Illegale Provisionen Telekom soll bei Aufklärung von Datenpanne tricksen

Die Telekom hat laut "Stern" bei der Aufklärung der jüngsten Datenaffäre wichtige Details verschwiegen. Entgegen bisheriger Beteuerungen soll die Sicherheitsabteilung des Konzerns seit Monaten deutliche Hinweise haben, dass Datensätze aus dem Unternehmen in dunkle Kanäle gelangt sind.

Logo der Telekom: Beim Konzern illegal Provisionen in Millionenhöhe kassiert
ddp

Logo der Telekom: Beim Konzern illegal Provisionen in Millionenhöhe kassiert


Hamburg - Das Statement, das die Telekom zu der jüngst bekannt gewordenen Datenaffäre abgegeben hat, entspricht offenbar nicht der vollen Wahrheit. Laut einem Bericht des "Stern" hat der Bonner Konzern bereits im April 2009 deutliche Hinweise über Datenschiebereien bei Partner-Callcentern erhalten - auf diese aber nur sehr verhalten reagiert.

Wie der SPIEGEL aufdeckte, sind die Datensätze von Hunderttausenden Telekom-Kunden über dubiose Kanäle ins Ausland gelangt - besonders oft in die Türkei. Unter anderem wurden die Daten, die häufig auch die Bankverbindungen der Telekom-Kunden enthielten, von deutschsprachigen Mitarbeitern türkischer Callcenter dazu benutzt, den Kunden angeblich im Auftrag der Telekom neue Verträge zu verkaufen.

Offiziell hat die Telekom dazu bislang angegeben, ob und in welchem Umfang tatsächlich Telekom-Daten für unseriöse Zwecke verwendet worden seien, stehe noch nicht fest. Laut "Stern" allerdings hatte die Kriminalpolizei bereits Ende April 2009 rund 100.000 bei Scheinkäufen erworbene Datensätze zur Prüfung an die Telekom weitergeleitet. Die interne Auswertung habe ergeben, dass davon ein Großteil aus den Kundendatenbeständen des Konzerns stammte, berichtet das Magazin weiter. Allein bei 52.000 Datensätzen handele es sich um "Datenbestände aus dem Bereich T-Online", heißt es in dem internen Telekom-Papier.

Auch auf Warnungen reagierte der Konzern dem Bericht zufolge wohl zögerlicher als er es bisher dargestellt hat. So sei ein Callcenter-Betreiber Anfang 2009 Telekom-intern dadurch aufgefallen, dass von der Firma aus in den Monaten zuvor rund vier Millionen Mal auf die Kundendatenbank der Telekom zugegriffen worden war. Trotz des Verdachts auf unzulässige "Vorratsdatenbeschaffung", so ein internes Papier, sei die Vertriebskooperation zunächst weitergelaufen. Sie sei erst Ende August vollständig beendet worden.

Auf Nachfrage gab die Telekom an, dies sei in Absprache mit der Staatsanwaltschaft so geschehen. Ein Unternehmenssprecher verwies auf die rechtliche Konstruktion der Verträge. Solange keine Beweise vorgelegen hätten, habe man sich von den Partnern nicht einfach trennen können, sagte er zu SPIEGEL ONLINE.

Laut Ermittlungsakte lag die Sache aber anders, berichtet der "Stern". Die Kripo habe mehrfach bei der Telekom nachgehakt, bis die Konzernsicherheit Anfang Juni überhaupt Angaben zu dem Vertrag mit der umstrittenen Firma machte.

Telekom geht von "kriminogenen Strukturen" aus

Mit dem möglichen Zugriff auf die Datenbanken der Telekom wurden nach SPIEGEL-Informationen Aufträge manipuliert und illegale Provisionen in Millionenhöhe ergattert. In Einzelfällen betrug der Schaden pro Tag und Callcenter mehr als 100.000 Euro.

Bei der Telekom geht man von "kriminogenen Strukturen" aus und erstattete im Februar Strafanzeige. Seitdem ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft gegen mehrere Beschuldigte wegen "Betrugs als Mitglied einer Bande". Inzwischen wurden die Wohnungen mehrerer Beschuldigter durchsucht und in einigen Fällen auch Haftbefehle erlassen.

Erst Anfang Oktober hatte das Unternehmen mitgeteilt, dass Vertriebspartner des Konzerns Kundendaten unerlaubt an Drittfirmen weitergegeben haben. Externe Partner hätten Callcenter ohne Erlaubnis des Konzerns mit Kundenwerbung beauftragt. Hierfür sei verbotenerweise Zugang zu Kundendaten gewährt worden, hieß es. Insgesamt hätten vier Vertriebspartner die Datenschutzverpflichtungen und die vereinbarten Vertriebsmethoden nicht eingehalten. Die Telekom habe deshalb Strafanzeige erstattet und die Zusammenarbeit beendet oder Abmahnungen erteilt.

Das Image der Telekom ist durch die sogenannte Spitzelaffäre angekratzt, bei der es zu missbräuchlicher Nutzung von Verbindungsdaten gekommen ist. Hinzu kamen weitere Fälle von Datenmissbrauch, in denen die Staatsanwaltschaften ermitteln. So räumte der Konzern vor einem Jahr ein, dass persönliche Daten von Millionen T-Mobile-Kunden in fremde Hände gelangt sind.

Im vergangenen Jahr richtete die Telekom ein eigenes Vorstandsressort ein, um den Datenschutz zu verbessern. Im Internet informiert der Konzern zudem in Abstimmung mit den Behörden über kritische Datenschutzvorgänge.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund einer falschen Vorabmeldung des "Stern" stand in einer früheren Version dieses Textes, die Telekom habe bereits im April 2008 deutliche Hinweise über Datenschiebereien bei Partner-Callcentern erhalten. Das ist nicht korrekt - die Hinweise erfolgten im April 2009. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten ihn zu entschuldigen.

ssu



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