Internetsuche Konkurrent reicht weitere Kartellbeschwerde gegen Google ein

Ärger für Google: Die EU-Kommission prüft bereits, ob der Riese seine Marktmacht missbraucht, nun werden weitere Klagen gegen den Konzern erhoben. Das Unternehmen 1plusV wirft Google Wettbewerbsverzerrung und unlautere Praktiken vor - unterstützt von einem ehemaligen Microsoft-Cheflobbyisten.

Googles Europazentrale in Dublin: "Dubiose und diskriminierende Praktiken"?
AFP

Googles Europazentrale in Dublin: "Dubiose und diskriminierende Praktiken"?

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Brüssel - Google bekommt neuen Ärger: Nachdem bereits im vergangenen Jahr vier Klagen der Konkurrenz bei der EU-Kommission eingegangen waren, hat nun das französische Unternehmen 1plusV nachgelegt: Es wirft dem Suchmaschinengiganten vor, seine marktbeherrschende Stellung zum eigenen Vorteil zu missbrauchen. Die Franzosen fordern "Googles dubiosen und diskriminierenden Praktiken" ein Ende zu machen. Der US-Konzern habe die 1plusV-Angebote Ejustice.fr, E-Musicpro und Eguides "ökonomisch getötet".

Bereits Ende November hatte die EU-Kommission ein Prüfverfahren gegen Google eingeleitet. Europas Wettbewerbshüter untersuchen, ob der IT-Riese bei der Online-Suche Ergebnisse manipuliert und Konkurrenten benachteiligt hat.

Sollten die Wettbewerbshüter Belege für diesen Vorwurf finden, droht Google ein hohes Bußgeld. Bei Verstößen gegen das Kartellrecht kann die EU einem Unternehmen eine Geldbuße aufbrummen, die bis zu zehn Prozent seines weltweiten Jahresumsatzes beträgt. Schätzungen zufolge könnte Google im laufenden Jahr bis zu 26 Milliarden Dollar umsetzen. Einst hatte Microsoft eine Strafe in Höhe von 1,7 Milliarden Euro nach Brüssel überweisen müssen, weil es der Kommission zufolge seine Marktmacht im Browserkrieg ausgenutzt hatte.

"Immer Möglichkeiten für Verbesserung"

Google gab auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE folgende Stellungnahme zu dem Verfahren ab: "Wir werden auch weiterhin kooperativ mit der Europäischen Kommission zusammenarbeiten und die vielfältigen Aspekte unserer Aktivitäten erläutern. Sicherlich bestehen immer auch Möglichkeiten für Verbesserungen, daher setzen wir uns mit potentiellen Bedenken auseinander." Das Büro von EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia teilte auf Anfrage nur mit, man warte nun auf Googles Kommentare zu den neuen Anschuldigungen. Die Voruntersuchung zu dem Komplex sei noch im Gange. Eine Frist für den Abschluss des Verfahrens gibt es nicht.

1plusV entwickelt spezielle Suchmaschinen, darunter Ejustice.fr und Eguides.fr. Das Unternehmen wirft Google vor, die Entwicklung solch vertikaler Suchmaschinen, die sich auf bestimmte Themengebiete konzentrieren, zu blockieren. Wenn Konkurrenten das Google-Werbesystem nutzen wollten, würden sie gezwungen, ausschließlich dessen Software zu verwenden, erläuterte 1plusV. Zudem wende Google weitere unlautere Praktiken an. Beispielsweise durchsuche der Algorithmus auch solche Seiten, die eigentlich Suchmaschinen offiziell aussperrten. Web-Seiten würden zudem ohne plausible Begründung aus dem Suchindex entfernt und zuweilen Monate später wieder aufgenommen, obwohl sich an den Seiten noch an Googles Richtlinien in der Zwischenzeit etwas geändert habe.

Ex-Microsoft-Lobbyist unterstützt die Google-Gegner

Ejustice hatte sich bereits im vergangen Jahr über die Suchmaschinisten beschwert. Google hat nach Angaben von 1plusV Tausende Ejustice-Seiten aus dem eigenen Suchindex entfernt. "Für Ejustice.fr waren die Folgen für den Zugriff katastrophal und anhaltend", so das Unternehmen in einer Pressemitteilung. Bereits im September 2007 habe Google begonnen, Ejustice.fr-Unterseiten auf "Schwarze Listen" zu setzen, so dass diese nicht mehr in den Index aufgenommen würden. Innerhalb von 48 Stunden seien 16.000 Seiten aus dem Index verschwunden, erklärte der Brüsseler Lobbyist Jacques Lafitte, der 1plusV in der Sache zur Seite steht. 2010 seien dann weitere 1plusV-Angebote plötzlich aus dem Index verschwunden - nachdem das Unternehmen Beschwerde gegen Google eingelegt habe. So habe Google auch das ebenfalls zu 1plusV gehörene Angebot Eguides.fr heruntergestuft, was dazu geführt habe, dass diese Plattform einen äußerst wichtigen Kooperationspartner verloren hätte: die französische Nationalbibliothek. Die kooperiere im Web nun mit Microsoft Chart zeigen. Nachdem Brüssel seine Untersuchung aufgenommen habe, seien Eguides-Seiten dann im Dezember 2010 plötzlich wieder im Google-Index aufgetaucht.

Lafitte kennt sich in der Branche und in Brüssel aus: Er war auch schon einmal europäischer Cheflobbyist von Microsoft. Nun unterstützt er 1PlusV - eigenen Angaben zufolge unentgeltlich.

Lafitte sagte SPIEGEL ONLINE, Google versuche derzeit "1plusV als illegitimen Anbieter darzustellen". Dabei wolle der Konzern in Wahrheit lediglich kleine, spezialisierte Konkurrenten mit seiner Marktmacht zum Verschwinden bringen. "Wir sind nicht das einzige Unternehmen, das Google auf diese Weise angeht", sagt Lafitte. Zwar seien kleine Marktteilnehmer wie Ejustice.fr für sich genommen keine Konkurrenz für Google. Doch alle vertikalen, also spezialisierten Suchmaschinen gemeinsam könnten dem Konzern durchaus Marktanteile streitig machen, glaubt Lafitte. Google nutze seine Dominanz, um die eigenen vertikalen Suchangebote - Google Books, Finance, Scholar und so weiter - gegenüber der unabhängigen Konkurrenz in eine vorteilhafte Position zu bringen.

Unregelmäßigkeiten im Suchmaschinenranking

Neben Ejustice.fr haben schon vor einiger Zeit auch die Preisvergleichsportale Foundem und Ciao (Microsoft) - Beschwerde bei der EU-Kommission gegen die Geschäftspraktiken des Suchmaschinen-Riesen eingereicht.

Als Beleg für die angebliche Manipulation von Suchergebnissen schickte das britische Unternehmen Foundem umfangreiches Datenmaterial an die EU-Kommission (siehe Fotostrecke). Aus diesem gehe unter anderem hervor, dass der Konzern bei Produktanfragen die eigenen Services an prominenter Stelle unter die Suchergebnisse mische und damit Konkurrenten den Platz raube, sagte Foundem seinerzeit SPIEGEL ONLINE.

Fotostrecke

11  Bilder
Foundem-Vorwürfe: Manipuliert Google seine Suchmaschine?
Ein anderer Wettbewerber, der Online-Kartendienst MapQuest, musste den Vorwürfen zufolge Einbußen bei Seitenaufrufen hinnehmen, nachdem er in den Suchergebnissen plötzlich hinter Googles eigenem Kartendienst Google Maps auftauchte - selbst dann, wenn Nutzer nach Begriffen wie "mapquest driving directions" gesucht hätten.

Foundem wirft Google zudem vor, die Preise für sogenannte Textanzeigen zeitweise in die Höhe getrieben zu haben. Google zeigt neben Suchergebnissen Werbung in Form von Kurztexten an. Unternehmen können ihre eigene Textanzeige für die Verkoppelung mit einem bestimmten Suchwort vorschlagen und ein Mindestgebot dafür abgeben, was sie für die Verknüpfung zu zahlen bereit sind.

In den USA läuft ein ähnliches Verfahren gegen Google. Dort prüft die Generalstaatsanwaltschaft des US-Staates Texas, ob Google bestimmte Web-Seiten bei der Darstellung von Suchergebnissen benachteiligt. Zu den Beschwerdeführern zählen die Unternehmen TradeComet, myTriggers - und, wie in Europa, Foundem.

Google beherrscht den Suchmaschinenmarkt weltweit, der Konzern hat rund 85 Prozent Marktanteil bei Suchanfragen, in Deutschland und Europa sogar mehr als 90 Prozent.

ssu/dpa

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