Jade-Weser-Port Die Hafenwette auf die Zukunft

In Wilhelmshaven geht Deutschlands einziger Tiefwasserhafen in Betrieb. Nach viereinhalb Jahren Bauzeit und jeder Menge Pannen haben jetzt auch die größten Containerschiffe der Welt einen Anlaufpunkt in Deutschland.

dapd

Wilhelmshaven - Wenn sich zur Eröffnung die Regierungschefs von Niedersachsen und Bremen, David McAllister (CDU) und Jens Böhrnsen (SPD) in Wilhelmshaven einfinden und sogar Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler direkt von seinem Asientrip in die niedersächsische Küstenstadt reist, ist der Jade-Weser-Port in Wahrheit schon von "Anna Schulte" eingeweiht worden. Der 211 Meter lange Frachter hat schon Ende Juli 150 Container von der Jademündung nach Mittelamerika gebracht.

16 Jahre wurde geplant, in viereinhalb Jahren Bauzeit 46 Millionen Kubikmeter Sand und eine Milliarde Euro bewegt, um ein Stück Schlick, Strand und Deich in einen hochmodernen Hafen zu verwandeln. Glatt lief in dieser Zeit kaum etwas: Pannen, Terminverschiebungen, politische Streitereien und juristische Auseinandersetzungen begleiteten das Prestigeprojekt.

Nachdem die Bauträger ihre Streitigkeiten vor Gericht geklärt hatten, und der ursprüngliche Eröffnungstermin im November 2011 auf August 2012 verlegt worden war, sorgten nochmals Baumängel für Ärger und Spott: Die Kaiwände konnten dem Salzwasser und dem Druck nicht widerstehen. Auf 1000 von 1725 Metern mussten die Baufirmen Risse abdichten und die Eröffnung erneut verschieben.

Ein Milliardenprojekt als Rotterdam-Rivale

Die Bundesländer Niedersachsen und Bremen haben 650 Millionen Euro in einen Tiefwasserhafen investiert, den die größten Containerschiffe der Welt unabhängig von Ebbe und Flut anlaufen können. Die Bremer Hafengesellschaft Eurogate steuerte weitere 350 Millionen Euro für die Anlagen bei - das europaweit tätige Containerumschlagunternehmen wird als Betreiber Schiffe mit einem Tiefgang von bis zu 16,50 Metern abfertigen. Die Häfen in Bremerhaven und Hamburg sind trotz mehrfachen Ausbaggerns der Unterelbe und der Außenweser nur für einen Tiefgang von 12,80 Meter ausgelegt. Eurogate wird aber auch weiterhin Terminals in Hamburg und Bremerhaven unterhalten.

Hamburg wollte sich ursprünglich an dem Großprojekt in Wilhelmshaven beteiligen, zog sich 2002 aber zurück - die Hansestadt fürchtete, der Tiefwasserhafen könnte sich zu einem Konkurrenten entwickeln. Die Zahlen bestätigen das allerdings nicht: Im ersten Jahr will Eurogate 640.000 Standardcontainer (TEU) in Wilhelmshaven bewegen, 2013 soll der Umschlag auf 2,7 Millionen TEU steigen. Zum Vergleich: In Hamburg wurden im vergangenen Jahr neun Millionen Container umgeschlagen, in Bremerhaven waren es knapp sechs Millionen.

Zudem bleibt noch der Landtransport ungelöst: Die 8300 Container, die künftig täglich in Wilhelmshaven anlanden sollen, müssen von dort auch wieder weggeschafft werden. Zwar soll der weitaus größte Teil auf kleinere, sogenannte Feeder-Schiffe verladen und über den Wasserweg vor allem in die Ostsee-Anrainerstaaten transportiert werden. Für den Rest muss aber das Schienennetz ausgebaut werden, das erst frühestens Ende des Jahres fertig sein soll. Bisher führt nur eine Bimmelbahn ohne Oberleitung nach Wilhelmshaven.

Gigantische Wette auf die Zukunft

Ob Bremen und Niedersachsen ihre gigantische Wette auf die maritime Zukunft gewinnen ist unklar: Zwar ist die weltgrößte Reederei Maersk der erste Kunde des Jade-Weser-Ports, bisher allerdings auch der einzige. Die dänische Reederei hält zudem über eine Schwestergesellschaft 30 Prozent der Anteile an der Hafenbetriebsgesellschaft. Maersk hat zugesagt, dass künftig pro Woche je ein Schiff der Mittelamerika- sowie der Asien-Route den neuen Hafen ansteuern werden. Weitere Schifffahrtslinien haben sich bislang nicht in den Jade-Weser-Port verirrt.

Der zweite Haken: Ursprünglich war der Jade-Weser-Port angesichts jahrelang steigender Umschlagszahlen dafür gedacht, überschüssige Kapazitäten aufzufangen, die in Hamburg oder auch in Bremerhaven ohnehin nicht bewältigt werden könnten. Doch seit Beginn der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich das Welthandels- und Containerumschlagswachstum abgeschwächt. Die noch vor ein paar Jahren verbreiteten, äußerst optimistischen Prognosen gelten heute als Makulatur.

Kritik von Umweltschützern

Kritik gibt es vor allem von Naturschützern, denn obwohl Deutschland mit dem Jade-Weser-Port jetzt einen Tiefwasserhafen besitzt, werden Elbe und Weser weiter ausgebaggert - mit schweren Folgen für Tiere und Pflanzen. Die Umweltorganisation WWF fordert seit Jahren ein gesamtdeutsches Hafenkonzept - auf das sich die Küstenländer Bremen, Niedersachsen und Hamburg nicht einigen konnten, weil die Häfen in diesen Ländern vor allem untereinander konkurrieren.

Vizekanzler Rösler und die übrigen Eröffnungsgäste werden in jedem Fall einen guten Grund vor Augen haben, warum Deutschland einen Tiefseehafen braucht: Den Unglücksfrachter "MSC Flaminia". Das Schiff mit Gefahrgutcontainern und giftigem Löschwasser war nach einem Brand im Atlantik zur Reinigung nach Wilhelmshaven geschleppt worden. Kein anderer deutscher Hafen wäre tief genug gewesen.

nck/dpa



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
kulupp 21.09.2012
1. Hätten wir keinen Tiefseehafen
wäre auch kein havariertes Schiff vom Atlantik hierher geschleppt worden.
Herzbubi 21.09.2012
2. der Hafen Hamburg
spielt bald keine wichtige Rolle mehr. Dann entwickelt sich eben auch die Stadt wieder zu dem was sie ist: Provinz
supersmith 21.09.2012
3. Ein Hoch
dem deutschen Qualitätsjournalismus. Drei Zeilen wertneutrale Fakten und der Rest des Artikels schreibt den Hafen schlecht. Danke, dass ihr mir die Laune so verbessert. Gibts dazu nicht noch ein paar politische Skandale und ein Feldwiesenmaushamsterotter der deswegen noch stärker gefährdet ist, als es die Arktis jemals sein wird?
stanislaus2 21.09.2012
4. Das ist wieder einmal Planung á la Deutschland
"Für den Rest muss aber das Schienennetz ausgebaut werden, das erst frühestens Ende des Jahres fertig sein soll. Bisher führt nur eine Bimmelbahn ohne Oberleitung nach Wilhelmshaven." Die bauen allen Ernstes einen Containerhafen und wissen nicht, wie sie die Container abtransportieren können. Das geht nun auf die Strasse und ab in den Stau. Den Flughafen Hahn haben Beamte und Politiker genauso fehlerhaft geplant. Ebenso das Milliardengrab BER. Und so einige Soda-Brücken. Die nur so da stehen, ohne Strassenanschluss.
prince62 21.09.2012
5. Mal ein bißchen sparen.
Zitat von Herzbubispielt bald keine wichtige Rolle mehr. Dann entwickelt sich eben auch die Stadt wieder zu dem was sie ist: Provinz
Zumindest hat sich damit wohl das ökologisch und ökonomisch schwachsinnige ständige Ausbaggern erledigt, zumindest die dauernden Vertiefungen, immer alles auf des Steuerzahlers Rechnung.
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