Berliner Flughafen BER Mehdorn schockiert mit schlechten Zahlen

Dem neuen Berliner Flughafenchef Hartmut Mehdorn macht sein Job unerwartet stark zu schaffen. Nun veröffentlicht er auch noch katastrophale Geschäftszahlen für 2012 - doch ausgerechnet die könnten ihm helfen.

Hartmut Mehdorn: Sympathien intern zum größten Teil verspielt
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Hartmut Mehdorn: Sympathien intern zum größten Teil verspielt

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Hohe Kosten für die Versorgung der Baustelle, Investitionen für den alten Flughafen Tegel, fehlende Einkünfte von Mietern: Die gescheiterte Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens hat ein tiefes Loch in die Kasse der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg gerissen. Auf rund 185 Millionen Euro addierten sich die roten Zahlen für das Jahr 2012, wie Flughafenchef Hartmut Mehdorn am Donnerstag in Berlin erklärte. 2011 hatte sich das Minus auf 74 Millionen Euro belaufen.

Die Verluste wären noch viel größer ausgefallen, wenn nicht die Zahl der Passagiere so stark gewachsen wäre. Mehr als 25,3 Millionen Fluggäste drängelten sich im vergangenen Jahr an den Sicherheitsschleusen von Tegel und Alt-Schönefeld vorbei - und gingen lieber gleich zum Flugzeug als in einen der wenigen geöffneten Läden. So wirken die Geschäftszahlen, die Mehdorn am Donnerstag gemeinsam mit Finanz-Geschäftsführerin Heike Folster vorstellte, wie ein dringender Appell, den neuen Hauptstadtflughafen in Betrieb zu nehmen - so schnell wie möglich.

Es ist der erste Kassensturz der neuen BER-Geschäftsführung nach dem größten denkbaren unternehmerischen Unfall. Der Termin kommt praktisch einem Gedenktag gleich: Denn vor einem Jahr, genaugenommen am 3. Juni 2012, hätte in dem neuen Terminal die größte Einweihungsparty des Jahres stattfinden sollen. Doch kurz davor musste die Sause überraschend abgeblasen werden. Die Techniker hatte die Probleme mit der Brandschutzanlage nicht in den Griff bekommen - und Tausende andere kleinere Schwierigkeiten auch nicht.

Schlechte Bilanz hält Mehdorn den Rücken frei

Wer für das Desaster verantwortlich ist, soll jetzt geklärt werden. Aufsichtsratschef Matthias Platzeck (SPD) hatte am Mittwoch den fristlosen Rausschmiss von Ex-Flughafenchef Rainer Schwarz und Technik-Geschäftsführer Manfred Körtgen angekündigt und will nun auch Schadensersatzansprüche prüfen lassen.

Zu holen wäre wohl bei beiden etwas: Laut Geschäftsbericht 2012 erhielt Körtgen nach seinem Rauswurf eine Abfindung von 193.000 Euro. Insgesamt kam er im vergangenen Jahr auf 351.000 Euro. Flughafenchef Schwarz konnte sogar 569.000 Euro einstecken.

Die klare Aufteilung in Gut und Böse macht die Sache für Mehdorn einfach. Er selbst kann die katastrophale Bilanz präsentieren, ohne dass auch nur ein Schatten auf ihn fällt. Und die schlechten Zahlen machen es für ihn leichter, das aktuelle und das nächste Geschäftsjahr in milderes Licht zu tauchen.

Die reinen Finanzdaten interessieren Mehdorn angesichts der aktuellen Lage nur am Rande, das merkt man schnell. Anders als in seiner Zeit als Chef der Deutschen Bahn hat er auf besondere Maßnahmen verzichtet, um die Gewinn- und Verlustrechnung kreativ auszulegen. Auffällige Posten - Abschreibungen in übertriebener Höher etwa oder außergewöhnliche betriebliche Aufwendungen - sind nicht zu finden.

Wahrscheinlich werden die Geschäftszahlen erst wieder in den Mittelpunkt rücken, wenn Mehdorn das größte Problem gelöst hat: Die Fertigstellung des neuen Hauptstadtflughafens. Diese Aufgabe aber scheint dem energiegeladenen Manager zurzeit wesentlich mehr Schwierigkeiten zu bereiten, als er ursprünglich gedacht hat. Denn nach wie vor geht praktisch nichts voran auf der riesigen Baustelle im Süden Berlins. Ein Zustand, den der 70-Jährige selbst Anfang Juni vor dem Berliner Abgeordnetenhaus beinahe larmoyant beklagt hatte. Wahrscheinlich soll erst im September ein neuer Termin für die bereits mehrmals verschobene Eröffnung feststehen.

Viele Sympathien verspielt

Derweil läuft Mehrdorn Gefahr, Opfer seiner eigenen Ungeduld zu werden. Beinahe im Wochenrhythmus rüttelt er die Öffentlichkeit mit neuen Ideen auf. So dachte er schon kurz nach Arbeitsbeginn im März laut über den Weiterbetrieb von Tegel nach, kritisierte die Tabus beim Thema Nachtflugzeiten, wehrte sich offen gegen übertriebene Zugeständnisse beim Lärmschutz und brachte die Eröffnung des neuen Flughafens in Etappen ins Gespräch. Die Flughafengegner gingen auf die Barrikaden, die Aufsichtsräte aus Berlin und Brandenburg in Deckung. Noch billigen die Berliner das hemdsärmelige Vorgehen, doch es ist durchaus möglich, dass die Stimmung umschlägt, wenn den Worten nicht bald Taten folgen.

Intern dagegen hat Mehdorn die Sympathien zum großen Teil bereits verspielt. Denn mit seiner forschen Gangart hat er viele seiner Mitarbeiter regelrecht verprellt. Im Team, das das neue Beschleunigungsprogramm namens Sprint vorantreiben soll, sehnen sich einige nach dem glücklosen Vorgänger Schwarz zurück.

Zum größten Widersacher hat sich Technikchef Horst Amann entwickelt, dem Mehdorn mehr oder weniger offen Unfähigkeit bescheinigt. Amann führe sich auf wie ein Buchhalter, der erst einmal alle Mängel am BER sauber auflisten wolle, bevor er handele, lästerte Mehdorn bei der Anhörung. Wenn er könnte wie er wollte, wäre Amann wohl eher heute als morgen seinen Job los.

Doch Amann hat nicht wenige Verbündete unter den Mitarbeitern, die seine Sorgfalt und den gemäßigten Ton schätzen. Und er genießt den Rückhalt der Anteilseigner. Zum ersten Showdown kam es Anfang Juni, als Gerüchte laut wurden, Mehdorn wolle Amann kündigen. Nach intensiven Gesprächen mit seinen Amtskollegen pfiff Aufsichtsratschef Matthias Platzeck den Flughafengeschäftsführer zurück. Für eine Amtsführung nach Gutsherrenart sei der Aufsichtsrat nicht zu haben, sagte ein Mitglied des Gremiums.

insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
darthkai 13.06.2013
1.
Mich würden ja eher gute Zahlen bei öffentlichen Bauprojekten schockieren...
freekmason 13.06.2013
2.
Zitat von sysopDPAStockende Bauarbeiten, wütende Mitarbeiter, Ärger mit dem Aufsichtsrat: Dem neuen Berliner Flughafenchef Hartmut Mehdorn macht sein Job unerwartet schwer zu schaffen. Nun veröffentlicht er katastrophale Geschäftszahlen für 2012. Bei vielen Mitarbeitern hat er Sympathien bereits zum großen Teil verspielt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/jahresbilanz-flughafengesellschaft-macht-hohe-verluste-a-905575.html
rofl. made my day!
Monukly 13.06.2013
3. Warum
zieht Berlin nicht einfach in die Nähe eines funktionierenden Flughafens
eisbaerchen 13.06.2013
4. ..und will nun auch Schadenersatzansprüche prüfen lassen...
Zitat von sysopDPAStockende Bauarbeiten, wütende Mitarbeiter, Ärger mit dem Aufsichtsrat: Dem neuen Berliner Flughafenchef Hartmut Mehdorn macht sein Job unerwartet schwer zu schaffen. Nun veröffentlicht er katastrophale Geschäftszahlen für 2012. Bei vielen Mitarbeitern hat er Sympathien bereits zum großen Teil verspielt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/jahresbilanz-flughafengesellschaft-macht-hohe-verluste-a-905575.html
prima, dann sollen diese Politikpfeifen mal am besten bei sich selbst anfangen!
Velociped 13.06.2013
5. Vorbild S-Bahn
Die Probleme der Berliner S-Bahn sind direkt auf die Firmenpolitik von Mehdorn als er Bahnchef war zurückzuführen. Nun soll also derjenige, der Berlin schon einmal in die verkehrliche Katastrophe geführt hat, Berlin aus dieser befreien? Mehdorn wird poltern, komische Vorschläge machen und Meilensteine kreativ interpretieren. Erfolg sieht anders aus!
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