Nach Abgang bei Siemens Das neue Leben der Ex-Vorständin Janina Kugel

Im Zwist mit Siemens-Chef Joe Kaeser verließ Personalchefin Janina Kugel den Konzern. Nun beschäftigt sie sich damit, wie Firmen die Corona-Pandemie überstehen.
Janina Kugel: Neu unterwegs als Beraterin und Aufsichtsrätin

Janina Kugel: Neu unterwegs als Beraterin und Aufsichtsrätin

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Jörg Carstensen/ DPA

Als Siemens-Chef Joe Kaeser vor gut einem halben Jahr gefragt wurde, ob er bedauert, dass seine Personalchefin Janina Kugel im Streit ausschied und ihren Job im Februar 2020 aufgeben möchte, wiegelte er ab. Der Kontakt werde nicht abreißen, versicherte Kaeser, er könne sich gut vorstellen, dass seine prominente Vorstandskollegin nach ihrem Weggang weitere Aufsichtsratsmandate für den Konzern übernehme.

Es blieb bei der Ankündigung. Kugel ist gerade dabei, sich neu zu erfinden - ohne Kaeser, und das mit einigem Erfolg.

Beim deutschen Siemens-Ableger der Tochter Healthineers ist die Managerin ausgeschieden, auch ihren Job im Stiftungsrat will sie demnächst aufgeben. Janina Kugel braucht die Unterstützung ihres einstigen Förderers nicht mehr. Sie hat bereits eine Sammlung an Mandaten, von der Beraterin bis zur Aufsichtsrätin.

Seit Anfang Mai fungiert sie als sogenannter Senior Advisor bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und kehrt damit zu ihren Wurzeln zurück. Die gebürtige Schwäbin hatte ihre Karriere einst beim Wettbewerber Accenture begonnen, bevor sie über Abstecher bei Siemens Italien und der Tochter Osram 2015 zur Arbeitsdirektorin des Konzerns aufrückte. BCG hatte die Aufsteigerin bereits 2018 zur Managerin des Jahres gekürt und feiert den Neuzugang der freien Beraterin überschwänglich in den sozialen Medien.

Ein erstes Projekt als Honorar-Beraterin für BCG hat Kugel zusammen mit anderen Mitarbeitern des Hauses schon erfolgreich abgeschlossen: einen Sieben-Punkte-Plan zur Neujustierung von Unternehmen nach der Corona-Pandemie unter dem Motto "new now" anstelle der oft strapazierten Form "new normal". "Es reicht nicht, die Rezepte aus der Vergangenheit erneut anzuwenden", sagte Mitautorin Kugel dem SPIEGEL, "die Krise bietet die Chance, die Art, wie wir künftig zusammenarbeiten, grundlegend zu ändern."

Blick auf Menschen statt nur Zahlen

Mit Kopf, Herz und Händen sollten Manager ihre Firmen jetzt durch die Krise führen, rät das neue Papier der Berater. Es gehe eben bei Führung nicht nur um Zahlen und Performance-Indikatoren, sondern um Menschen, wirbt Kugel auf ihrem Linkedin-Portal für den Ratgeber. "Wie willst du eine gute Führungskraft sein, wenn du nicht weißt, was dein Team antreibt und was es beunruhigt?"

Man könnte es als eine späte Abrechnung mit dem Siemens-System unter Kaeser interpretieren. Der Konzernchef hatte sie in ihrem Job zuletzt häufig ausgebremst und ihr teils den Rückhalt versagt, etwa beim zähen Ringen um den gefährdeten Standort in Görlitz.

Jetzt, auf dem Weg in ein neues berufliches Leben, hat die einstige Kaeser-Vertraute auch ohne Siemens gut zu tun. Sie berät Unternehmensangaben zufolge das schwedische Private Equity Unternehmen EQT und kontrolliert den finnischen Kranhersteller Konecranes.

Am stärksten dürfte sie in den kommenden Monaten wohl ihr Aufsichtsratsmandat beim Pensionssicherungsverein der Deutschen Wirtschaft (PSV) beanspruchen. Die Organisation übernimmt die Ruhestandsverpflichtungen von Unternehmen nach der Insolvenz – zu Lasten der Mitglieder, deren Beiträge dadurch meist steigen. Kommt es im Zuge von Corona zu der befürchteten Pleitewelle, dürften Sondersitzungen des PSV-Aufsichtsgremiums fällig werden. Wie es aussieht, wird es Janina Kugel in den kommenden Monaten nicht langweilig werden.