Insider-Händler Rajaratnam Fordern, schimpfen, feuern

Er soll für den wohl größten Insider-Skandal an der Wall Street verantwortlich sein - und fühlt sich unschuldig. Doch beim Hedgefonds von Raj Rajaratnam tun sich Abgründe auf: Insider berichten von permanentem Druck - und der regelmäßigen Beleidigung selbst von Führungskräften.

Raj Rajaratnam: Der Milliardär fühlt sich unschuldig
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Raj Rajaratnam: Der Milliardär fühlt sich unschuldig


Hamburg - Der Skandal um die Galleon Group, der seit vergangenen Freitag die internationale Finanzwelt erschüttert, offenbart vor allem eins: die äußerst rüden Methoden an der Wall Street.

Zwar widersprach der Anwalt des Milliardärs Raj Rajaratnam laut "Wall Street Journal" den Vorwürfen, die Firma habe sich durch illegale Insider-Informationenen aus US-Konzernen Vorteile im Wert von 20 Millionen Dollar verschafft - und kündigte entsprechend an, sein Mandant werde dagegen angehen.

Und auch der Beschuldigte selbst spielte nach Informationen der Zeitung die ganze Affäre gegenüber einem Freund herunter: "Mich rufen jede Woche Tausende Leute an, die mir vermeintlich Neues erzählen." Die Informationen, die er bekommen habe, seien entsprechend nur ein Puzzleteil all der Neuigkeiten gewesen, die der New Yorker Hedgefonds sammelte, bevor er auf eine bestimmte Aktie wettete.

Doch ganz so harmlos, wie Rajaratnam den Alltag bei seiner Firma darstellt, war es dann wohl doch nicht. Denn es gehörte nicht nur zu den wichtigsten Aufgaben der Mitarbeiter, an exklusive Informationen zu gelangen - und sei der Vorteil gegenüber der Konkurrenz noch so klitzeklein. Die Galleon Group war vielmehr bekannt dafür, dass sie Gerüchten aggressiv nachging. Entsprechend stark war der Druck auf die Händler und Analysten - vor allem, wenn es darum ging, herauszubekommen, wie sich die Gewinne bestimmter Unternehmen entwickeln.

Angestellte gingen über ihre Schmerzgrenze hinaus

Die Folge des Eifers: Galleon brachte es Dokumenten zufolge pro Tag auf rund tausend Käufe und Verkäufe von Aktien und anderen Papieren. Weil der Hedgefonds damit für hohe Umsätze bei den Handelsfirmen sorgte, zeigten sich diese wiederum erkenntlich, wenn es darum ging, wer bei Börsengängen bevorzugt Aktien zugeteilt bekam.

Denn es gehörte zur Spezialität von Galleon, auf Einzelwerte zu setzen. Nach Darstellung des "Wall Street Journals" soll Hedgefondschef Rajaratnam einem Angestellten einmal gesagt haben, dass er nicht wisse, in welche Richtung sich der Gesamtmarkt entwickle, dass er aber Geld verdienen könne, wenn er einen Eindruck davon habe, welche Gewinne eine bestimmte Firma in der Zukunft erzielen werde.

Um diesen hohen Ansprüchen zu genügen, gingen die Angestellten offenbar nicht selten an die Grenzen des Legalen - und manchmal wohl auch darüber hinaus: Nachdem ein Analyst von Galleon im Jahr 2008 wiederholt unter Druck gesetzt wurde, von einem Unternehmensvertreter Konkretes über eine mögliche Akquisition zu erfahren, war er so verunsichert, dass er sogar einen Anwalt um Rat fragte, ob er damit gesetzliche Grenzen überschreite. Wirklich helfen konnte der ihm allerdings nicht.

Auch der Co-Gründer der Firma wurde attackiert

Die Händler wurden dabei so sehr angestachelt, dass diejenigen, die diesen Ansprüchen nicht genügten, zumeist beschimpft wurden - oder gleich rausflogen. Das Prinzip beschreibt ein ehemaliger Mitarbeiter so: "Habe einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz oder du wirst gegangen."

Zumeist kam der Druck allerdings nicht vom Chef selbst. Leon Shaulov, ein Händler, der schon länger dabei war, beschimpfte nach Angaben ehemaliger Mitarbeiter gerne Analysten oder Händler, die nicht genug Exklusives herausfanden. Andererseits habe Shaulov manchmal vor Freude geschrien, wenn sich eine Aktie in die richtige Richtung entwickelt habe.

Insider berichteten dem "Wall Street Journal" auch, dass eines der beliebtesten Opfer der Shaulov-Attacken Gary Rosenbach war - also ausgerechnet der Mann, der neben Rajaratnam zu den Galleon-Gründern gehörte. Ein Händler erzählte der Zeitung, dass Shoulov vor versammelter Mannschaft Rosenbach mit den Worten angeschrieben habe: "Du bist eine Krankheit, du bist ein Unglücksrabe." Rosenbach hat die Galleon Group inzwischen verlassen.

Informant forderte Geld für Neuigkeiten

Wer als Händler dagegen eine besonders interessante Neuigkeit zu bieten hatte, wurde entsprechend hin und wieder vor versammelter Mannschaft geadelt: Der Auserkorene durfte dann sogar zu einem Privatissimum in Rajaratnams Büro. "Alle haben dann geguckt und sich gefragt, was gerade los ist", heißt es in dem Bericht.

Bei allen negativen Details: Einige Mitarbeiter haben sich dem enormen Druck offenbar widersetzt. So ist in der Anklageschrift der US-Börsenaufsicht gegen die Galleon-Verdächtigen auch der Fall von Google beschrieben. Demnach soll im Jahr 2007 ein Insider der Investor-Relations-Firma Market Street Partners aus San Francisco einem Galleon-Mitarbeiter die Nachricht gesteckt haben, dass dem Internetgiganten ein Gewinnrückgang bevorstehe. In den SEC-Unterlagen heißt es weiter, dass dieser die Neuigkeit an Rajaratnam weitergab und Galleon daraufhin auf einen Rückgang der Google-Aktie wettete.

Als der Informant später jedoch Zahlungen von 100.000 bis 150.000 Dollar pro Quartal gefordert habe, um dem Hedgefonds auch in Zukunft Details über Google zu stecken, habe der Galleon-Mitarbeiter dies abgelehnt.

böl

insgesamt 477 Beiträge
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Seite 1
Hartmut Dresia, 19.10.2009
1.
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Was sollte sie denn lernen? Dass der Staat im Zweifel die Rechnungen begleicht, das konnten auch die deutschen Banken aus der Krise lernen. Und dass Politiker Geld ohne jede Gegenleistung geben. Warum ist das so? Es gibt da viele Thesen: Heiner Flassbeck: Gescheitert - Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/) Aber was sollen Banken auch von Politikern halten, wenn man sich zum Beispiel die Besetzung von Vorstandsposten bei der Bundesbank durch die Politik anschaut: Thilo Sarrazin - eine glatte Fehlbesetzung in der Bundesbank (http://www.plantor.de/2009/thilo-sarrazin-eine-glatte-fehlbesetzung-in-der-bundesbank/)
founder 19.10.2009
2. Ein Stoßdämpfer für die Börsen
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Was passiert wenn bei einem Auto die Stoßdämpfer kaputt sind? Schlechte Straßenlage, längerer Bremsweg, es wird extrem gefährlich damit zu fahren. Stoßdämpfer sind Schwingugsdämpfer. Ohne Schwingungsdämpfung schaukelt sich das Auto auf Bodenwellen zu immer größeren Schwingungen auf, bis es unkontrollierbar ins Schleudern gerät. Eine Börsentransaktionssteuer wäre ein Stoßdämpfer für die Börse.
londoneye 19.10.2009
3. Wie blöd muss man eigentlich sein?
Der Kerl hat schon 1,3 Mrd US Dollar Privatvermögen und betreibt Insiderhandel, um an weitere 20 Mio USD zu gelangen! Das ist nicht nur raffgierig, sondern auch extrem dämlich.
Ghost12 19.10.2009
4. Nicht ein paar Profiteure, sondern
Zitat von sysopErst Madoff, jetzt Rajaratnam - hat die Wall Street aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt?
Die Verantwortung der Exzesse, die momentan noch schlimmer sind als bei Beginn der Finanzkrise, trägt derjenige, der die Blasen aufbläht- das ist Ben Bernanke. Mit Unterstützung von Geithner und Obama, die ihn bei seinem Kurs unterstützen.
Sackaboner 19.10.2009
5.
Es ist schon mehr als merkwürdig, dass Leute, die eigentlich mehr als genug Kohle für ein sorgefreies Leben bis an ihr Ende haben, immer noch weiter raffen müssen. Das kann nur eine Krankheit sein, da jede Logik und Vernunft darin fehlen. Dumm, wenn man dann noch der amerikanischen, alttestamentarischen Rachejustiz in die Hände fällt.
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