Iran-Anweisung an deutsche Firmen Scharfe Kritik an neuem US-Botschafter in Berlin

Sein Tweet kam wie ein Befehl daher: US-Botschafter Richard Grenell eckt gleich an seinem ersten Tag in Deutschland an. Der ehemalige Topdiplomat Wolfgang Ischinger hat eine klare Botschaft an ihn.
Neuer US-Botschafter Richard Grenell

Neuer US-Botschafter Richard Grenell

Foto: Bernd von Jutrczenka/ picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa

Er hatte seinen Posten als US-Botschafter in Deutschland kaum angetreten, da twitterte Richard Grenell bereits an Unternehmen im Gastland. Allerdings war es kein freundliches Hallo, sondern eine Art Anweisung: "Deutsche Firmen, die im Iran tätig sind, sollten ihre Geschäfte sofort herunterfahren", schrieb Grenell. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran verkündet.

Das forsche Auftreten des neuen Botschafters kam sowohl bei der deutschen Wirtschaft als auch bei anderen Diplomaten nicht gut an. Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, gab Grenell ebenfalls via Twitter Nachhilfe in Sachen Netiquette und Diplomatie: "Ric: mein Rat nach einer langen Botschafterkarriere: Erklären Sie die Politik Ihres eigenen Landes und machen Sie Lobbyarbeit - aber sagen Sie dem Gastland nie, was es zu tun hat, wenn Sie keinen Ärger wollen. Deutsche hören gerne zu, aber Anweisungen werden sie übelnehmen." Ischinger war von 2001 bis 2006 deutscher Botschafter in Washington.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dass der ehemalige Topdiplomat Ischinger richtig liegt, zeigte die Reaktion der deutschen Wirtschaft auf Grenells Aufforderung. "Herr Grenell ist ja erst kurz Botschafter in unserem Land und wird sich sicherlich in seine neue Rolle noch einfinden", sagte das Geschäftsführende Vorstandsmitglied der Deutsch-Iranischen Handelskammer, Michael Tockuss. "Ich bin auch sicher, dass unser Auswärtiges Amt ihn darauf hinweisen wird, dass es nicht seine Aufgabe sein kann, deutschen Firmen Anweisungen zu geben oder zu drohen."

Wolfgang Ischinger

Wolfgang Ischinger

Foto: Andreas Gebert/ picture alliance / Andreas Geber

Auch der Industrieverband BDI zeigte sich befremdet: "Für den amerikanischen Appell, dass deutsche Unternehmen ihr Geschäft im Iran sofort zurückfahren sollten, haben wir kein Verständnis", sagte BDI-Präsident Dieter Kempf. "Die deutsche Industrie kritisiert die völkerrechtswidrige extraterritoriale Anwendung von Sanktionen, wie sie den USA vorschwebt." Die EU müsse eine Lösung finden, "die europäische Unternehmen vor den Auswirkungen der unrechtmäßigen und einseitigen Anwendung von US-Sanktionen schützt", forderte Kempf.

Auch SPD-Chefin Andrea Nahles kritisierte den neuen US-Botschafter. Es sei zwar nicht ihre Aufgabe, Diplomatie zu lehren, sagte Nahles. "Aber ein bisschen Nachhilfe scheint er zu gebrauchen."

Der Grünen-Politiker Omid Nouripour zeigte sich über Grenells Tweet empört. Es sei nicht akzeptabel, dass man die deutsche Wirtschaft bedrohe, sagt Nouripour im Deutschlandfunk.

Fotostrecke

Airbus, Siemens, Total: Diese Iran-Geschäfte stehen jetzt auf der Kippe

Foto: Vahid Salemi/ AP

Der Handelskammer zufolge sind derzeit etwa 120 deutsche Firmen mit eigenem Personal im Iran tätig. Etwa 10.000 deutsche Unternehmen treiben demnach Handel mit dem Iran, der größte Teil davon mit eigenen Vertretern. "Zu iranischen Firmen mit deutscher Beteiligung liegen uns keine genauen Zahlen vor, da diese nirgendwo erfasst werden", teilte die Kammer mit.

mmq/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.