Metall- und Elektroindustrie habe weltweit schon die kürzeste tarifliche Arbeitszeit, der Stundenlohn sei in Westdeutschland mit fast 43 Euro so teuer wie kaum woanders weltweit. "Wie auch immer eine neue Balance aussieht, sie darf Arbeit nicht noch teurer machen", forderte Gesamtmetall.

apr/Reuters/dpa