Henrik Müller

Steigende Preise Die Inflation ist zurück – was heißt das für mein Geld?

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Lebenshaltung wird rapide teurer, die Kaufkraft der Beschäftigten ist in Gefahr. Mittlerweile macht sich auch bei der EZB Unruhe breit.
Der gute alte Warenkorb: Alles wird teurer – und die Leute reden wieder über Inflation

Der gute alte Warenkorb: Alles wird teurer – und die Leute reden wieder über Inflation

Foto: Fabian Sommer / dpa

»Preisstabilität ist, wenn die Leute aufhören, sich über Inflation zu unterhalten.« Sorgen sollten wir uns hingegen machen, wenn auch »die Notenbanken aufhören, über Inflation zu reden«.

Erst ein halbes Jahr ist dieses Zitat alt. Es stammt von Mervyn King, dem britischen Ökonomen und früheren Chef der englischen Notenbank. Der Anstieg der Verbraucherpreise war im Frühjahr 2021 noch kein großes Thema. Die Notenbanken, zumal die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve, äußerten sich lieber zu populäreren Politikfeldern, zum Klimaschutz beispielsweise oder zur gesellschaftlichen Chancengleichheit. Inflation beschäftigte allenfalls nerdige Volkswirte (und ein paar chronisch preispanische Deutsche).

Mit den Gedanken war man noch im letzten Lockdown und froh, dass sich das Leben endlich wieder normalisierte und die Wirtschaft in Fahrt kam.

Die Gewerkschaften hielten sich zurück, zumal in Deutschland. Um nicht noch mehr Jobs zu gefährden, ließen sie sich auf moderate Tarifverträge ein. In der Folge steigen die Saläre nun deutlich langsamer als in den Jahren zuvor. 2021 sind die Lohnerhöhungen nach Bundesbank-Berechnungen  ausgesprochen bescheiden; im Jahresverlauf sanken sie von zweieinhalb Prozent im ersten Quartal auf anderthalb Prozent im dritten. Tarifverträge laufen in wichtigen Branchen bis weit ins kommende Jahr. Vor Herbst 2022 werde sich wohl nicht viel tun in Sachen Lohnsteigerungen, urteilte kürzlich der Sachverständigenrat.

Solche Preisanstiege gab es seit 70 Jahren nicht mehr

Die andauernde Bescheidenheit ist ein Problem. Denn die Lage an der Preisfront hat sich ziemlich drastisch geändert: Die Leute reden wieder über Inflation. Ein untrügliches Zeichen, dass die Gewissheit andauernder Preisstabilität – der Normalzustand der zurückliegenden Jahrzehnte – schwindet.

Im November dürften die Verbraucherpreise in Deutschland um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sein (aktuelle Zahlen gibt's Montag und Dienstag). Klar, der Anstieg ist überzeichnet durch die schwache Preisentwicklung während der Lockdowns 2020 und die zeitweilige Mehrwertsteuersenkung. Aber: Da ist noch mehr Druck im Kessel.

Die Erzeugerpreise, die die Unternehmen für ihre Einkäufe bezahlen, sind zuletzt um mehr als 18 Prozent gegenüber 2020 gestiegen – das größte Plus seit 1951, wie das Statistische Bundesamt vermerkt . Rohstoffe und Vorprodukte sind rar, Energie ist teuer. Nun planen die Firmen, ihre höheren Kosten an die Kunden weiterzureichen: Die aktuelle Geschäftsklima-Umfrage des Ifo-Instituts  hat ergeben, dass in der Industrie und im Handel eine »deutliche Mehrheit« der Unternehmen die Preise erhöhen will. Noch nie seit Beginn der Umfragen haben die Münchner Wirtschaftsforscher einen so großen Anteil von preissteigerungswilligen Unternehmen ermittelt.

Zunehmende Verteilungskonflikte

Die Inflation ist zurück, und zwar mit einer Wucht, die auch die Notenbanken wieder dazu veranlasst, darüber zu reden – wenn auch in beschwichtigendem Tonfall. Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed, sprach kürzlich von einem »Inflationsausbruch« , den man bald in den Griff bekommen werde. EZB-Präsidentin Christine Lagarde räumte vor dem Währungsausschuss des EU-Parlaments ein, man sei von der Preisdynamik überrascht ; das erwartete Abflauen der Inflationsraten werde wohl »länger dauern als ursprünglich erwartet«.

Für die Beschäftigten ist dies eine höchst ungemütliche Situation. Die moderaten Abschlüsse, auf die sich die Gewerkschaften angesichts der Pandemie eingelassen haben, erweisen sich nun als zu niedrig, um die Kaufkraft der Löhne zu erhalten.

Aktuelle und kommende Tarifauseinandersetzungen dürften deshalb an Heftigkeit zunehmen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di verlangt in den Verhandlungen für die Staatsbediensteten der Bundesländer bereits ein Plus von fünf Prozent – und verweist explizit auf die gestiegene Inflation. In diesem Stil dürfte es kommendes Jahr in den Tarifrunden für die großen Industriebranchen weitergehen.

Falls die Beschäftigten überhaupt so lange stillhalten: Sollte der Preisdruck 2022 nicht nachlassen, könnten Forderungen nach Lohnnachschlägen laut werden, die den Verteilungskampf direkt in die Betriebe tragen. Immerhin hat sich die Verhandlungsposition der Beschäftigten deutlich verbessert: Arbeitskräfte sind knapp, die Zahl der unbesetzten Stellen ist hoch. Viele Unternehmen verdienen derzeit blendend. Die Gewinne sind auf Rekordkurs – trotz Lieferengpässen und vierter Coronawelle. Aus Arbeitnehmersicht könnte die Situation kaum günstiger sein, um eigene Forderungen durchzusetzen.

EZB-Spitze in Verlegenheit

Besonders pikant: Ausgerechnet Ipso, die Gewerkschaft der EZB-Beschäftigten, fordert ein sattes Gehaltsplus. Kürzlich erhielten die EZBler eine E-Mail, in der die Gewerkschaft »beträchtliche Kaufkraftverluste« vorhersagte. Die EZB-Führung sei »nicht in der Lage (oder willens?), ihre eigene Belegschaft vor den Auswirkungen der Inflation zu schützen«. Die Gehälter der Notenbank-Beschäftigten würden 2022 nur um 1,3 Prozent steigen, während die Lebenshaltungskosten am EZB-Sitz Frankfurt davoneilten.

Um die Beschäftigten finanziell abzusichern, schlagen die Ipso-Vertreter eine Inflationsindexierung vor, also eine automatische Kopplung der Gehälter an die – deutsche – Inflationsrate. Rechnet man auch noch einen Zuschlag für die eurozonenweiten Produktivitätszuwächse hinzu, wie er den Notenbankgewerkschaftern vorschwebt, könnten leicht Gehaltssteigerungen um fünf Prozent dabei herauskommen.

Der Vorstoß bringt die EZB-Spitze um Christine Lagarde in Verlegenheit. Zum einen zeigt das Ansinnen der Belegschaftsvertreter, dass sie den Zusicherungen ihrer Chefin misstrauen, die nicht müde wird zu betonen, »mittelfristig« würden die Inflationsraten wieder auf unter zwei Prozent sinken. Zum anderen könnte eine Koppelung der Notenbanker-Gehälter an die Preissteigerungsrate zum Vorbild für andere Branchen werden und damit eine inflationäre Eigendynamik antreiben – wenn nämlich die Firmen wiederum steigende Lohnkosten auf die Preise umlegen (»Lohn-Preis-Spirale«).

Bislang geht Lagarde davon aus, dass ein solches »Risiko von Zweitrundeneffekten begrenzt bleibt«. Auch deshalb gibt sie sich zuversichtlich, was die weiteren Inflationsaussichten angeht. Würden hingegen indexierte Tarifverträge zur Euro-Norm, wäre es für die Notenbank künftig umso schwieriger, die Inflation im Griff zu behalten.

Neue Ära der Verteilungskämpfe

Wir haben es mit einer historischen Trendumkehr zu tun. In den vergangenen Jahrzehnten wirkten die Globalisierung der Wirtschaft und die demografische Entwicklung in die gleiche Richtung: Ein großes Angebot an Gütern und Arbeitskräften dämpfte den Anstieg von Preisen und Löhnen. Beschäftigte und Gewerkschaften taten sich schwer damit, anständige Lohnerhöhungen durchzusetzen. Auch deshalb war es für die Notenbanken in dieser Phase relativ leicht, die Inflation im Griff zu behalten.

Nun stehen wir am Beginn einer neuen Ära: Einerseits wird die Globalisierung der Wirtschaft durch neue Handelsschranken schrittweise zurückgedreht. Andererseits hat eine »große demografische Umkehr« begonnen, wie die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan in ihrem gleichnamigen Buch (»The Great Demographic Reversal«) schreiben: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen allmählich in den Ruhestand, die Erwerbsbevölkerung beginnt zu schrumpfen, nicht nur im Westen, auch in Ländern wie China. Beides verhilft den verbliebenen Beschäftigten zu größerer Verhandlungsmacht, während zugleich die Inflationsgefahren steigen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dieses Szenario macht das Abgleiten in immer neue Inflationsspiralen und Verteilungskämpfe wahrscheinlicher. Insofern ist es umso wichtiger, dass die Notenbanken jetzt nicht die Preissteigerung aus dem Ruder laufen lassen. Verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, dürfte sich in Zukunft als deutlich schwieriger erweisen als in der Vergangenheit.

Bis die Leute wieder aufhören, sich über Inflation zu unterhalten, wird noch eine ganze Weile vergehen.

Die wichtigsten Termine der bevorstehenden Woche

Wiesbaden – Das wird teuer – Das Statistische Bundesamt gibt eine erste Schätzung für die Inflationsrate im November 2021 bekannt.


Wien – Atomic Café – Neustart der Atomgespräche mit Iran, die unter Trumps US-Präsidentschaft abgebrochen wurden. Mit dabei: Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.