Rätsel um chinesischen Multimilliardär Wo ist Jack Ma?

Chinas Vorzeigeunternehmer ist in Ungnade gefallen. Der Mega-Börsengang seines Fintechs Ant: abgeblasen. Ma selbst: aus der Öffentlichkeit verschwunden. Was steckt hinter der spektakulären Breitseite der Kommunistischen Partei?
Von Georg Fahrion und Stefan Schultz, Peking und Hamburg
Unternehmer Jack Ma

Unternehmer Jack Ma

Foto: PHILIPPE LOPEZ / AFP

Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt, bevor er verschwindet, ist Chinas reichster Mann ganz in seinem Element. Im eleganten dunkelblauen Maßanzug, die seidig schimmernde Krawatte akkurat gebunden, steht Jack Ma Ende Oktober in Shanghai auf der Bühne des Bund Summit – und bläst der auf dem Finanzforum versammelten Wirtschaftselite Chinas den Marsch.

56 Jahre alt und rund 40 Milliarden Dollar schwer ist der Gründer des Internetgiganten Alibaba damals: ein chinesischer Jeff Bezos. Erst drei Tage zuvor hat Chinas höchste Regulierungsbehörde den Börsengang des von ihm kontrollierten Online-Finanzdienstleisters Ant bewilligt; mit einem Volumen von 37 Milliarden Dollar soll er der größte der Wirtschaftsgeschichte werden. Doch Ma hadert mit dem Umfeld, in dem Ant operiert.

Seine Gedanken seien vielleicht noch nicht ganz zu Ende gedacht, man dürfe ihn ruhig dafür auslachen, stapelt Ma zunächst tief – um dann umso härter loszufeuern. Chinas Regulierer, lässt er durchblicken, verstünden das Internet nicht. Die chinesische Finanzmarktkontrolle sei innovationsfeindlich und neuen Technologien nicht angemessen: »Wir können einen Flughafen nicht wie einen Bahnhof managen«, sagt er. Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht sei »ein Klub alter Männer«. Chinas Finanzwelt habe »die Mentalität eines Pfandleihhauses«.

Anhören müssen sich das im Publikum der aktuelle sowie ein früherer Zentralbankchef – und Wang Qishan, der nach einer langen Karriere als Banker und Finanzpolitiker heute nicht nur Vizepräsident der Volksrepublik ist, sondern auch einer der engsten Vertrauten des Führers Xi Jinping. Solche Autoritäten in aller Öffentlichkeit anzugehen, muss man sich in China erst mal trauen.

Wenige Tage darauf wird Ma von gleich vier Regulierungsbehörden zum Gespräch einbestellt: Sie wollen die Regeln für Mikrokreditgeber wie Ant verschärfen. Tags darauf bläst die Shanghaier Börse den Ant-Börsengang ab, der zweite geplante Emissionsort Hongkong folgt kurz darauf. Eine Woche später veröffentlicht die Regierung einen Gesetzentwurf, der die Monopolstellung von Plattformen wie Alibaba beschneiden soll.

Jack Ma ist seither wie vom Erdboden verschluckt.

Es ist atemberaubend, wie der chinesische Staat sich den wohl prominentesten Unternehmer des Landes und sein Lebenswerk zur Brust nimmt. Sein Fall berührt einen in China immer wieder neu ausgefochtenen Grundsatzkonflikt: Die chinesische Privatwirtschaft soll Arbeitsplätze schaffen, Innovationen hervorbringen, Wohlstand und Ansehen des Landes mehren – dabei aber keinesfalls so ambitioniert und selbstbewusst werden, dass sie alternative Machtzentren mit eigenem Gestaltungsanspruch bildet. Denn das ist das Primat der Kommunistischen Partei. Die grundsätzliche Frage lautet also: Wie viel Freiheit gewährt Xis China seinen Unternehmen, und wie viel dürfen sie sich nehmen?

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