Islamische Finanzprodukte Großbritannien buhlt um das Geld der Scheichs

Die Londoner City hat einen neuen Wachstumsmarkt entdeckt: Finanzprodukte nach den Gesetzen der Scharia. Auf dem islamischen Weltwirtschaftsforum wirbt Premier Cameron aggressiv um ausländische Investoren. Es geht um Hunderte Milliarden Pfund.

Britischer Premier Cameron mit malaysischem Pendant Razak: Zinsen verboten
AFP

Britischer Premier Cameron mit malaysischem Pendant Razak: Zinsen verboten


Die neuesten Rivalen von London heißen Dubai und Kuala Lumpur. London wolle neben den beiden Marktführern zur dritten "Hauptstadt der Islamfinanz" in der Welt werden, sagte der britische Premierminister David Cameron am Dienstag. Der konservative Politiker sprach zur Eröffnung des islamischen Weltwirtschaftsforums in London.

Das dreitägige Spitzentreffen, in Anlehnung an das Schweizer Vorbild "islamisches Davos" genannt, findet diese Woche zum ersten Mal im Westen statt. Regierungschefs und Unternehmenslenker aus Asien und Nahost tummeln sich im Excel-Tagungszentrum an der Themse und werden von britischen Ministern und Staatssekretären umworben.

Cameron, sichtlich stolz auf Londons führende Rolle in dem Wachstumsmarkt, kündigte zwei neue Initiativen an, um die Islamfinanz in der City zu fördern:

1. Als erstes westliches Land wird Großbritannien im kommenden Jahr eine islamische Staatsanleihe, genannt Sukuk, in Höhe von 200 Millionen Pfund ausgeben. Die Summe ist eher symbolisch, doch sollen Unternehmen zur Nachahmung ermutigt werden und selbst Sukuks ausgeben.

2. Die Londoner Börse will einen neuen Islam-Index einführen. Er enthält Aktien von Firmen, deren Geschäftszweck und -praktiken kompatibel mit Scharia-Recht sind. Unter anderem dürfen ihre Schulden einen bestimmten Anteil am Gesamtvermögen nicht überschreiten. Ausgeschlossen sind auch alle Unternehmen, die mit Alkohol, Tabak oder Pornografie ihr Geld verdienen.

Anlagevolumen von 1,3 Billionen Pfund

Die Ankündigungen sind Teil einer staatlichen Offensive, um ausländisches Geld nach Großbritannien zu locken. Kürzlich hatte Finanzminister George Osborne bereits in China um Investoren geworben und Zusagen für den Bau von neuen Atomkraftwerken eingeholt. Nun sollen die frommen Ölscheichs des Mittleren Ostens geködert werden.

"Wenn die Islamfinanz um 50 Prozent schneller wächst als der traditionelle Bankensektor und die islamischen Investitionen 2014 auf 1,3 Billionen Pfund weltweit ansteigen, dann wollen wir sicherstellen, dass ein großer Teil davon hier in Großbritannien investiert wird", sagte Cameron.

Investoren aus den Golfstaaten sind in London bereits bei vielen Großprojekten engagiert: Sie finanzieren Fußballstadien (Arsenal), Wolkenkratzer (Shard), Häfen, Offshore-Windparks und die Regeneration ganzer Stadtviertel (Battersea-Kraftwerk). Häufig bestehen sie auf schariakompatibler Finanzierung - wie etwa beim Kauf der britischen Luxus-Automarke Aston Martin.

Die Islamfinanz wird häufig als "ethisch" bezeichnet, weil sie nicht nur auf Profitmaximierung setzt, sondern den Geboten des islamischen Rechts folgt. Zinsen und der Handel mit virtuellen Werten sind verboten, exzessive Schulden und Spekulation tabu. Bei sämtlichen Transaktionen müssen greifbare Werte wie Immobilien, Edelmetalle oder sonstige Waren den Besitzer wechseln. Der Kunde kann dann als Gewinn eine reale Wertsteigerung verbuchen - statt der verbotenen Zinsen. Das macht das Geschäft zwar komplizierter, aber auch weniger riskant.

Strukturelle Probleme der Islamfinanz

Die britische Regierung bemüht sich seit über zehn Jahren, die alternative Finanzbranche in London zu etablieren. Steuergesetze wurden geändert, um die Scharia-Geschäfte zu ermöglichen. Eine Handvoll Islambanken haben sich angesiedelt, auch Großbanken haben entsprechende Abteilungen eingerichtet. Zuletzt hatte das Engagement jedoch nachgelassen: HSBC, Marktführer im globalen Sukuk-Geschäft, hatte vergangenes Jahr die Filiale in Großbritannien wegen schwacher Umsätze geschlossen.

Das Wachstum der Branche findet vor allem in Malaysia und den Golfstaaten statt. Doch haben die Islambanker noch keine Lösung für ihre strukturellen Probleme gefunden:

1. Weil reale Werte den Besitzer wechseln, sind die Transaktionskosten höher als bei virtuellen Geschäften. Das drückt Umsätze und Gewinne.

2. Es gibt keine einheitlichen Standards. Es variiert je nach Land und Scharia-Experte, welche Finanzprodukte islamkompatibel sind und welche nicht. Das hindere das Wachstum der Branche, sagte der Premierminister von Malaysia in London.

Daran wird auch die Sukuk-Anleihe der britischen Regierung nichts ändern. Sie wurde auf dem Forum als richtiger Schritt begrüßt. Doch bezweifelten Teilnehmer einen nachhaltigen Effekt. 200 Millionen Pfund seien eine eher symbolische Summe, sagte Nadjihah Tun Dzaiddin, Chief Investment Officer für islamische Anlagen beim malaysischen Marktführer Maybank. Um zu einem echten Player in der Islamfinanz zu werden, müsse ein Land den Anlegern handfeste Vorteile bieten. Malaysia etwa habe die Kapitalertragsteuer für islamische Anleihen abgeschafft. Der britische Sukuk hingegen sei nur ein "Gimmick".



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