"Washington Post"-Käufer Bezos Vom Raumschiff-Bastler zum Zeitungsverleger

Jeff Bezos schuf mit Amazon den weltgrößten Online-Händler, er scheffelte Milliarden und will Raumschiffe ins All schicken. Nun kauft er die "Washington Post". Dort will Bezos sich zurückhalten. Doch die Rolle als stiller Eigentümer passt nicht zu ihm.

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New York - Am Tag danach meldet sich einer der beiden berühmtesten Journalisten der "Washington Post" zu Wort und verbreitet Optimismus: "Jeff Bezos scheint mir genau der Richtige zu sein für eine Rückbesinnung auf großartigen Journalismus", sagte Carl Bernstein. Der Reporter hatte Anfang der siebziger Jahre mit Bob Woodward den Watergate-Skandal aufgedeckt. Amazon-Gründer Bezos sei "kreativ und innovativ", lobte der mittlerweile 69-jährige Bernstein, und deshalb ein hervorragender Eigentümer für seine "Post".

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Heft 32/2013
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Für 250 Millionen Dollar übernimmt Bezos eine der renommiertesten Zeitungen der USA. Dazu kommen weitere Titel, darunter die ebenfalls in Washington ansässige "Fairfax County Times" und die spanischsprachige "El Tiempo Latino". Allerdings gehe das Printgeschäft der Washington Post Company an Bezos als Einzelperson und nicht an den weltgrößten Online-Händler Amazon, erklärte das Verlagshaus am Montag.

Ganz neu ist der Internetmilliardär nicht im Geschäft mit Medien und sozialen Medien - auch wenn er mit der "Post"-Übernahme in neue Dimensionen vorstößt. Zuvor hatte Bezos einige Millionen in den Kurznachrichtendienst Twitter und in die Nachrichtenseite "Business Insider" investiert.

Die Übernahme der "Post" markiert einen Meilenstein - für die US-Medienbranche, aber auch für Bezos selbst. Der Mann, der laut "Forbes" zu den 20 reichsten Menschen der Welt zählt, konzentrierte sich bislang voll auf Amazon. 1994 gründete er den Online-Buchhändler und brachte die Firma 1997 an die Börse. Zuvor hatte er Ingenieurwesen an der US-Eliteuni Princeton studiert und an der Wall Street gearbeitet. Den Finanzjob gab er auf, um seine Geschäftsidee im noch jungen Online-Business voranzutreiben.

Mittlerweile zählt Amazon Chart zeigen in der Branche zu den Schwergewichten mit einem umfassenden Sortiment und Bezos zu den Schwerreichen. Das unterstreicht er mit einigen kostspieligen Hobbys. So will er Reisen ins Weltall organisieren und baut sogar eigene Raumschiffe. Im September 2011 stürzte ein Prototyp bei einem unbemannten Testflug ab.

Bezos lässt sich davon nicht beirren, die Raumfahrt scheint ihn zu faszinieren. Anfang des Jahres fischte eine von ihm bezahlte Mannschaft Triebwerke der ersten amerikanischen Mondrakete "Apollo 11" aus dem Meer - aus mehr als 4000 Metern Tiefe.

Ein weiteres Hobby des Multimilliardärs klingt nicht weniger abgedreht: In einem Berg in Texas lässt Bezos das am längsten laufende Uhrwerk bauen. 10.000 Jahre lang soll der Dutzende Meter hohe Chronograf laufen und dabei auf immer neue Weise läuten.

Bezos gilt nicht als jemand, der schnell Kasse machen will

Was will so einer mit der "Washington Post"? Natürlich gibt es umgehend Befürchtungen, Bezos werde die Zeitung knallhart umkrempeln, mit dem Ziel, die maximale Rendite zu erzielen. Genährt werden solche Sorgen durch Äußerungen des Amazon-Chefs, in 20 Jahren werde es "keine Zeitungen mehr geben". Oder wenn, dann höchstens noch als Luxusartikel.

Nun läuten IT-Unternehmer seit jeher das Totenglöcklein für die Printbranche. Auch aus simplem Eigeninteresse. Microsoft-Gründer Bill Gates etwa ließ sich vor 20 Jahren zu der Prognose hinreißen, schon im Jahr 2000 werde es keine Zeitungen und Zeitschriften mehr geben.

Noch wichtiger ist aber, dass Bezos nicht als jemand bekannt geworden ist, der kurzfristig Kasse machen will. Im Gegenteil: Seit Jahren baut er den führenden Online-Händler Amazon mit massiven Investitionen aus. Den Umsatz hat er so bis auf 61 Milliarden Dollar gesteigert. Für das Ziel, Amazon zum wertvollsten Konzern der Welt zu machen, nimmt Bezos sogar Verluste in Kauf. 2012 stand unter dem Strich ein Minus von 39 Millionen Dollar.

Fiktive Pressekonferenzen bei Amazon

In einem Schreiben an die Mitarbeiter der "Post" bemühte sich Bezos, den Journalisten die größten Ängste zu nehmen - sprach aber auch von anstehenden Veränderungen. "Ich werde die 'Washington Post' nicht im Tagesgeschäft führen", schrieb er. Das Internet verändere nahezu jeden Aspekt des Nachrichtengeschäfts und darauf müsse sich auch die "Post" einstellen. Einen fertigen Plan habe er nicht. "Wir werden experimentieren müssen."

Auch wenn Bezos das Tagesgeschäft der alten Führung überlassen will - ganz raushalten wird er sich sicherlich nicht. Die alteingesessenen Redakteure der "Post" dürften sich auf einiges gefasst machen. Bezos' Führungsstil bei Amazon lässt sich getrost als eigenwillig bezeichnen. In Besprechungen soll er häufig einen Stuhl freilassen - für den imaginären Kunden. Auch fiktive Pressekonferenzen müssen die Amazon-Leute laut manager magazin durchführen.

Bevor Bezos sich in ein neues Geschäftsfeld wagt, läuft das dann so: Mitarbeiter formulieren eine Pressemitteilung und präsentieren das Projekt. Andere Kollegen übernehmen die Rolle von Journalisten - und fragen kritisch nach. Klingen die Argumente nicht überzeugend, wird das Projekt verworfen. Im Falle der "Washington Post" stehen ihm dafür nun die echten Profis zur Verfügung.

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H.Lorenz 06.08.2013
1. Tomorrow never dies
Zitat von sysopREUTERSJeff Bezos schuf mit Amazon den weltgrößten Online-Händler, er scheffelte Milliarden und will Raumschiffe ins All schicken. Nun kauft er die "Washington Post". Dort will Bezos sich zurückhalten. Doch die Rolle als stiller Eigentümer passt nicht zu ihm. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/jeff-bezos-portraet-des-amazon-gruenders-a-915074.html
Der Bond-Film von 1997 ist sicher reine Fiktion. Allerdings zeigt sich immer wieder, wer die Macht über die Medien hat, hat auch die Macht über Meinungsbildung. Und wer die Meinung erfolgreich beeinflußt, besitzt auch die politische und wirtschaftliche Macht. In Deutschalnd beweisen das jeden Tag auf's Neue der Bertelsmann Konzern, der Springer Konzern, kurz: Liz, Friede, Angela.
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