Vorläufige Zahlen für Deutschland Inflation übersteigt erstmals seit 2008 die Drei-Prozent-Marke

Waren und Dienstleistungen in Deutschland werden spürbar teurer. Erstmals seit 13 Jahren steigt die Inflationsrate über drei Prozent. Das liegt aber vor allem an einem Sondereffekt.
Preisschild in einem Supermarkt

Preisschild in einem Supermarkt

Foto: Marius Becker/ dpa

Die Inflation in Deutschland hat in diesem Juli erstmals seit August 2008 wieder die Drei-Prozent-Marke überschritten. Die Verbraucherpreise lagen um 3,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats, wie das Statistische Bundesamt anhand einer vorläufigen Berechnung mitteilte. Im Juni hatte die Inflationsrate noch bei 2,3 Prozent gelegen.

Einen höheren Wert als 3,8 Prozent hatten die Wiesbadener Statistiker für Deutschland zuletzt im Dezember 1993 mit damals 4,3 Prozent ermittelt. Hauptgrund für das kräftige Plus ist nun ein Sondereffekt: Die Bundesregierung hatte die Mehrwertsteuer in der zweiten Jahreshälfte 2020 im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Virus-Pandemie gesenkt, was viele Waren und Dienstleistungen günstiger machte. Jetzt kehrt sich dieser Effekt um.

»Außerdem haben einige Dienstleister erwartungsgemäß das Wiederöffnen genutzt, um bei hoher Nachfrage auch ihre Preise anzuheben«, sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. »Die Bürger wollen ja wieder in die Gaststätten und Kneipen.« Preistreiber bleibt auch die Energie, weil sich etwa Öl und Benzin wegen der weltweiten Konjunkturerholung nach dem Corona-Einbruch stark verteuert haben.

Experten sehen den Gipfel bei der Teuerung trotz des Preissprungs noch nicht erreicht. »In den kommenden Monaten wird die Inflationsrate hoch bleiben und sogar eher noch etwas zunehmen«, sagte Schmieding. Bundesbankpräsident Jens Weidmann rechnet damit, dass sich die Inflationsrate zum Jahresende in Richtung fünf Prozent bewegen könnte.

EZB will Übertreffen des Inflationsziels tolerieren

Ihre neue geldpolitische Strategie wird die Europäische Zentralbank (EZB) womöglich dazu bringen, zeitweise ein Übertreffen ihres Inflationsziels zuzulassen. Liegen die Zinsen bereits nahe an ihrer Untergrenze, könnte ein länger anhaltender Einsatz der geldpolitischen Instrumente erforderlich sein, hieß es im Protokoll der geldpolitischen Sitzung vom 7. Juli, das die Euro-Notenbank am Donnerstag veröffentlichte.

»Dies könnte auch eine Übergangszeit implizieren, in der die Inflation moderat über dem Ziel liegt«, erklärten die Euro-Wächter. Damit kann die EZB auch weiterhin mit viel billigem Geld die Konjunkturerholung in der Eurozone anschieben. So hilft sie auch hoch verschuldeten Staaten wie Italien, die sich deshalb sehr günstig refinanzieren können.

Auf dem Treffen verabschiedeten die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde nach einer insgesamt 18 Monate langen Überprüfung ihre überarbeitete geldpolitische Strategie. In deren Zentrum steht ein neues mittelfristiges Inflationsziel von zwei Prozent. Das Ziel soll symmetrisch verstanden werden – Abweichungen nach oben oder nach unten hin sind gleichermaßen unerwünscht. Bis dahin hatte das Ziel auf knapp unter zwei Prozent gelautet. Zudem beschloss die EZB, künftig im Kampf gegen den Klimawandel eine aktivere Rolle einzunehmen.

Für viele Arbeitnehmer bedeutet die steigende Inflation einen realen Kaufkraftverlust. Die Löhne von Millionen Beschäftigten mit einem Tarifvertrag werden dem gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) zufolge 2021 erstmals seit einem Jahrzehnt langsamer steigen als die Verbraucherpreise. Unter Berücksichtigung der im ersten Halbjahr abgeschlossenen Verträge und der in den Vorjahren für 2021 vereinbarten Erhöhungen dürften die Tariflöhne um durchschnittlich 1,6 Prozent zulegen.

dab/dpa
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