Fotostrecke

Gründerliebling: "Kibbuz-Atmosphäre in Berlin"

Foto: Fabrizio Bensch/ REUTERS

Israelische Start-up-Gründer Lieber Berlin als Tel Aviv

Berlin holt auf: Die deutsche Hauptstadt entwickelt sich zur Gründerhochburg und könnte dem dynamischen Tel Aviv den Rang ablaufen. Auch immer mehr israelische Start-ups ziehen dorthin und gehen auf Kundenfang.

Berlin - Der Israeli Amir Harel führt seit 2012 das Unternehmen Talking Layers , eine Vermarktungsfirma für Online-Werbung. Seine Kunden sind Israelis, die Firma ist in Israel registriert und auch das Kapital stammt aus Tel Aviv - doch Sitz der Firma ist Berlin.

Israel ist weltweit für seine Gründerkultur bekannt. Das eingesetzte Risikokapital pro Kopf, auch Venture Capital genannt, ist in Israel höher als in jedem anderen Land. Mehr als 4000 Start-ups gibt es in Israel - das Land hat damit die höchste Dichte an Neugründungen weltweit. Im internationalen Vergleich der besten Gründerstandorte des Genome-Projekts  rangiert die israelische Großstadt Tel Aviv auf Platz zwei hinter dem Silicon Valley.

Nun aber zieht es immer mehr israelische Jungunternehmer nach Berlin, beobachten Szenekenner. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP halten sich momentan in Berlin mehr als 17.000 zumeist junge Israelis auf. In Zukunft dürften es sogar mehr werden: So sollen israelischen Zeitungen zufolge, Israelis und Deutsche künftig bis zu sechs Monate lang im jeweils anderen Land ohne bürokratischen Aufwand arbeiten können. Touristen könnten problemlos ein Arbeitsvisum beantragen. Die Vereinbarung soll am heutigen Dienstag beim fünften deutsch-israelischen Regierungstreffen unterzeichnet werden.

Jüdisch-israelische Szene entsteht in Berlin

Aber was genau lockt ausgerechnet israelische Jungunternehmer in die Hauptstadt? Vornehmlich erwarten sie dort eine größere Nachfrage für ihre Produkte. "Inzwischen ist in Berlin unter den israelischen Jungunternehmern eine Art Kibbuz-Atmosphäre entstanden", sagt Talking-Layers-Chef Harel romantisierend. Der Kibbuz ist in Israel eine ländliche Siedlung, in denen Menschen zusammen arbeiten und ihr Einkommen miteinander teilen. In Berlin gehe es ähnlich unter Geschäftsleuten zu.

Auch bei der Beratergesellschaft McKinsey hat man den Trend ausgemacht. "Auch immer mehr Israelis ziehen nach Berlin, um hier zu studieren oder zu arbeiten. Berlin und besonders Tel Aviv haben eine ähnlich trendige Kultur. Das stärkt die jüdisch-israelische Szene und Community in Berlin", sagt Christian Malorny, Direktor des Berliner McKinsey-Büros. Die deutsche Metropole habe an Attraktivität im Ausland gewonnen.

Laut einer Studie  der Beratungsfirma soll Berlin in den nächsten fünf Jahren der beste Standort für Gründer in Europa werden. Momentan belegt die Stadt demnach Platz fünf der europäischen Top-Standorte für Start-ups. Tel Aviv, London, Paris und Moskau liegen aktuell noch vor Berlin. Gerade in der britischen Hauptstadt wächst die Anzahl der Start-ups rasant. Doch Berlin könne die führende Gründermetropole in Europa werden. Bis 2020 soll es der Studie zufolge möglich sein, dass durch Neugründungen von Unternehmen 100.000 neue Jobs entstehen - 40.000 in den Start-ups selbst und 60.000 weitere durch den Multiplikatoreneffekt, da jeder neue Arbeitsplatz wiederum Nachfrage für weitere Beschäftigte schafft.

Gründerstandorte: In diesen Städten wurden in den Jahren 2012 und 2013 die meisten Tech-Start-ups gegründet.

Gründerstandorte: In diesen Städten wurden in den Jahren 2012 und 2013 die meisten Tech-Start-ups gegründet.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Doch dafür müsse der Standort Berlin eine große Schwäche beheben, urteilt McKinsey. In Berlin würden wachsende Start-ups schlecht finanziert. So wurde in Berlin 184,3 Millionen Euro Risikokapital investiert, während es im Silicon Valley 11,2 Milliarden Euro waren. "Doch es kommt Bewegung in den Gründerstandort Berlin. Es kommen vermehrt ausländische Investoren nach Berlin", sagt McKinsey-Direktor Malorny.

In Berlin fehlt Risikokapital

Auch der 31-jährige Asaf Moses ist Israeli und nach Berlin gezogen. Im Jahr 2010 hat er mit seinem deutschen Partner Sebastian Schulze Upcload  gegründet. Die Technologie des Unternehmens erfasst die Körpermaße einer Person mit einer Webcam und empfiehlt den Benutzern Kleidergrößen, damit sie in Onlineshops passend kaufen können. So will Upcload die Rücksendequoten in Onlineshops reduzieren. Zu den Kunden gehört zum Beispiel der Internet-Modehändler Zalando. Auch Moses sieht Berlin noch in der Wachstumsphase: "Die Venture-Capital-Fonds müssen in Berlin noch ausgebaut werden", sagt Moses.

Doch Berlin bietet einen größeren Markt als Tel Aviv. Denn durch die Unruhen im Nahost-Konflikt sei Israel oft isoliert. "In Tel Aviv können wir oft nicht mit Kunden außerhalb Israels sprechen, auch wenn unsere Regierung Friedensverträge unterzeichnet", sagt Daniel Paz, der das Start-up Capsuling.Me mitgegründet hat - eine mobile App, die Smartphone-Nutzern standortspezifische Neuigkeiten aufbereitet.

Israelis profitieren in Berlin von ihrem Ruf. "Die Deutschen wissen den Unternehmergeist, die Kreativität und Chuzpe der Israelis zu schätzen", sagt Shani Leiderman, Geschäftspartnerin von Capsuling.Me-Gründer Paz. Unter Chuzpe verstehe man so etwas wie intelligente Unverschämtheit und charmante Penetranz. Für sie sind diese Vorurteile, die viele Deutsche haben, ein Kompliment. "Israelis haben Ideen und die Deutschen haben Organisationsfähigkeiten", sagt Paz. Berlin und Tel Aviv seien für ihn als Standorte keine Konkurrenten - sondern Partner.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.