Brief an die G20 Investoren fordern scharfen Klimaschutz beim Neustart der Wirtschaft

In der Coronakrise sind die CO2-Emissionen gesunken - doch was passiert, wenn die Wirtschaft wieder anspringt? Mehr als 400 Großinvestoren warnen davor, die Wirkung aufs Klima zu vernachlässigen.
Windrad und Kohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen

Windrad und Kohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen

Foto: Harry Laub / imagebroker / IMAGO

Hunderte Finanzkonzerne warnen die Regierungen der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) davor, nach der Coronakrise den Klimaschutz zu vernachlässigen. "Wiederaufbaupläne, die den Klimawandel verschärfen, würden Investoren und Volkswirtschaften in den kommenden Jahren wachsenden finanziellen, gesundheitlichen und sozialen Risiken aussetzen", mahnt die Initiative "The Investor Agenda" in einem Schreiben an die G20, das dem SPIEGEL vorliegt. "Die Regierungen sollten es vermeiden, riskante, kurzfristig emissionsintensive Projekte zu priorisieren."

Hinter "Investor Agenda" stehen sieben wirtschaftsnahe Klimaschutz-Organisationen. Diese vertreten die Interessen von mehr als 400 Großinvestoren, darunter die Vermögensverwaltungshäuser der Allianz, der Volks- und Raiffeisenbanken, internationaler Großbanken wie BNP Paribas oder UBS sowie die DWS, die Fondstochter der Deutschen Bank. Zusammen verwalten diese Investoren mehr als 30 Billionen Dollar. Auf dieses Kapital werden viele Staaten angewiesen sein, um ihre Konjunktur- und Sozialprogramme zu finanzieren.

"Wenn die Regierungen Anstrengungen starten, um sich von diesem Wirtschaftsabschwung zu erholen, sollten sie die Klimakrise nicht aus den Augen verlieren", heißt es in dem Schreiben. "Sie müssen die vorhersehbaren, akuten, systemischen und sich verschärfenden wirtschaftlichen und finanziellen Risiken einbeziehen." Auch sich selbst sehen die Finanzkonzerne durch eine rapide Erwärmung des Planeten bedroht. Sie gefährde ihr Ziel, langfristige Erträge für ihre eigenen Kunden zu erwirtschaften, schreiben sie.

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Sorge um die eigenen Profite

Vor allem aus Sorge um ihre eigenen Profite haben einige Großinvestoren begonnen, sich aus klimaschädlichen Investments zurückziehen und für mehr Klimaschutz einzutreten. Dabei sind sie radikaler als viele Regierungschefs. Vor dem Uno-Klimasondergipfel in New York im vergangenen September etwa verlangte "The Investor Agenda" eine baldige CO2-Bepreisung und das mittelfristige Aus für alle Kohlekraftwerke.

Hinter dem jetzigen Appell steht die Sorge vor neuen Treibhausgas-Rekorden nach dem Ende der Pandemie. Zwar werde der weltweite Kohlendioxid-Ausstoß 2020 wegen der Corona-Lockdowns stärker fallen als je zuvor, sagt die Internationale Energieagentur (IEA) voraus. Doch sobald sich die wirtschaftlichen Bedingungen wieder verbesserten, könnte es laut IEA-Chef Fatih Birol abermals einen starken Anstieg der Emissionen geben. Genau so passierte es schon einmal vor gut einem Jahrzehnt, im Zuge der Weltfinanzkrise. Damals ging der globale CO2-Ausstoß 2009 zunächst um 0,4 Milliarden Tonnen zurück - um dann aber 2010 um den Rekordwert von 1,7 Milliarden Tonnen wieder nach oben zu jagen. Es war der Beginn eines jahrelangen Anstiegs.

Um eine Wiederholung dieses Musters zu vermeiden, verlangen die Investorenvertreter von den G20 einen nachhaltigen, klimafreundlichen Wiederaufbau. "Ein beschleunigter Übergang hin zu Netto-Null-Emissionen kann neue Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum schaffen, zusammen mit anderen Vorteilen wie Energiesicherheit und sauberer Luft", heißt es in dem Schreiben. Hierfür könne privates Kapital bereitgestellt werden.

Im Pariser Klimaabkommen von 2015 hatte die Staatengemeinschaft angepeilt, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Netto-Null-Emissionen zu erreichen - das heißt, nicht mehr Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen als dieser wieder zu entziehen. Allerdings käme dieses "Net Zero" womöglich zu spät, um die Erhitzung auf ein halbwegs kontrollierbares Ausmaß zu beschränken. Die G20 haben mehr als 80 Prozent der weltweiten Emissionen zu verantworten.

"Angesichts der unverändert bestehenden Herausforderungen für Klima und Umwelt halten wir es für wichtig, dass Maßnahmen zur Wiederbelebung der Wirtschaft nach der Pandemie einen grünen Fokus haben",  sagt Roelfien Kuijpers, die bei der DWS den Bereich verantwortliche Investments leitet. Steve Waygood vom britischen Versicherungskonzern AVIVA fordert: "Die Regierungen müssen die richtigen Anreize setzen, damit das Geld an die richtigen Stellen fließt." Neue Treibhausgas-Rekorde halten nicht nur Umweltschützer für grundlegend falsch, sondern auch das Großkapital.

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