Materialengpässe Industrie feiert Auftragsrekord – und liefert nur stockend

Die Auftragsbücher deutscher Industriefirmen sind so voll wie zuletzt Anfang der Sechzigerjahre. Doch wegen ruckelnder Lieferketten können die Firmen ihre Kundinnen und Kunden nur schleppend bedienen.
Fertigung von Autokarosserien in München

Fertigung von Autokarosserien in München

Foto: Sven Hoppe / dpa

Der Auftragsstau in deutschen Industriebetrieben wird immer länger. Laut einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts seien die Auftragsbücher mittlerweile so gut gefüllt wie seit Anfang der Sechzigerjahre nicht mehr, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Doch die Firmen kommen beim Abarbeiten der Aufträge nicht hinterher.

Der Bestand an Bestellungen ist laut Statistischem Bundesamt höher, als es seit Beginn der entsprechenden Datenreihe im Januar 2015 je gemessen wurde. Die Betriebe erhalten damit seit Juni 2020 beständig mehr neue Aufträge, als sie bedienen konnten.

Bei Herstellern von Maschinen und Fahrzeugen ist die Pipeline an Verpflichtungen inzwischen so groß, dass sie bei gleichbleibendem Umsatz elf Monate lang produzieren könnten, ohne einen einzigen neuen Auftrag dazuzugewinnen.

»Ein wesentlicher Grund dafür dürften Lieferengpässe sein«, schreiben die Statistiker. Die Coronapandemie hat weltweit für gestörte Lieferketten gesorgt, weshalb viele Vorprodukte und Rohstoffe nicht rechtzeitig ankommen. Autobauern zum Beispiel fehlen Mikrochips.

Die Engpässe bremsen die deutsche Wirtschaft merklich aus. Dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) zufolge lag die Industrieproduktion 2021 um etwa zwölf Prozent unter dem Niveau, das angesichts hoher Auftragseingänge eigentlich möglich gewesen wäre. »Dies entspricht einer entgangenen Wertschöpfung von etwa 70 Milliarden Euro«, sagt IfW-Konjunkturchef Nils Jannsen.

Volkswirt Krämer indes sagt der deutschen Industrie eine rosige Zukunft voraus. Die Unternehmen dürften ihr Auftragspolster »in eine stark steigende Produktion ummünzen, wenn die Lieferengpässe mit der abebbenden Coronawelle nachlassen«, sagt er.

Wann es wieder bergauf geht, ist allerdings unklar. Es sei möglich, dass sich die Lieferkettenprobleme wegen der Omikron-Variante bis ins Jahr 2023 auswirken, schreibt das IfW. Bislang hatten viele Experten prognostiziert, dass sich die Probleme im Laufe des Jahres 2022 erledigen.

ssu/Reuters
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