Insolvente Händler Vorsicht mit der Vorkasse

Quelle steht vor dem Aus, Millionen Kunden sind verunsichert - nicht ohne Grund, wenn per Vorkasse bezahlt wurde. Denn eine Anzahlung kann bei einer Händlerpleite tatsächlich verloren gehen. Verbraucherschützer verlangen einen besseren Schutz für die Konsumenten.

REUTERS

Von Ulrike Demmer


Berlin - Eine Anschaffung fürs Leben sollte das Sofa sein. "Endlich mal ein Möbelstück, das nicht von Ikea ist", sagt Bärbel K. Für einen Zweisitzer in dunkelbraunem Kunstleder opferte die Sekretärin fast ihre gesamten Ersparnisse. 970 Euro sollte das Mobiliar mit zwei passenden Sesseln kosten, acht Wochen Lieferzeit. Die Berlinerin hat sofort bezahlt.

"Ist doch klar, dass der Händler eine Sicherheit haben will, wenn er für mich ein Sofa anfertigen lässt", hat sie sich gesagt. Außerdem habe sie geglaubt, es werde "bestimmt fixer" geliefert, wenn das Geld schon überwiesen sei.

Doch das Sofa kam nicht fixer. Es kam überhaupt nicht.

Bärbel K. trat vom Kauf zurück. Nach einem halben Jahr leitete sie das Mahnverfahren ein und ließ das Geld vom Gerichtsvollzieher eintreiben. Doch die Freude darüber sollte nicht von Dauer sein. Monate später meldete sich nun ein Insolvenzverwalter bei ihr. Er erklärte, das Geld stehe ihr nicht zu, weil der Möbelhändler inzwischen Insolvenz angemeldet habe.

K. soll jetzt den Kaufpreis für das Sofa, das sie nie bekommen hat, an den Verwalter überweisen, plus Zinsen, insgesamt 1142,74 Euro. "Erschütternd und ungerecht" findet das Bärbel K.: "Da wird man ruckzuck vom Gläubiger zum Schuldner."

So kann es in der Tat kommen. Beantragt ein Unternehmen Insolvenz, können Beträge, die in den vorangegangenen drei Monaten zum Beispiel durch Zwangsvollstreckungen eingetrieben wurden, wieder zurückgefordert werden. Die Frist soll verhindern, dass Gläubiger, die um die drohende Zahlungsunfähigkeit wissen, sich noch rechtzeitig zu Lasten anderer Gläubiger aus der fast leeren Kasse bedienen.

"Der Endverbraucher guckt in die Röhre"

Diese Regel gilt seit der Einführung des neuen Insolvenzrechts 1999. Sie soll besonders gerecht sein - indem sie Endverbraucher wie Bärbel K. mit Lieferanten und Großkunden gleichstellt. Doch in der Praxis benachteiligt die Vorschrift den Käufer im Laden, wenn von ihm Vorkasse verlangt wird. Denn einen Einblick in die wirtschaftliche Situation des Händlers hat ein Privatkunde in aller Regel nicht.

Bei den Verbraucherzentralen ist das Problem bekannt. "Der Endverbraucher guckt bei Insolvenzen immer in die Röhre", sagt Iwona Gromek. Die Juristin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen erinnert sich an eine große Beschwerdewelle im vergangenen Jahr, als die Handelskette Astroh-Küchen die Auslieferung stoppen und Insolvenz anmelden musste. 2000 Kunden hatten in bundesweit 21 Filialen Küchen bestellt und je teilweise tausende Euro angezahlt. Insgesamt 80 Millionen Euro schuldet die Handelskette den Gläubigern - ohne dass diesen auch nur eine Besenschranktür geliefert wurde.

Doch nicht nur beim Möbelkauf setzen Kunden bei einer Anzahlung ihr Geld aufs Spiel. In Gelsenkirchen verlor der Rentner Gerd F. 16.000 Euro, den vollen Preis für ein Auto, auf das er zehn Jahre lang gespart hatte. Und auch Käufer, die zum Beispiel Elektrogeräte im Internet bestellen, riskieren mitunter, dass sie weder die Ware jemals erhalten noch ihr Geld wieder sehen.

Verbraucherschützerin Gromek warnt deshalb davor, in Vorleistung zu gehen: "Kein Käufer ist gesetzlich zu Anzahlungen verpflichtet. Das Gesetz schreibt Zahlung bei Lieferung vor. Auf Anzahlungsklauseln im Kleingedruckten können sich die Händler nicht berufen, weil diese unwirksam sind. Nur wer sich im Kaufvertrag durch seine Unterschrift mit einer Anzahlung einverstanden erklärt, muss diese bezahlen."

Bärbel K. hat ihre Lektion gelernt

Insbesondere in Möbelgeschäften ist Vorkasse trotzdem eine übliche Zahlungsmodalität. "Wir fordern unsere Händler immer wieder auf, dem Kunden eine Bankbürgschaft für das angezahlte Geld anzubieten", sagt André Kunz, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels. Gängige Praxis ist das allerdings nicht.

Dabei hat sich die Absicherung der Kundengelder zum Beispiel in der Tourismusbranche rasch umsetzen lassen - weil der Gesetzgeber hart durchgegriffen hat. Als Auslöser dienten 2005 die Bilder von Tausenden Urlaubern, die notgedrungen auf Flughäfen campierten, weil ihr Reiseveranstalter Pleite gegangen war. Wer heute eine Pauschalreise anzahlt, hat einen gesetzlichen Anspruch auf einen sogenannten Sicherungsschein, mit dem das Touristikunternehmen nachweist, dass es das Geld gegen die eigene Insolvenz versichert hat.

Da der Wert einer Küchenzeile oft deutlich höher ist als der eines Mallorca-Pauschaltrips, hält Georg Bitter, Professor am Zentrum für Insolvenz und Sanierung an der Universität Mannheim, den gesetzlichen Verbraucherschutz auch bei anderen Geschäften für geboten. Er fordert: "Sobald es um Beträge in der Größenordnung eines Monatsgehalts geht, sollten wir den Verbraucher ähnlich wie bei Reisen, Spareinlagen und Arbeitszeitkonten über eine Versicherung schützen."

Bärbel K. hat ihre Lektion gelernt. Vorkasse werde es bei ihr nie wieder geben, hat sie beschlossen. Und in ihrem Wohnzimmer steht nun doch ein Sofa von Ikea.

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Seite 1
japan10 03.07.2009
1.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Da hat sich wohl Herr Seehofer weit aus dem Fenster gelehnt. Quelle, wieder ein Beispiel für Größenwahn (Arcandor).
Harald E, 03.07.2009
2.
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Schon blöd, wenn man nicht systemrelevant ist. (Danke Fr. Merkel....hassu gut gesagt....aber die Einschläge kommen näher) Oh.....und es ist noch lang...sooo lang bis zur Wahl.
bedenkenträger2 03.07.2009
3. ...
Wie gehts weiter bei Quelle? Hoffentlich ohne Staatsknete. Staatshilfe für den Handel - was für ein Unsinn! Der Handel hat doch den leichtesten Part im Kapitalismus, er muss keine Dinge herstellen, schafft keine Werte, sondern er selektiert und verhökert. Der Handel ist doch quasi der Zuhälter der Industrie. Systemirrelevanter geht doch gar nicht. Wenn es eine Branche gibt, wo man (zurecht) sagt: "Ihr müsst alleine klarkommen!" dann ist das doch der Handel! Wer im Handel nicht klarkommt, hat versagt, hat nicht flexibel auf neue Konsumgewohnheiten reagiert. Das Arbeitsplätze-Argument darf nicht überall gezogen werden, der Staat ist bereits der größte Arbeitgeber im Land. Außerdem: Der Großteil der bei Quelle erhältichen Produkte ist doch (ich übertreibe mal rethorisch) zu 90 % "Made in China"; also, erst kaufen wir dort die chinesischen Produkte, und dann subventionieren wir auch noch deren Vertriebswege?!
Querspass 03.07.2009
4. Druckerei stoppt Quelle-Katalog
Obwohl ich der Bezirksleiterin der Sammelbesteller vor 9 Jahren und wiederholt mitgeteilt habe, daß 1 Hauptkatalog reicht, kommen halbjährlich SIEBEN FÜR DIE TONNE. Allein mit der Katalogdruckerei ist kein Umsatz zu machen. Und die Onlinepräsenz klemmt dauernd, es macht manchmal keinen Spaß! Außerdem, wer garantiert, daß die Briten (Mutterkonzern) die Staatsknete nicht abziehen? Soviel mir bekannt ist, hat die Plünderung der Konten zur Insolvenz geführt.
Caiman, 03.07.2009
5. Wahrscheinlich gar nicht...
Zitat von sysopDie Quelle-Beschäftigten sind verzweifelt: Der Versandhändler wird liquidiert, die Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. Die Gewerkschaft Ver.di fordert jetzt vom Bund und vom Freistaat Bayern Finanzhilfe für den Pleitekonzern. Wie geht es weiter mit Quelle?
Wer ist eigentlich auf die grandiose Idee gekommen, mit 50 Mios einen Katalog auf Pump zu finanzieren, aus dem niemand mehr was bestellt, weil er nicht weiss, ob er überhaupt Ware erhält? Ach ja, das war der andere Horst "WER?"...
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