Jahrzehnt der Schnäppchenjagd Geiz war geil

Sparen, sparen, sparen: In den 2000ern haben Discounter die Kaufgewohnheiten revolutioniert. Doch der Preisverfall hat seinen Preis: Wir verzichten auf Service - und lassen uns immer neue Gebühren aufdrücken.

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Billig will ich: Wie Discounter und Ketten uns verändern
Ikea hat es vorgemacht: Den Bausatz fürs Billy-Regal wuchten Kunden sich selber aus dem Regallager. Sie schieben ihn zur Kasse und ziehen ihn dort an Kassen-Scanner vorbei. Dann zahlen sie an einem Karten-Terminal, fahren nach Hause und stecken ihr Regal in Eigenregie zusammen. Die Kunden erledigen alles im Alleingang, nicht ein einziger Ikea-Mitarbeiter ist für den Vorgang des Einkaufens mehr nötig.

So weit ist es gekommen. Noch den letzten Handgriff übernehmen die Kunden selbst - und fühlen sich sogar gut dabei. Schließlich wurden sie in den vergangenen zehn Jahren konsequent auf billig trainiert. Es war das Jahrzehnt der Schnäppchen, Dauertiefstpreise und Sonderangebote. Das Jahrzehnt, in dem Geiz plötzlich "geil" wurde, wie es der Elektrodiscounter Saturn mit seiner Werbung den Rabattjägern ab 2003 in die Köpfe hämmerte.

Anpacken und Sparen war in diesem Jahrzehnt nicht länger nur die Überlebensstrategie der Armen. Geizen wurde zum Volkssport, getreu dem Motto der Media-Markt-Werbung: "Ich bin doch nicht blöd". Doch zahlen die Kunden am Ende wirklich weniger als früher?

Tatsächlich führten Unternehmen in den 2000ern immer neue Gebühren für ehemals selbstverständliche Leistungen ein. Es war das Jahrzehnt, in dem der Chef einer Billig-Airline ernsthaft darüber nachdachte, seine Passagiere nur noch gegen Gebühr auf die Bordtoilette zu lassen.

Jeden Tag ein neuer Discounter

Der Aufschrei blieb aus, weil der innovative Preisaufschlag nur die konsequente Entwicklung einer allgemein akzeptierten Haltung ist. "No frills", kein Schnickschnack, heißt das Mantra. Wenn sie auch nur das Gefühl haben, ein paar Euro zu sparen zu können, nehmen die Kunden willig Strapazen in Kauf.

Im Internet fahnden sie nach dem Online-Shop mit dem niedrigsten Preis, sparen ein paar Euro und laufen Tage später mit einem Abholzettel des Paketdienstes zur nächstgelegenen Abholstation, um dort 20 Minuten in der Schlange zu stehen. Währenddessen macht das Fachgeschäft gegenüber für immer dicht.

Nur nicht zuviel ausgeben, auch nicht für Lebensmittel. Die Deutschen zahlen im europäischen Vergleich Spottpreise für ihre Nahrung. Discounter wie Lidl, Penny und Aldi helfen ihnen dabei. Die fünf größten Handelsunternehmen machen 75 Prozent des Lebensmittelumsatzes. Sie liefern sich einen erbitterten Preiskampf - und eröffnen laufend neue Filialen.

Rein rechnerisch hat in den vergangenen zehn Jahren an jedem Werktag irgendwo in der Republik ein neuer Discounter eröffnet. Die Branche, deren Öffentlichkeitsarbeit gegen Null tendiert, bringt es laut den Analysten von Planet Retail auf knapp 16.000 Billig-Supermärkte in Deutschland. Die Tiefstpreise haben Folgen: Beschäftigte klagen über niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen, noch dazu wurden etliche von Vorgesetzten und Privatdetektiven schikaniert - wie im Fall Lidl.

Ketten überschwemmen die Innenstädte

Den Kunden scheint das egal zu sein. Sie wollen alles, aber günstig, und die Discounter geben es ihnen. Ohne Rücksicht auf die Preis-Schmerzgrenze der Produzenten, die gegen die Marktmacht der großen fünf Handelsunternehmen, auf die 75 Prozent des Lebensmittelumsatzes entfallen, wenig ausrichten können. Während die Preise weiter nach unten purzelten, zogen in den 2000er Jahren wütende Bauern durch die Straßen und protestierten für faire Milchpreise.

Dabei betrifft die Macht der Discounter nicht nur Kunden und Produzenten. Das Billig-Jahrzehnt mit seinen Preisverrückten Shoppern hat auch die Innenstädte verändert. In den Einkaufsstraßen bietet sich allerorten das gleiche Bild: Dort ist H&M, hier ein McDonald's, da ein Billig-Bäcker. Die Uniformität der Innenstädte ist der Preis für das Preisbewusstsein der Verbraucher.

McDonald's verkauft Burger für einen Euro, 300 neue Bratstationen sind seit dem Jahr 2000 dazugekommen. H&M hat im vergangenen Jahrzehnt 158 neue Geschäfte aufgemacht, ein Top kostet hier knapp sechs Euro. Noch billiger geht es beim Textil-Discounter Kik. 1900 neue Läden haben in den 2000ern eröffnet, zunächst vor allem in günstigen Randlagen. Doch mittlerweile drängt die Billig-Kette auch in die City. Ebenso wie Back-Discounter, in denen Hilfskräfte vorgefertigte Teigrohlinge erwärmen, die sich die Kunden dann selber aus den Regalen holen und zur Kasse tragen.

Einkaufszentren ersetzen Warenhäuser

Die Verbraucher machen bereitwillig mit. Die Deutschen stürmen die Discounter und lassen ihr Geld in den immer gleichen Filialen. So knüpfen die erfolgreichen Handelsketten ein immer engeres Filialnetz. Ihre gestylten und betriebswirtschaftlich durchoptimierten Shops verdrängen den lokalen Einzelhandel. Das ist der Markt. Weil sie so groß sind, können sie ihre Kunden mit kaum schlagbaren Angeboten locken und großflächige Werbekampagnen schalten.

Nicht nur große Handelsketten verändern die Städte, auch immer neue Einkaufszentren entstehen. Wie in Braunschweig, wo das historische Stadtschloss als Shopping-Center wiedererrichtet wurde. Dahinter steckt, wie so oft, die Hamburger Firma ECE, die etwa jedes fünfte Center in Deutschland betreibt. In den vergangenen zehn Jahren hat ECE die Zahl ihrer Einkaufszentren von 60 auf 118 nahezu verdoppelt. Hinter der Fassade des historischen Stadtschlosses aus dem 18. Jahrhundert trifft man die alten Bekannten: Seit der Eröffnung 2007 kann man bei Saturn, Thalia, H&M und Co. shoppen. Ob mit oder ohne Mall: Die Städte verketten.

Schnäppchen-Run mit Lebensgefahr

Der traurige Höhepunkt des Schnäppchen-Jahrzehnts war schließlich eine Nacht im September 2007. In Berlin lockte ein neuer Media Markt mit aggressiven Angeboten zur mitternächtlichen Eröffnung. Tausende stürmten das Geschäft im Alexa-Einkaufszentrum, Scheiben barsten, es gab Verletzte. Die Polizei karrte eilig weitere Einsatzkräfte herbei und schloss den Laden, um Todesfälle zu verhindern.

So erfolgreich sind die Abverkaufsflächen, dass sich innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Saturn- und Media-Märkte in Deutschland auf 375 Geschäfte mehr als verdoppelt hat. Auch in Berlin gab es vor dem lebensgefährlichen Run auf den Media Markt bereits mehr als ein Dutzend Filialen der Elektrokette - trotzdem kamen zur Neueröffnung im Alexa-Zentrum Tausende. Rund eine Stunde nach Eröffnung des Media-Markts waren hundert Beamte im Einsatz, Rettungswagen reihten sich vor dem Eingang. Die Bilanz des ersten Tages: 15 Verletzte.

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Mulharste, 28.12.2009
1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopSparen, sparen, sparen: In den 2000ern haben Discounter die Kaufgewohnheiten revolutioniert. Doch der Preisverfall hat seinen Preis: Wir verzichten auf Service - und lassen uns immer neue Gebühren aufdrücken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,666641,00.html
Da will ich gleich vorneweg *klugscheißen* Selber schuld - liebe Nation! Die die es sich leisten können, verzichten lieber auf Qualität und "Anstand", anstatt den Einkauf an sich auch einfach zum Event zu machen. Es kann befriedigend sein, statt des SUpermarktbesuches alle EInzelhändler abzufahren.... Es kann ein Erlebnis sein, im NICHT DISCOUNTER einzukaufen, die Atmosphäre, eine Beratung, Proben, schöne Auslagen, Düfte - - und hintendran 3,50 € mehr....na und?! Ausdrücklcih ausgenommen sind hier Menschen, die auf Grund Ihres (Nicht)Einkommens auf die Discounter angewiesen sind. Das ist kein Vorwurf....
Poisen82, 28.12.2009
2. .
Zitat von sysopSparen, sparen, sparen: In den 2000ern haben Discounter die Kaufgewohnheiten revolutioniert. Doch der Preisverfall hat seinen Preis: Wir verzichten auf Service - und lassen uns immer neue Gebühren aufdrücken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,666641,00.html
Seien wir einmal ehrlich, als Ladenbesitzer schreie ich doch auch gerne "Geiz ist Geil" und "Ich bin doch nicht blöd" wenn ich dann meine Waren zu einem überteuerten Preis verkaufen kann. Weswegen sollte ich in einem Kaufhaus meine Waren einkaufen? Wegen den guten Preisen? Wegen der Fachkenntnisse der Angestellten? Oder dem guten Kundenservice? Das gibt es dort nicht. Genauso schaut es doch bei den meisten Fachgeschäften aus. Nicht auf Lager. Teuer Verkaufen und den Kunden danach vergessen. Wenn ich mich eh im Internet informieren muss um etwas über die Geräte meiner Wahl zu informieren, kann ich es auch gleich da kaufen. 1000 Klitschen sind auch 10.000 Arbeitsplätze also zieht das Argument der verlorenen Arbeitsplätze auch nicht. Ob jetzt der kleine Fachmarkt morgen verschwunden ist oder die Internetklitsche das Ergebnis ist das Gleiche, desweiteren gibt es auch Warenversandhäuser im Netz die sich einen Ruf erworben haben. Die Läden schreien nur auf da dem Kunden die Möglichkeit gegeben wurde zu vergleichen, warum soll ich eine Ware bei Karstadt kaufen wenn selbst die UVP des Herstellers niedriger ist? Weil die 400 Euro kraft die gestern noch Blumen verkauft hat so gut über HiFi informieren kann? Das Internet durchmischt den Markt und bricht die Marktmacht der Großunternehmen. Bei Lebensmitteln gehe ich sowohl im Aldi als auch auf dem Wochenmarkt einkaufen oder im Tante Emma Laden. JE nachdem was ich kaufen möchte und brauche.
roflem 28.12.2009
3. gierpain und painqual
Zitat von sysopSparen, sparen, sparen: In den 2000ern haben Discounter die Kaufgewohnheiten revolutioniert. Doch der Preisverfall hat seinen Preis: Wir verzichten auf Service - und lassen uns immer neue Gebühren aufdrücken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,666641,00.html
Die Schuld sehe ich an der Schnäppchensekte gierpain ( auch als ebay bekannt) und ihrer Geldwaschfirma painqual ( auch als paypal bekannt). Der natürliche Jagdinstinkt wird in der Schnäppchensucht sublimiert und hat den grössten Wertetransfer der letzten Jahrzehnte in Richtung Osteuropa zur Folge, für Schnäppchen die zu gut sind um wahr zu sein.
Poisen82, 28.12.2009
4. .
Zitat von MulharsteDa will ich gleich vorneweg *klugscheißen* Selber schuld - liebe Nation! Die die es sich leisten können, verzichten lieber auf Qualität und "Anstand", anstatt den Einkauf an sich auch einfach zum Event zu machen. Es kann befriedigend sein, statt des SUpermarktbesuches alle EInzelhändler abzufahren.... Es kann ein Erlebnis sein, im NICHT DISCOUNTER einzukaufen, die Atmosphäre, eine Beratung, Proben, schöne Auslagen, Düfte - - und hintendran 3,50 € mehr....na und?! Ausdrücklcih ausgenommen sind hier Menschen, die auf Grund Ihres (Nicht)Einkommens auf die Discounter angewiesen sind. Das ist kein Vorwurf....
Komischerweise wird im klassischen Einzelhandel meist die Bedienungsanleitung hervorgeholt oder im Netz geschaut, das kann ich auch selbst. Wirklich gute Beratung bekomme meist in Klitschen irgendwo im Industriegebiet, da bekommt man noch seinen Kaffee und eine Unterhaltung. Meist sind das auch die Klitschen die die Unschlagbaren Preise im Netz haben. Naja und die Discounter wie Mediablöd sind ja nicht an jeder Ecke weil die sich mit ihren Preisen selbst in den Konkurs treiben, sondern weil sie es schaffen unverschämte Preise dem Kunden als Schnäppchen zu verkaufen.
Bearhawk 28.12.2009
5. Endlich merkt's mal Einer
Mir sind diese Discounter mit ihren Selbstbedienungskassen ein Greuel. Wenn ein Markt mit diesen Kassen ausgestattet wird, beschwere ich mich beim Geschaeftsfuehrer und gehe danach nicht mehr dort einkaufen.Wenn ichs nicht vermeiden kann, gehe ich bewusst zu einer der Kassen an denen noch ein Mensch die Abrechnung macht. Fuer jede dieser Selbstbedienungskassen wird eine Kassiererin/Kassierer auf die Strasse gesetzt und wird dann eventuell zum Sozialfall, der von uns Allen unterstuetzt wird. D.h. der Gewinn so eines Unternehmen wird indirekt aus unser aller Sozialabgaben generiert, die Jahr fuer Jahr erhoeht werden. So kann das aber auf Dauer nicht weitergehen und wir Alle sollten uns unserer Verantwortung bewusst werden, wenn wir auch in einigen Jahren noch eine lebenswertes Deutschland haben wollen in dem Menschen auch noch arbeiten koennen/duerfen um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
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