Vorstoß der Briten London will Umschlagplatz für islamische Finanzprodukte werden

Großbritannien lockt islamische Investoren: Finanzminister George Osborne kündigt in der "Financial Times" an, erstmals eine Staatsanleihe nach Scharia-Recht ausgeben zu wollen. Anlagen dieser Art sind ein riesiger Wachstumssektor, ihr Volumen auf den Märkten wird auf mehr als eine Billion Dollar geschätzt.

Britischer Finanzminister Osborne: "Mit offenen Armen empfangen"
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Britischer Finanzminister Osborne: "Mit offenen Armen empfangen"


London - Die britische Regierung sucht neue Wege, ihre Finanzindustrie zu stärken: Finanzminister George Osborne schreibt in einem Gastbeitrag für die "Financial Times" ("FT") , Großbritannien wolle London zum westlichen Zentrum für diese Anlagen machen. Die Regierung plane eine Anleihe über 200 Millionen Pfund, so Osborne. Regierungschef David Cameron werde den Plan am Dienstag beim World Islamic Economic Forum in London offiziell vorstellen.

Anlagen nach islamischem Recht gelten als einer der wichtigsten Wachstumssektoren auf den Finanzmärkten. Ihr Volumen wird auf mehr als eine Billion Dollar geschätzt. Bis 2015 soll sich der Markt Schätzungen zufolge verdoppeln.

Konkret geht es bei dem britischen Vorstoß um islamische Anleihen, sogenannte Sukuk. Weil Zinsen nach islamischem Recht verboten sind, liegen diesen Wertpapieren reale Sachwerte zugrunde, an deren Entwicklung die Anleger partizipieren. Im Fall der britischen Regierung könnten dies der "FT" zufolge laufende Einnahmen aus staatlichem Immobilienvermögen sein. Die Anleihe dürfte aber vor allem ein symbolischer Akt sein, um muslimische Investoren anzulocken.

Der Unterschied von Sukuk zu konventionellen Anleihen liegt vor allem darin, dass die Produkte dem islamischen Recht der Scharia entsprechen müssen. Das bedeutet:

  • Die Geschäfte müssen mit islamischen Werten übereinstimmen. So sind Investitionen in Firmen untersagt, die mit der Erzeugung von Schweinefleisch zu tun haben. Auch Anlagen in Waffen- und Alkoholproduzenten sind verboten, gleiches gilt für die Erotikindustrie und Teile der Unterhaltungsbranche.
  • Zinsen gelten als Wucher und sind verboten. Alle Vertragsklauseln müssen transparent sein, unfaire Strafklauseln etwa sind untersagt.
  • Aus Geld darf kein Mehrwert entstehen. Gewinne aus Glücksspiel und Spekulationen gelten als unmoralisch.

Reinhard Berben von Franklin Templeton Investment Services beschrieb den Unterschied zu konventionellen Anleihen in der "Börsen-Zeitung" so: "Während eine herkömmliche Anleihe ein Versprechen zur Rückzahlung eines Darlehens verkörpert, stellen Sukuk einen Miteigentumsanteil an Forderungen, Mietverträgen, Projekten, einem Unternehmen oder einer Partnerschaft oder einer Investition dar." Kurz gesagt: "Sukuk stehen für Eigentum an Sachwerten, während die Inhaber konventioneller Anleihen Schuldtitel besitzen", so Berben.

Für die britische Regierung geht es indes vor allem darum, die heimische Finanzindustrie zu stärken. "Während sich andere in der westlichen Welt gegen den Wandel wehren, umarmen wir ihn", schreibt der Finanzminister Osborne in der "FT". "Wir rühren die Trommel für britische Unternehmen, erforschen neue Märkte und begrüßen Investoren aus dem Ausland mit offenen Armen."

cte

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