Henrik Müller

Im Dauerkrisenmodus Schlimme neue Welt

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Covid, Chaos, Repression: Auf eine negative Überraschung folgt die nächste, man kommt kaum hinterher. Ein Gefühl der Unsicherheit bestimmt den Zeitgeist. Wie kommen wir da wieder raus?
Taliban in Kabul: Vorbote für eine neue Welle des internationalen islamistischen Terrors?

Taliban in Kabul: Vorbote für eine neue Welle des internationalen islamistischen Terrors?

Foto: Marcus Yam / Los Angeles Times via Getty Images

Ein Beben kommt selten allein. Auf eine negative Überraschung folgt die nächste. Aber wo und wann genau die Schockwellen auftauchen, ist selten vorhersagbar. Denn es sind unruhige Zeiten, Ketten von Krisen durchziehen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – man kommt kaum hinterher. Auf das Unerwartete gefasst zu sein, bestimmt den Zeitgeist.

Ein paar Nachrichten der abgelaufenen Woche:

  • Wer gehofft hatte, die Coronakrise sei zu Ende, vernimmt nun Warnungen vor einer »fulminanten« vierten Welle in diesem Herbst.

  • Wer geglaubt hatte, die USA seien nach der Abwahl Donald Trumps auf dem Weg zu neuer Stabilität, erfährt nun, dass der US-Regierung bereits im Oktober das Geld auszugehen droht, wie Finanzministerin Janet Yellen warnt.

  • Wer erwartet hatte, in Deutschland gehe es nach der Bundestagswahl in etwa weiter wie gehabt, ist nun mit Umfragen konfrontiert , die die Frage aufwerfen, ob eine dauerhaft tragfähige Regierungskoalition zustande kommt.

Und dann sind da noch: ein Militärputsch im westafrikanischen Guinea, der die weltweiten Aluminiumpreise in die Höhe schießen lässt; die Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan, die ein Vorbote für eine neue Welle des internationalen islamistischen Terrors sein könnte; die chinesische Regierung, die eine Branche nach der anderen unter ihre Kuratel stellt, während die vor Kurzem noch kraftstrotzende Wirtschaft unter abermaligen Corona-Lockdowns leidet (Mittwoch gibt's neue Zahlen aus Peking zur Industrieproduktion); die Notenbanken, die hin- und hergerissen sind zwischen dem Bemühen, die Wirtschaft auf Touren zu halten und eine inflationäre Dynamik zu verhindern – und damit einige Unruhe in die Finanzmärkte tragen (achten Sie Dienstag und Mittwoch auf neue Daten zur Preisentwicklung in den USA und in Großbritannien).

Scheinbar isolierte Entwicklungen, doch sie summieren sich zu einem verstörenden Gesamtbild.

Unsicherheit sorgt für Nervosität

Unsicherheit ist zum Normalzustand geworden. Der Economic Policy Uncertainty Index für Europa, den ein US-Forscherteam regelmäßig ermittelt , ist im Trend deutlich gestiegen: Seit der Finanzkrise von 2008 hat sich das Niveau des Indikators mehr als verdoppelt.

Die gestiegene Unsicherheit sorgt für Nervosität – in der Breite der Bevölkerung, aber auch bei den Unternehmen. In einer aktuellen empirischen Untersuchung  haben wir zusammen mit Kollegen des Essener Wirtschaftsforschungsinstituts RWI ermittelt, dass sich die schwache Investitionsdynamik der deutschen Wirtschaft im zurückliegenden Jahrzehnt zum Teil mit einem »Investmentnarrativ« erklären lässt, bei dem politische Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene die entscheidenden Rollen spielen. Wo Berechenbarkeit fehlt, ist es schwierig abzuschätzen, ob sich Investitionsprojekte rechnen – im Zweifel lassen Firmen die Finger davon. Unsicherheit kann höchst reale Folgen zeitigen.

Lassen sich gemeinsame Ursachen für die Ära der Unwägbarkeiten finden? Welchen Reim können wir uns auf die Gegenwart machen?

Hier ist eine These: In einer eng vernetzten Welt verbreiten sich Schockwellen in Windeseile über alle Grenzen hinweg. Dem stehen politische Strukturen gegenüber, die diesen neuen Herausforderungen nicht gewachsen sind.

Was die globale Vernetzung bewirkt

Wie eng die globale Vernetzung inzwischen ist, hat die Coronakrise gezeigt. Anfang des vorigen Jahres dauerte es nur einige Wochen, bis sich das neuartige Virus von China aus in weiten Teilen der Welt festgesetzt hatte – und eine regional begrenzte Epidemie zur Pandemie herangewachsen war. Nun verbreiten sich weitere Mutationen, aktuell die Delta-Variante , ebenfalls in einer Abfolge von Wellen international, auch wenn es inzwischen Impfstoffe gibt und nach wie vor Reisebeschränkungen und Quarantäneregeln gelten.

Anschauungsmaterial für die hochgradige Vernetzung der Welt bot in den vergangenen Wochen auch die Nachricht vom Triumph der Taliban in Afghanistan. Die Bilder von der Übernahme Kabuls – und des überhasteten Abflugs westlicher Kräfte – diffundierten quasi in Echtzeit über soziale Netzwerke um den Globus. Islamistische Terrorgruppen anderswo im arabischen Raum und in Afrika dürften sie als Ermutigung verstehen. Der Afghanistan-Schock könnte weitere nach sich ziehen.

Eine eng verbundene Finanzwelt steht währenddessen vor ganz anderen Herausforderungen. Der angekündigte Ausstieg der US-Notenbank Fed aus den Interventionen infolge der Covid-Krise lässt die Märkte erzittern. Viele Schwellen- und Entwicklungsländer, die in Dollar hoch verschuldet sind, drohen bei steigenden US-Zinsen an den Rand der Pleite zu geraten. Die Probleme verschärfen sich durch die Coronakrise, die gerade ärmere Länder mit geringen Impfquoten immer noch im Griff hat. Auch hier gilt: Realtime-Schocks sind längst eine globale Realität.

Die Welt mag eng verbunden sein durch Kapital-, Verkehrs- und Informationsströme. Woran es jedoch mangelt, ist globale Steuerungsfähigkeit: Internationale Antworten auf die Pandemie, wie die Impfkampagne Covax, bleiben hinter den Erwartungen zurück. Ein globales Vorgehen gegen islamistischen Terror, wie es nach den Anschlägen vom 11. September 2001 möglich war, ist nicht in Sicht – zumal der Anspruch der USA, als weltweit präsente Ordnungsmacht zu agieren, nach dem überhasteten Rückzug aus Afghanistan infrage steht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) mag über Instrumente verfügen, finanziell angeschlagenen Staaten zu helfen; doch eine Welle von Staatspleiten im Fall eines rapiden Zinsanstiegs dürfte den Fonds überfordern. Um nur drei Beispiele zu nennen.

Die Zeit der »Grünen Schwäne«

Die Welt ist immer enger vernetzt – doch zugleich wird es schwieriger, akute Probleme gemeinsam anzugehen. Dieser Widerspruch sorgt für Probleme, gerade in einer Zeit, in der »Grüner-Schwan-Ereignisse« zunehmen, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) schon voriges Jahr gewarnt hat. Corona ist demnach ein Menetekel.

Beispielsweise könnte ein rascher Anstieg der Meeresspiegel infolge des Treibhauseffekts Fluten und Überschwemmungen rund um den Globus hervorrufen. Viele solcher Katastrophenszenarien sind denkbar. Wir müssten alle umdenken, sagt die BIZ. Wegen der »globalen Natur der grünen Schwäne« bedürfe es grundlegend veränderter »Modelle und Denkweisen«, damit neue Formen enger Zusammenarbeit möglich würden. Die Menschheit stehe vor kollektiven Gefahren, die eine »neue Landschaft der Kooperation« erforderten.

Es ist nur so: Nicht nur auf globaler Ebene, auch innerhalb vieler Länder sind die Verhältnisse nicht sonderlich stabil.

Total Recall

Im Westen schreiten politische Zersplitterung und Polarisierung voran. In den USA können sich Republikaner und Demokraten im Parlament mal wieder nicht auf ein Budget einigen. Aus dem Hintergrund versucht Trump, weiter die Fäden zu ziehen und seine Republikaner zu Totalobstruktion zu bewegen. Währenddessen droht Kalifornien, für sich genommen eine der größten Volkswirtschaften der Welt, eine Phase des politischen Chaos: Dienstag könnte der demokratische Gouverneur aus dem Amt gewählt werden – per »Recall«, einer obskuren Art des Volksbegehrens.

In Japan tritt Premier Yoshihide Suga nach nur einem Jahr ab. Tokio droht ein Rückfall in die endlosen Fraktionskämpfe der Dauerregierungspartei LDP – während sich vor einer rapide alternden Gesellschaft die Probleme auftürmen.

In Deutschland, dem zentralen europäischen EU-Mitgliedstaat, scheint eine lange Phase der Stabilität und Berechenbarkeit zu Ende zu gehen: Der Bundesrepublik steht eine unsichere Regierungsbildung bevor. Nach der Wahl am 26. September wird sich den derzeitigen Umfragen zufolge eine ungetestete Dreierkoalition zusammenfinden müssen. Viele Varianten sind möglich – von einer »Deutschland-Koalition« aus Union, SPD und FDP unter schwarzer Führung bis Rot-Grün-Rot. Der jeweilige Kurs würde sich drastisch unterscheiden. Wie auch immer der Farbenmix aussehen wird: Es ist völlig offen, wie gut die nächste Bundesregierung zusammenarbeiten kann – oder ob sich die Koalitionäre vornehmlich gegenseitig blockieren.

Optimisten, Pessimisten, Realisten

Während im Westen viele Staaten um ihre Regierungsfähigkeit ringen, bangen anderswo nervöse Autokraten um ihre Macht. Bis vor einigen Jahren halfen rapide Wohlstandszuwächse, ihre Herrschaft zu legitimieren. Inzwischen lahmt das Wachstum. Entsprechend restriktiv versuchen sie, ihre Macht zu sichern.

Chinas Staatschef Xi Jingping unterwirft die Wirtschaft nach und nach der Kontrolle durch die Kommunistische Partei. Ganzen Branchen wird per Regierungsverfügung mal eben die Geschäftsgrundlage geschmälert: erst E-Commerce und Online-Finance, dann der Bildungssektor, jetzt die Immobilienbranche. Auch anderswo sorgen Covid, schwächeres Wachstum und steigende Inflationsraten für Unmut in der Bevölkerung und fordern die Herrschaftsstrukturen heraus. (Achten Sie auf die russischen Parlamentswahlen ab Donnerstag.)

Zusammengenommen führen diese Tendenzen zu einem spannungsreichen Gesamtbild: Viele Nationen sind intensiv mit sich selbst beschäftigt, während eine vielfältig vernetzte Welt Schockwellen rasch und direkt überträgt. Mit den Auswirkungen versucht jedes Land zunächst für sich allein zurechtzukommen. Wenn das misslingt, tritt die Destabilisierung im Inneren in eine neue Runde. Im Ergebnis steigt die Verunsicherung weiter.

Ein Pessimist würde sagen: Die Welt ist auf dem Weg in die Selbstzerstörung. Ein Optimist würde vermuten, dass wir in einer Umbruchphase stecken, in deren Verlauf sich neue, bessere Formen der Regierungsführung herausbilden. Ein Realist würde sagen: Wir werden uns schon irgendwie durchwursteln durch diese aufgeregten Zeiten.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Luxemburg – Datenschutz vor Gericht – Der EuGH verhandelt die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland.

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