Immobilien Jeder dritte Mieter hätte genug Geld fürs Eigenheim

Die Mehrheit der deutschen Haushalte wohnt zur Miete, doch das könnte sich bald ändern: Bei extrem niedrigen Zinsen wird das Eigenheim immer attraktiver. Experten sehen allerdings einen großen Nachteil.

Eigenheime in Berlin: Knapp die Hälfte der Berufstätigen würde kaufen
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Eigenheime in Berlin: Knapp die Hälfte der Berufstätigen würde kaufen


Berlin - Sicherung fürs Alter, solide Wertanlage, Motivation zum Sparen - es gibt viele Gründe, die für den Kauf eines Eigenheims sprechen. Trotzdem ist die Bundesrepublik bisher ein Mieterland. Viele Menschen träumen von den eigenen vier Wänden, doch nur wenige setzen den Wunsch in die Wirklichkeit um.

Im vergangenen Jahr lebten nach Zahlen des Statistischen Bundesamts nur 43 Prozent der rund 40 Millionen deutschen Haushalte in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus. 57 Prozent wohnten zur Miete. Dieses Verhältnis hat sich innerhalb von zehn Jahren kaum geändert.

Dabei hätte jeder dritte Mieter theoretisch genug Geld, ein Eigenheim zu finanzieren, wie die Institute Prognos und Allensbach für den Verband der Sparda-Banken ausgerechnet haben. Durchschnittlich koste ein Einfamilienhaus fünf Jahresnettoeinkommen eines Haushalts.

Im Vergleich der deutschen Großstädter können Bremer besonders günstig ins Eigenheim kommen. Sie benötigen nur das 4,3fache des örtlichen Jahresnettoeinkommens, um ein typisches Einfamilienhaus zu kaufen. An der Spitze steht, wenig überraschend, München. In der bayerischen Landeshauptstadt müssten Bewohner ihr gesamtes Nettoeinkommen neun Jahre und sieben Monate sparen, um sich dort ein Eigenheim zu kaufen.

Ins Umland ziehen ist für Münchner keine gute Alternative. Der Landkreis München ist für Immobilienkäufer sogar noch teurer: 10,6 durchschnittliche Jahresnettoeinkommen kostet hier ein Einfamilienhaus. Viel günstiger lebt man im Nordosten des Freistaats: In dem strukturschwachen Landkreis um das oberfränkische Wunsiedel kostet ein Familieneigenheim nur das 2,5fache des Nettoeinkommens.

Kaufen oft billiger als mieten

Generell ist der Kauf einer Immobilie in Deutschland in den vergangenen Jahren aber attraktiver geworden: Im Jahr 2009 sei Kaufen in nur sieben Prozent der deutschen Landkreise wirtschaftlich attraktiver als Mieten gewesen - 2013 immerhin schon in 27 Prozent der Kreise. Vor allem im Osten lohnt sich demnach die selbst genutzte Immobilie - im Häuslebauer-Land Baden-Württemberg dagegen nicht.

Allerdings registrieren die Wissenschaftler inzwischen verstärkt Anzeichen für einen Mentalitätswechsel. Einer Allensbach-Umfrage unter 1553 in Deutschland wohnenden Bürgern zufolge würde knapp die Hälfte aller Berufstätigen trotz der zuletzt gestiegenen Preise in Großstädten wie München, Hamburg und Frankfurt eine Immobilie kaufen. Jeder dritte Berufstätige, der verstärkt vorsorgen wolle, möchte ein Haus oder eine Wohnung bauen oder kaufen, um dort selbst einzuziehen, heißt es in der Studie. Das sei fast die Hälfte mehr als noch vor fünf Jahren.

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Mieten oder kaufen?

Dass das bei der Abwägung zwischen Kaufen und Mieten eine Rolle spielt, zeigen auch Anfragen auf Immobilienportalen, wo Kaufgesuche deutlich stärker zunahmen als Mietgesuche. Als Hauptgrund für die Trendwende gelten die stark gesunkenen Hypothekenzinsen. 2009 lagen sie laut dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Schnitt noch bei 4,4 Prozent, vier Jahre später bei knapp 2,8 Prozent.

Doch die Hinwendung zum Eigentum hätte auch Nachteile. Denn bislang sorgt das ausgewogene Verhältnis von Mietwohnraum und Eigentum nach Überzeugung von IW-Experte Michael Voigtländer für einen stabilen Immobilienmarkt: Deutschland gehört in puncto Schwankungen bei Wohnungspreisen zu den stabilsten Ländern weltweit. Wo weniger gekauft und Kredit dafür aufgenommen werde, gebe es keine Immobilienblasen wie in Spanien oder den USA.

Bislang ist Deutschland im europäischen Vergleich eines der wenigen Länder mit einem etwa gleich großen Mietwohnungs- wie Eigentumsmarkt. 45 Prozent der Wohnungen werden nach Daten der Landesbausparkassen von den Eigentümern selbst bewohnt. Nur in der Schweiz sind es noch weniger. In Frankreich und den Niederlanden dagegen lebt in fast 60 Prozent der Wohnungen der Eigentümer selbst, in Spanien sogar 82 Prozent.

Warnung vor überstürzten Käufen

Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund warnt allerdings vor überstürzten Käufen. "Es gibt keine Garantie, dass die Zinsen in zehn Jahren immer noch so niedrig sind" - das Haus sei dann aber oft noch nicht abbezahlt.

Die hohe Eigentumsquote in anderen Ländern habe auch ganz banale Gründe: Wo es weniger Alternativen zum Wohneigentum gibt, kommen selbst einkommensschwache Haushalte nicht ums Kaufen herum - und müssen sich ohne Sicherheiten hoch verschulden. In den Niederlanden bekämen deshalb schon 20-Jährige großzügige Kredite, erzählt Han Joosten von der Bouwfonds-Immobilienentwicklung, einer Tochter der niederländischen Rabobank. Davon könnten sich die jungen Menschen dann nicht nur die Wohnung, sondern oft gleich noch ein Auto leisten.

Und noch etwas sei im Nachbarland anders: "In Holland kaufen die Leute Wohnungen nicht als Kapitalanlage", sagt Joosten. Wohneigentum - das sei viel mehr eine Imagesache als in Deutschland.

mik/dpa



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Schoel93 04.06.2014
1. Ist doch logisch
Wir leben in einer Single-Gesellschaft. Immer mehr Paare lassen sich scheiden, andere wollen erst gar nicht heiraten. Es werden immer weniger Kinder geboren. Und für eine einzelne Person oder auch Familien mit nur einem Kind braucht man einfach kein Eigenheim. Der Platz in einer bezahlbaren Mietwohnung reicht dann völlig aus. Viele sind dann einfach zu bequem zum bauen, auch wenn es auf lange Sicht billiger wäre.
karlsiegfried 04.06.2014
2. Die Zinsen sind auf Ramschniveau ...
... die Immobilienpreise haben sich verdoppelt. Mal gut, dass meine Hütte , angefangen 1984 mit 8% Zinsen schon bezahlt ist. Wer heute mit 2% Zinswen anfängt, muss das Ende noch erleben. In dieser Zeit wird ganz, ganz viel passieren. Die nächste Immobilienpleite wartet schon. Dann wirdes fürchterliches Geheule und Zähneklappern geben.
b4u3r 04.06.2014
3. Vorsicht
Wer sich nun ermutigt fühlen sollte, sich ohne Eigenkapital eine vollfinanzierte Immobilie zuzulegen, der sollte sich auf jeden Fall die reine Zinslast der Gesamtlaufzeit mal auf nen Monat runterbrechen. Dann weiß man, wo man (im Vergleich zur Miete) dran ist. Und da sind zukünftige kostenintensive Instandsetzungen in die Kaufimmobilie (Dach, Heizung, etc) noch außer Acht gelassen!
HansD 04.06.2014
4. Jaaaa...
los, kauft ihr Lemminge. Wenn die Medien es schon schreiben, wäre man ja schön b****! Wenn nicht jetzt, wann denn dann? Irgendwie erinnert mich das ganze an Amerika. Zinsen niedrig, massig Kredite an Menschen, die sich diese Kredite eigentlich nicht leisten konnten. Alle haben fleissig Häuser gebaut/gekauft. Wie lange ging das dann gut? :) Lehmann lässt grüßen. Ich bleib Mieter. Bei der Aussicht, dass demnächst eh bald alle Häuser kaufen, sinkt ja die Nachfrage an Mietwohnung und das Angebot sollte steigen. Yeah, da müsste dann sogar meine Mietwohnung in München günstiger werden. Also, los, kauft/baut Häuser! Wenn nicht jetzt, wann denn dann?
DochkeinSchnee 04.06.2014
5. Berufstätige
Gleichzeitig zu diesem Artikel steht im kettenbefristungs-Artikel folgender Satz: "Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsbildung (IAB) ist der Anteil befristeter Neueinstellungen zwischen 2001 und 2011 von 32 auf 45 Prozent gestiegen." Vielleicht sind in den Niederlande und anderen europäischen Ländern ja auch die Zahl befristeter Verträge nicht ganz so hoch wie hierzulande. Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, dass sich die Eigenheimquote langfristig erhöht, während die Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse stetig steigt.
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